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Hamburger Bandenkrieg: Totgeglaubte leben länger

Im Hamburger Milieu braut sich ein Bandenkrieg zusammen. Es geht um viel Geld, das ein türkischer Gangster-Boss in Rechnung stellt. Und um einen Mann, von dem alle dachten, er würde nie zurückkehren.

Von Kuno Kruse

Das war so "ein Frauentyp, wie ein portugiesischer Fußballer", erzählt Gianni. Er war ihm als "Andrew", Clubbesitzer aus Italien, vorgestellt worden. "Andrew" habe dort einige Huren laufen, man könne vielleicht ins Geschäft kommen. "Der Italiener" sei neu in Hamburg, und ob er nicht bei Gianni übernachten könne oder mal mit ihm mitlaufen, "so Sightseeing durch die Szene, mal 'ne Nase ziehen, so 'n bisschen Gesabbel".

Gianni ist ein unbesorgter Hüne, mit Oberarmen wie Pferdeschenkeln, und vielleicht lag es daran, dass er kein Misstrauen hegte. "Mein deutsches Gemüt", sagt der Sexclub-Inhaber mit dem arabischen Vater, der deutschen Mutter und dem italienischen Namen. Andererseits war es ihm auch ganz recht, "Andrew" im Auto zu haben, denn am selben Tag hatte er noch einen Handel mit anderen Jungs, und eine schnelle Hand mehr kann im Hamburger Milieu niemals schaden.

"Ohne Kohle, nur aus Gefälligkeit"

Dass der "Italiener" im Landrover nichts anfasste, ständig auf das Navigationsgerät schielte, jedes Ziel erfragte, das machte Gianni dann aber stutzig. Der Typ prahlte, erinnert sich Gianni, "was er für 'n Held ist. Dass er mit Koks macht und auch mal ein paar Leute weg, manchmal auch ohne Kohle, nur aus Gefälligkeit".

Das war selbst Gianni, der einiges gewohnt ist, ein bisschen zu viel. Und warum telefonierte dieser Gigolo heimlich, sobald sie irgendwo ausgestiegen waren? Waren die Sprachfetzen, die er auffing, nicht Albanisch? Was wischte der da mit dem Tuch im Auto herum, als Gianni tankte?

Als sich das Fußball-Double dann auch noch nach Musa erkundigte, schlug das miese Gefühl in böse Gewissheit um. Da steckte mehr dahinter. Gianni setzte den smarten Gast am Puff ab. Er ließ sich vom Wirtschafter entschuldigen, er müsse zu seiner kranken Frau, mit dem Übernachten klappe es deshalb nicht, aber er habe für ihn schon ein Zimmer im "Suite"-Hotel reserviert und bezahlt. Der angebliche Italiener hat dort niemals eingecheckt.

Gianni war sich nicht sicher, ob der Killer es auf ihn abgesehen hatte: "Ich glaubte, der suchte Musa." Jetzt glaubt er, auf den Türken war ein anderer Killer angesetzt.

Gute Führung

Türken-Musa ist wieder in der Stadt. Die Nachricht ging wie Donnerhall durchs Milieu. Musa, der Kopf der "Gangster GmbH", jener Bande gnadenloser Migrantenkinder aus den Kampfsportstudios, die die Hamburger Luden einst das Fürchten gelehrt hatte. Nach ein paar Jahren Haft war Musa 2003 von Hamburg in die Türkei abgeschoben worden. Von dort kehrte er, inzwischen mit einer Polin verheiratet, Anfang des Jahres in die Hansestadt zurück. Er hatte sein Erscheinen vorher bei Staatsanwaltschaft und Ausländerbehörde angekündigt, meldete sich auf die Ladung zum Strafantritt termingerecht und pünktlich beim Polizeipräsidium und saß seine durch die Abschiebung unterbrochene Strafe ab.

Musas Name steht für Ungemach. Denn Musa hat noch eine Rechnung offen. Im Milieu spricht man von 1,5 Millionen Euro aus vermeintlichen "Anteilen", die ihm sein alter Partner Frank und dessen neue albanische Kompagnons schulden sollen. Die hätten, als Musa in den Knast ging, versprochen, sich zu kümmern. So, wie gute Freunde das zu tun pflegen. Es geht vor allem um Gewinne aus dem "Laufhaus" an der Hamburger Reeperbahn, jenem bekannten Bordell, in dem, so die Eigenwerbung, "achtzig internationale Girls" auf vier Etagen auf Kundschaft warten. Jeden Monat schlurfen dort 100.000 Besucher durch. Und es geht auch um eine Disco und den Straßenstrich "Süderstraße", ein Gewerbegebiet mit regem Durchgangsverkehr.

Die Rückkehr Musas erinnert an die Napoleons von Elba. Truppen sammeln sich, junge Nachrücker, die, voll Testosteron, mit den Hufen scharren, einige Abservierte, erste Überläufer, ein paar von den alten Türkenjungs. "Es gibt so einige hier, die noch eine Rechnung mit den Albanern offen haben", sagt Gianni.

Musa ist jetzt 40, er ist besonnener geworden. Es ist, als halte er sich von alledem fern. Niemand hatte mehr mit seiner Rückkehr gerechnet, nachdem er sich zu Hause in der Türkei bei einem Streit im Familienkreis einen Bauchschuss eingefangen hatte. Für Musa ein Missverständnis: "Der hatte einfach Angst." Er lag lange im Koma, und in Hamburg dachte eigentlich niemand, dass er das Geld noch brauchen würde.

Gesehen werden

Wieder in Freiheit, tut Musa nichts. Er zeigt sich gesetzestreu. Aber er zeigt sich auch in der Stadt, man sieht ihn im Stadtteil St. Georg, wo die billigen Huren stehen und jeden Tag Drogenmarkt ist, man sieht ihn in guten Restaurants im feinen Stadtteil Pöseldorf. Überall dort, wo er weiß, dass jemand das Handy nimmt und den Albanern Meldung macht, denen ganz oben. "Ich will keinen Krieg", sagt Musa. "Aber wenn die wollen, können sie mir einen blasen."

Der Türke ist nicht sehr groß. Wenn er scheinbar entspannt von der Café-Terrasse über die Alster sieht, erinnert er an Robert De Niro - in den zornigen Rollen. Dann legt er los, in perfektem Hochdeutsch, nennt sie "Bettnässer", "Ratten", "Lügenbarone", "Stricher".

Türken-Musa weiß, dass er im Milieu eine Legende ist. Er setzt darauf. Mit 17 überfiel er Juweliere, "von irgendwas musste man ja leben". Er schloss seine Jugend im Knast ab. Wieder entlassen, hielt sich der Kampfsportler an Menschen, die nicht immer gleich die Polizei rufen. "Welcher Lude, der die Frauen abkassiert, gibt denn schon zu, dass er selber abkassiert wird?" Wer nicht zahlte, ging zu Boden.

Musa zieht das Bein etwas nach. Wenn er die Sonnenbrille abnimmt, erscheinen die dunklen Augen sanft. Aber sie stehen enger als bei De Niro. Über den Killer auf Giannis Beifahrersitz kann er nur spotten: "Wenn die mich umlegen wollen, müssen sie sich ganz hinten anstellen. Das wollen viele." Auch wenn sie noch mehr Mörder vom Balkan anheuern, er ist sich sicher: "Die schlafen gerade unruhiger als ich."

Eine Aura, die Vorsicht signalisiert, ersetzt das Drahtige seiner Jugend. Mitte der Neunziger schlug seine "Gangster GmbH" härter zu, und sie zog schneller. Als damals "Muffel", mit zwei Meter Höhe und 100 Kilo Muskelmasse durchaus eine Größe auf dem Kiez, von irgendjemandem ins Gemächt geschossen wurde und auch Geldeintreiber Kalle Schwensen blutend von der Trage grüßte, suchten auch die ganz Großen Schutz bei Musa. Der Deal: Sicherheit gegen Teilhabe.

Schnellebiges Geschäft

"Mit Frauen", sagt Musa, "habe ich nie was gemacht. Ich bin kein Fleischhändler." Seine Dienstleistung war Security. Der Räuber beschreibt sich selbst gern als "Revolutionär". Seine Familie hatte sich immer eher links definiert. Anfang des neuen Jahrtausends wechselte Musa in den Kapitalismus, Warentermingeschäfte, die wegen seiner eigenwilligen Geschäftsgebaren in die mehrjährige Gefängnisstrafe mündeten. Seine Partnerschaft im Bordellgeschäft, so die Version von Musa, war damit aber nicht aufgehoben. Er bat seinen alten Kompagnon Frank um treuhänderische Aufsicht und regelmäßige Zahlungen.

Der "Laufhaus"-Direktor Frank sieht das ganz anders. Er lässt ausrichten: "Die Ansprüche bestanden nie. Nur weil Musa pleite ist und in Wahnvorstellungen lebt, gibt es noch lange kein Geld aus Mitleid." Als Musa verschwand, waren die Zahlungen peu à peu eingestellt worden. Denn Frank hatte längst neue Partner gefunden. Die hatten durchaus einen Namen im Milieu, Sefi und Toni, gelegentlich konnte man von ihnen sogar in der Zeitung lesen: "Ich bin Toni. Ich bin Albaner. Ich schieße jetzt." So hatte es zum Beispiel eine Zeugin in einem Lokal gehört, bevor ein paar Kugeln die Beine eines Konkurrenten zerschmetterten.

"Albaner-Toni" hat aber auch schon einiges einstecken müssen. Ein Lude schoss ihn in einem Nachtclub vom roten Sofa. Toni überlebte. Auch die zwei Kugeln eines MEK-Beamten, die er sich bei einer Festnahme fing, brachten ihn nicht um. Er hätte also ahnen müssen, dass auch Musa sich von einer Kugel erholen kann. Dem steckt die aus der Türkei allerdings noch im Bauch, und er wäre sie gern los, in Deutschland lässt sich so was einfach besser machen als am Bosporus. Doch die Operation im Universitätsklinikum kostet 80.000 Euro. Jetzt braucht Musa das Geld, und der Kiez ist hochnervös. "Einige Albaner", sagt ein neutraler Beobachter der Szene, "haben sich erst mal zu einem Urlaub im Süden entschlossen." Auch Toni und sein Kollege Sefi sind gerade nicht erreichbar.

Albaner-Toni ist zu einigem Vermögen gekommen. Im Moment plant er einen riesigen Sauna-Puff. Sefi kümmerte sich zuletzt um das "Laufhaus" und ein Strip- Lokal auf der Großen Freiheit.

"Die Albaner sind die Bosse"

Auch Toni ist gereift, er hat in eine wohlhabende albanische Familie eingeheiratet, die in der Vergangenheit viel Glück hatte, vor allem im Spiel, aber auch im Geschäftsleben. Heute verfügt sie über interessante Immobilien rund um die Reeperbahn. Musa behauptet: "Die Stricher sind nur durch Verrat so mächtig geworden." Sie hätten Konkurrenten verpfiffen und deren Geschäfte übernommen.

Der Name dieser Familie wird nur noch mit großer Vorsicht im Zusammenhang mit dem Milieu genannt. Darüber wachen renommierte Anwälte. In letzter Zeit aber scheint sich das Glück von der Familie abzuwenden. Vergangene Woche erst haben zwei der Brüder 1 900.000 Euro Kaution gezahlt, um nach einer Verurteilung zu mehrjährigen Gefängnisstrafen das Justizgebäude verlassen zu können. Außerdem wurden zwei Cousins erwischt, die Kokain im Wert von einer Million Euro im Hamburger Hafen nicht ordnungsgemäß verzollt hatten. Jetzt ist ein großer Sauna-Sexclub zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben.

Für Türken-Musa ist das alles ganz einfach: Frank ist mit den Albanern ins Bett gestiegen, und für ihn ist klar, wer oben liegt: "Die Albaner sind die Bosse, und an die werde ich mich halten." Zumindest das mit den Bossen sehen viele auf dem Kiez genauso. Die Wetten stehen gegen Musa.

"Da braut sich ein Gewitter zusammen", sagt ein Anwohner der Reeperbahn. Schon im März, Musa war gerade wieder da, gab es das erste Wetterleuchten: Ismael, Boxer und Restaurantbesitzer auf dem Kiez, hatte sich in den Stunden zwischen Musas Rückkehr und Haftantritt mit ihm gezeigt und war als dessen Unterhändler betrachtet worden. Ismael wurde daraufhin zu einer Shell- Tankstelle Nähe Süderstraße bestellt, nicht weit vom Straßenstrich. Da sich Musa zusammen mit Ismael bei der Kneipenrunde gerade noch auf albanischem Hoheitsgebiet gezeigt hatte, bestand die Hoffnung, dass Musa selbst den Termin wahrnehmen würde. So wartete dort gleich ein Dutzend bewaffneter Schlichter. Musa aber hatte seinen Blitzbesuch bereits mit einem Schritt durch das Gefängnistor abgeschlossen. An der Tankstelle schlug "Unterhändler" Ismael im Eifer des Gesprächs seinem Gegenüber die vordere Zahnpartie weg, spürte daraufhin das harte Holz von Baseball-Keulen und schied mit einer Kugel im Knie aus den Verhandlungen aus.

Aufbruchstimmung

Ein zufällig vorbeikommender Streifenwagen beendete das Meeting. Die über Funk alarmierte Verstärkung konnte noch Dariusch festnehmen, einen Kampfsportler aus der "Laufhaus"-Crew, der noch ein wenig um sich geballert hatte und jetzt als toller Hecht gilt, weil er so die Polizisten vom ungeordneten Rückzug seiner Delegation abgelenkt hatte.

Die Polizei sammelte ein paar Schießeisen bekannter Marken ein, wie Smith & Wesson oder Glock. Die Ärzte versorgten Ismael und die Richter Dariusch, mit zwei Jahren auf Bewährung. Seitdem hat die Polizei das Geschehen auf dem Schirm. Denn im Kraftzentrum von St. Pauli sortieren sich die Interessen neu. Gianni steckt mittendrin.

Ihm waren die Kaffeebecher hinter der Windschutzscheibe aufgefallen, als er von oben aus seinem Fenster auf den schwarzen Audi hinabsah, der vor seinem Haus parkte. "Erst dachte ich, es wäre die Schmiere", erzählt er. Als aber ein Kerl im schwarzen Mantel ausstieg, um sich die Frühstückskrümel vom Bauch zu schütteln, und Gianni die Glatze sah und die Goldkette, da dachte er, dass es jetzt an der Zeit wäre, seine Freundin über den Hinterausgang verschwinden zu lassen.

Die Schattenarmee

Er hatte den Schwarzmantel erkannt. Und er war nicht überrascht, weil dieser schon einmal mit von der Partie war, als man zwecks Aussprache über umstrittene 20.000 Euro mit einer Pistole auf ihn gezielt hatte. Handgemenge, zwei Schüsse. Ein Querschläger verletzte Giannis Freundin damals leicht am Bein.

Jetzt genügte ein Anruf bei Musa. Es dauerte nicht lange, und die Belagerer vor dem Haus standen für ein Gespräch zur Verfügung, das mit "Verpisst euch!" endete. Der kleine Milieu-Streit kann als geklärt gelten. Beide Seiten mussten erfahren, dass sie zu Musas Schattenarmee gehören. Gianni sagt: "Ganz ehrlich, eigentlich macht mir das Spaß. Aber 's wär' echt besser, es geht offen los."

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  • Kuno Kruse
    Kuno Kruse

    Autor im Ressort Gesellschaft