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Geständnis: Prozess um Horrorfahrt von Hameln: So grausam quälte Nurettin B. seine Frau

Es ist eine Tat von unfassbarer Brutalität: Nurettin B. hat gestanden, seine Frau in Hameln mit einem Seil an sein Auto gebunden und mit hoher Geschwindigkeit über die Straße gezogen zu haben. Zum Prozessstart kamen erschütternde Details ans Licht.

Von Franziska Seiffert, Hannover.

Prozessbeginn um die Horrorfahrt von Hameln: der Angeklagte, Nurettin B.

Prozessbeginn um die Horrorfahrt von Hameln: Regungslos lauscht der Angeklagte, Nurettin B., den Ausführungen der Prozessbeteiligten. Wortlos lässt er das Treiben im 217. Saal des Landgerichts Hannover an sich vorüberziehen.

Beispiellos brutal ging Nurettin B. am 20. November 2016 vor. Der Tag, an dem er seine ehemalige Lebensgefährtin, Kader K., beinahe tötete. Nurettin B. schlang an diesem Sonntagabend ein Seil um den Hals von Kader K., befestigte es an der Anhängerkupplung seines VW Passats und setzte sich auf den Fahrersitz. Dann drehte er den Zündschlüssel und stieg aufs Gaspedal. Er raste daraufhin mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde durch die Hamelner Innenstadt. Die ganze Zeit über hatte auch ihr gemeinsamer Sohn im Auto gesessen. Die Schreie von Kader K. begleiteten die Fahrt. Irgendwann verstummten sie. 250 Meter weit schleifte er Kader K. hinter sich her. Dann löste sich das Seil um ihren Hals und sie blieb regungslos auf dem Asphalt liegen. Zurück blieb nur eine Spur von Kader K.s Blut.

Die Hintergründe dieser Tat werden jetzt im Landgericht in Hannover beleuchtet. Die Anklage lautet auf versuchten Mord. Über das Motiv konnte bisher nur spekuliert werden. Kader K. und Nurettin B. hatten um das Sorgerecht des gemeinsamen Sohnes gestritten. Am Vorabend der Tat eskalierte die Auseinandersetzung erneut. Am folgenden Sonntagabend gipfelte die Auseinandersetzung in der Horrorfahrt. 

Das Geständnis

Am ersten Prozesstag legte Nurettin B. ein umfassendes Geständnis ab. Sein Verteidiger verlas die Einlassung: "Ich bekenne mich schuldig, diese grauenvolle widerliche und abscheuliche Tat begangen zu haben. Für das was ich getan habe, gibt es keine Vergebung." Nurettin B. regt sich nicht. Es scheint, als würden die Worte einfach an ihm vorüberziehen. Er sprach am heutigen Tag kein einziges Wort. Sein Verteidiger hatte ihm dieses Schweigegelübde auferlegt. Die verlesenen Worte geben seine Beweggründe ungeschönt wieder: "Ich habe sie einfach nur töten wollen." Von "unbändigem Hass" ist die Rede und davon, dass er eigentlich sich selbst das Leben nehmen wollte. Der Einlassung nach war die Tat nicht geplant.

Das Geständnis endet mit Worten der Reue und Entschuldigung: "Vor allem gegenüber Frau K. und unserem Sohn empfinde ich tiefe, tiefe Schuld. Das wird auch für den Rest meines Lebens so bleiben." Ihrem Anwalt zur Folge sagte Kader K., dass sie dieses Geständnis auch hätte nehmen und zerreißen können. Sie glaubt davon kein Wort. Entsprechend blieb sie der Verhandlung während der Verlesung fern, wartete lieber im Zeugenschutzraum auf ihre Vernehmung.

Der Tag des Opfers

Der Prozessauftakt war der Tag des Opfers. Kader K. wurde als Zeugin vernommen. Ihre Familie stärkte ihr den Rücken. Geschlossen besetzen sie die letzte Reihe im Saal. Nurettin B. blieb allein. Seine Familie ist dem Prozess fern geblieben. Die Verteidiger hatten dazu geraten. Eine Eskalation zwischen den kurdischen Familien sollte mit allen Mitteln unterbunden werden.

Kader K. ist zierlich. Schüchtern betritt sie den Gerichtssaal, nickt dem dort wartenden Publikum einmal freundlich zu. Dann setzt sie sich zwischen ihre Anwälte. Ihre psychosoziale Prozessbegleiterin wich ihr nicht mehr von ihrer Seite. Es ist still im Verhandlungssaal. Kader K. atmet schwer. Ihre Beine zittern während sie ihre Stimme erhebt, um zu erzählen, was Nurettin B. ihr angetan hat. Sie erzählt, wie sie Nurettin B. kennenlernte und wie es dazu kam, dass sie ein Paar wurden und nach islamischem Recht heirateten.

Kader K. und Nurettin B. sind Kurden. Beide aber besitzen einen deutschen Pass. Sofort nach der Heirat habe der ganze Horror angefangen. Sie berichtet, dass Nurettin B. sie regelrecht einsperrte, ihr sogar den Umgang mit der eigenen Familie verbat. Sie habe sich gefühlt als wäre sie seine Sklavin. Immer wieder habe sie versucht sich zu wehren. Wieder und wieder hätte er sie beleidigt und sogar bespuckt. Sie habe gehofft, dass er sich ändert. Dass der gemeinsame Sohn ihn ändert. Aber auch nach der Geburt änderte sich nichts. Kader K. suchte Hilfe beim Jugendamt. Sie bekam sie nicht. "Keiner hat mir geholfen", sagt Kader K. über diese Zeit. Zwischendurch schlagen ihre Worte in Schluchzer um. Kader K. kämpft sich durch ihre Aussage.

Ihr Anwalt erklärt, warum der Prozess für seine Mandantin so wichtig ist: "Sie will verstehen, warum das passiert ist." Kader K. will den gesamten Prozess verfolgen. Sie hofft, sie könne die Geschehnisse vielleicht eines Tages überwinden. Davon ist sie noch weit entfernt. Jede Nacht wacht Kader K. schreiend auf. Immer und immer wieder hat sie denselben Traum: "Er rennt hinter mir her und ich laufe und laufe und laufe und dann irgendwann falle ich und frage mich, was ich tun soll."

Ein gestörtes Frauenbild

Der erste Prozesstag zeichnet das Bild eines Mannes mit einem gestörten Frauenbild. Ein Frauenbild, das mit der westlichen Gesellschaft nicht in Einklang zu bringen ist. Frauen sind für Nurettin B. von geringem Wert. Kader K. zitiert ihn mit den Worten: "Frauen müssen Sklaven sein."  Wie ein Roboter habe sie sich gefühlt. Immer musste sie seinen Anweisungen Folge leisten. Das konnte und wollte Kader K. nicht: "Ich bin doch ein Mensch, ich liebe meine Freiheit." Auch seine letzte Frau habe er tot sehen wollen, berichtet sie weiter.

Welche Rolle seine Herkunft bei der Entstehung seines Frauenbildes hatte, lässt sich nur erahnen. Zu wenig ist derzeit über seine Vergangenheit bekannt. Gegenüber einer Arbeitskollegin äußerte er: "Frauen haben in Deutschland zu viele Rechte." Eines Tages dann erkannte Kader K., dass ihr gemeinsamer Sohn genauso werden würde wie der Vater, wenn sie nicht handelt, "dann habe ich mich getrennt".

Die grausame Tat von Hameln

Die geladenen Zeugen schildern, was sie gesehen haben. Nurettin B. kann sich nicht mehr erinnern. Die Aussagen zeichnen das Bild einer unvorstellbar grausamen Tat. Bei der geplanten Übergabe des Sohnes explodierte Nurettin B.s angestauter Hass. Der Grund waren die dauernden Streitigkeiten über das Sorgerecht und über die Unterhaltszahlungen. Jetzt sollte ihm das Konto gepfändet werden. Nurettin B. schlug zunächst mit den Fäusten auf Kader K. ein und griff dann zu einem Messer. Mit der 14 cm langen Klinge stach er auf sie ein. Zwei Stiche verletzten sie schwer. Einer verfehlte das Herz nur um Haaresbreite.

Anschließend griff Nurettin B. zu einer Axt, schlug mit der stumpfen Seite auf ihren Kopf und Oberkörper ein. Zeugen sahen ihn dann ein Seil aus dem Auto holen. Sie versuchten noch ihn davon abzuhalten. Nurettin B. reagierte nicht auf ihre Schreie. Stattdessen macht er an jedem Seilende eine Schlaufe. Ein Ende befestigt er an seinem Wagen. Das andere legte er Kader K. um den Hals. In seinem Geständnis schildert er seinen Gemütszustand: "Ich habe einen solchen Hass in mir gespürt. Ich habe sie einfach nur töten wollen."

Zeugen berichten, dass er dann mit einem Ruck losgefahren sei. Die leblose Frau zog er hinter sich her. Ein anderer Zeuge sah Kader K. durch die Luft fliegen als sich das Seil löste. Röchelnd blieb sie am Straßenrand liegen. Nurettin B. aber raste weiter. Unklar bliebt hierbei, ob er überhaut realisierte, dass sich das Seil gelöst hatte.

Der Täter

Im Anschluss an die Verhandlung gibt der Verteidiger einen Einblick in den seelischen Zustand seines Mandanten. In den letzten Tagen habe er begonnen das Unrecht seiner Tat zu erkennen. Die Untersuchungshaft habe dafür gesorgt, dass sich Nurettin B. mit sich selber auseinandersetze. Der Druck auf seinen Mandanten sei immens. Nach und nach sei Nurettin B. davon abgerückt, sich selbst als Opfer der Ereignisse zu sehen, als hilflosen Vater gegen den sich die ganze Welt verschworen hat.

Seinem Mandanten mangele es an der Fähigkeit der Selbstreflexion, erklärt sein Verteidiger. Der Hass auf seine ehemalige Lebensgefährtin sei ausschlaggebend gewesen. Die Verarbeitung der Tat führte zu dem umfassenden Geständnis. Nurettin B. stehe jedoch erst am Anfang eines langen Weges.

Zwei weitere Verhandlungstage hat der Richter anberaumt. Mit dem Urteil kann bereits am 31. Mai gerechnet werden. 

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