Hedge-Fonds-Manager Fluchtversuch wie im Groschenroman


Eigentlich hätte Hedge-Fonds-Manager Samuel Israel im Juni eine lange Haftstrafe antreten sollen. Doch er verschwand spurlos und hinterließ Hinweise auf einen Selbstmord. Die Polizei blieb misstrauisch: Israel hatte kurz vor seinem Verschwinden noch einen teuren Wohnwagen gekauft.
Von Matthias B. Krause

Die Richterin war mit ihrer Geduld am Ende. Als der geschwächte Angeklagte langsam auf seinen Stuhl sank, herrschte sie ihn an: "Wenn sie auf einem Motorroller zur Polizei fahren und sich stellen können, dann können sie auch in meinem Gerichtssaal stehen." Dann sprach sie ihr Urteil: Samuel Israel, 49, muss direkt ins Gefängnis, bekommt keine medizinische Sonderbetreuung mehr, seine auf 500.000 Dollar festgesetzte Kaution ist verfallen. Wie viel wegen seines missglückten Fluchtversuches mit vorgetäuschtem Selbstmord noch auf die 20 Jahre raufgeschlagen werden, die Israel wegen Betrugs absitzen muss, ist offen. Das Gesetz sieht bis zu zehn Jahre vor.

Die Posse, die sich in den vergangenen Wochen um die spektakuläre Flucht des New Yorker Hedge-Fonds-Managers abspielte, betrachten sie an der Wall Street mit wachsender Beunruhigung. Einige von ihnen müssten in der nächsten Zeit Anklagen fürchten, weil sie ihre Anleger angeblich über die Risiken täuschten, die mit Investitionen in den amerikanischen Immobilienboom einhergingen. Die Blase ist mittlerweile geplatzt und die ersten werden in Handschellen abgeführt. Wie Mitte Juni die beiden ehemaligen Hedge Fonds-Manager von Bear Stearns, Ralph Cioffi und Matthew Tannin. Cioff musste vier Millionen Dollar Kaution aufbringen, Tannin 1,5 Millionen, um vorläufig wieder auf freien Fuß gesetzt zu werden. Ungewöhnlich hohe Summen, sind sich die Juristen einig.

Hohe Kautionen sind ein politisches Statement

"Hohe Kautionen sind in diesen Tagen ein politisches Statement", sagt Robert Delahunt, ein ehemaliger Staatsanwalt, der in einer auf Wirtschaftsfälle spezialisierten New Yorker Kanzel arbeitet. Die Richter fürchteten, dass gewiefte Fonds-Manager mit täglichen Millionen-Umsätzen genügend Mittel und Wege hätten, Geld für schlechte Zeiten beiseite zu schaffen. Die Posse um Israel könnte allerdings Zweifel daran aufkommen lassen, wie gewieft einige von ihnen wirklich sind. Der einstige Chef der Bayou Investment-Gruppe, die 2005 Pleite ging und 450 Millionen Dollar vernichtete, hätte am 9. Juni seine 20-jährige Haftstrafe antreten sollen. Doch statt ins Gefängnis zu fahren, parkte er seinen Geländewagen an einer 40 Meter hohen Brücke über dem Hudson nördlich von New York und verschwand spurlos. Auf der Motorhaube des Autos stand in den Staub gemalt: "Suicide Is Painless" (Selbstmord ist schmerzlos), ein Refrain aus dem Titelsong des US-Fernsehhits M.A.S.H.

Die Polizei suchte die Gegend um die Brücke nur halbherzig nach einer Leiche ab, von Anfang an glaubten die Ermittler nicht an einen Selbstmord. Zum einen war ihnen verdächtig, dass an der Haube des Geländewagens eine Reihe von Kiefernnadeln klebten Die lassen sich zwar in der Einfahrt von Israels Haus finden, nicht aber dort, wo er den Wagen zuletzt abstellte. Das legte die Vermutung nahe, die Selbstmordbotschaft sei schon vor Fahrtantritt geschrieben worden. Die Ermittler gaben einen internationalen Haftbefehl heraus. Als sie zudem herausfanden, dass Israel kurz vor seinem Verschwinden ein Wohnmobil und einen Motorroller im Wert von über 50.000 Dollar gekauft hatte, begannen sie, nach Komplizen zu suchen.

Lebensgefährtin gesteht

Sie wurden schnell fündig. Israels langjährige Lebensgefährtin Debra Ryan gestand nach intensiver Befragung, sie habe ihm geholfen, das Wohnmobil zu besorgen und zu packen. Einen Tag vor seinem Verschwinden begleitete sie ihm zudem, als er das Fahrzeug in der Nähe der Brücke abstellte, an der er am nächsten Tag seinen Selbstmord vortäuschte. Dann nahm sie ihn in ihrem Wagen wieder mit nach Hause. Ryan wurde gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt und muss nun mit einer Anklage rechnen. Ihr droht eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren. Es gingen weitere zwei Wochen ins Land, ehe Israel auf seinem Motorroller auf einer Polizeistation nordwestlich von Boston im Bundesstaat Massachusetts auftauchte und sich stellte. Als Grund gab er an, er habe vor wenigen Tagen wirklich versucht, sich das Leben zu nehmen. Doch die Überdosis Schmerztabletten habe versagt und er sei danach schwer angeschlagen wieder aufgewacht: "Da habe ich verstanden, dass Gott nicht wollte, das ich das tue und habe mich gestellt." Die Wahrheit klingt, wie so oft, weniger nach Groschenroman. Demnach waren die Ermittler ihm dicht auf den Fersen und hatten Israels Mutter davon überzeugt, ihm ins Gewissen zu reden. "Sie hatte offensichtlich einen Einfluss auf ihn, wie das die Mütter oft haben", sagte Polizeisprecher Frank Dawson hernach, "er wusste, dass wir ihm nahe sind." Israel, der einst für 32.000 Dollar im Monat eine Villa von Donald Trump mietete, bleibt nun reichlich Zeit, sich an seine neuen, spartanischen Lebensumstände zu gewöhnen. Und an die Häme, die sie über ihn ausschütten. Die "New York Post" titelte: "Suicide Is Brainless" - Selbstmord ist hirnlos.


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