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Suche nach Motiv 100 Schuss Munition, Waffen aus dem Ausland – was wir über die Bluttat in Heidelberg wissen

Am Tag nach dem Amoklauf in Heidelberg legen Menschen vor dem Uni-Gebäude Blumen und Kerzen ab
Am Tag nach dem Amoklauf in Heidelberg legen Menschen vor dem Uni-Gebäude Blumen und Kerzen ab
© Uwe Anspach / DPA
Die Stadt Heidelberg steht unter Schock. Nach dem Amoklauf auf dem Unigelände wurden drei Menschen verletzt, zwei sind tot – darunter der Täter selbst. Noch sind viele Fragen offen.

Montag, kurz nach Mittag, auf dem Uni-Campus im Neuenheimer Feld in Heidelberg. Mitten in einem Hörsaal mit rund 30 Studierenden eröffnet ein junger Mann das Feuer. Drei Menschen werden durch die Schüsse leicht verletzt, eine junge Frau erliegt später ihren Verletzungen. Nach der Tat begeht der Schütze vor dem Gebäude Selbstmord. Einsatz- und Rettungskräfte sind schnell zur Stelle – die Polizei nimmt die Ermittlungen auf.

Erste Infos verkündet der Mannheimer Polizeipräsident Siegfried Kollmar noch am Montagabend. Bei dem Täter handele es sich um einen 18-jährigen Deutschen, der in Mannheim wohnte und Biologie studierte. Bislang sei er nicht polizeilich aufgefallen. Die beiden Langwaffen – von denen der Täter nur eine benutzt hatte – soll er erst vor wenigen Tagen im Ausland gekauft haben. Neben den Kaufbelegen beschlagnahmten die Beamten mehr als 100 Schuss Munition in seinem Rucksack. Er hätte also nachladen und weiter schießen können, machte Kollmar deutlich.

Am Tag danach herrscht in Heidelberg Fassungslosigkeit. Doch es gibt weiterhin offene Fragen: Was war das Motiv des Täters? Und wie konnte er in den Besitz der Waffen gelangen?

Polizei ermittelt zu Motiv und Waffenherkunft

Diesen Fragen will die Polizei nun mit einer 32-köpfigen Ermittlungsgruppe namens "Botanik" auf den Grund gehen, wie der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) am Dienstag mitteilte. Er sei sich sicher, dass es gelingen werde, rasch Licht ins Dunkel zu bringen. Der Name der Ermittlungsgruppe bezieht sich darauf, dass das betroffene Uni-Gebäude an den botanischen Garten grenzt.

Innenminister Strobl verkündete auch weitere Einzelheiten zum Tathergang: Um 12.24 Uhr am Montag seien die ersten Notrufe eingegangen. Sechs Minuten später seien die ersten Streifenwagen am Campus im Neuenheimer Feld eingetroffen. Um 12.32 Uhr habe der Vater bei der Polizei in Heidelberg angerufen und von einer Whatsapp-Nachricht seines Sohns berichtet, in der dieser die Tat angekündigt habe. Diese Nachricht war bereits bekannt. Der Täter habe geschrieben, "dass Leute jetzt bestraft werden müssen", sagte Polizeipräsident Kollmar am Montagabend und kündigte an, sein Umfeld in den nächsten Tagen "mit Hochdruck zu durchleuchten".

Bisherigen Erkenntnissen zufolge drang der Verdächtige mit einer Doppelflinte und einer Repetierwaffe in einen Hörsaal ein, in dem gerade ein Tutorium stattfand. Einer 23 Jahre alten Studentin habe er in den Kopf geschossen, berichtete Strobl. Die Frau erlag später ihren schweren Verletzungen. Leicht bis mittelschwer verletzt wurden außerdem eine 19- und eine 21-Jährige sowie ein 21-jähriger Mann. Der Täter lief dann offenbar nach draußen in Richtung des Botanischen Gartens und erschoss sich selbst. Dort hätten ihn Polizeibeamte ihn tot gefunden. Die Leichen des Täters und des Todesopfers werden derzeit rechtsmedizinisch untersucht, so Strobl.

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Das Motiv des Täters sei noch unklar, führte der Minister weiter aus. Seine Wohnung in Mannheim wurde durchsucht, die dort beschlagnahmten digitalen Geräte werden nun ausgewertet. Am Dienstag berichtete der "Mannheimer Morgen", dass der Mann im Berliner Stadtteil Wilmersdorf aufgewachsen sein soll. Bisher gebe es weder Hinweise auf eine politisch noch religiös motivierte Tat. Ob sich der Verdächtige in psychiatrischer Behandlung befunden habe, sei Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Strobl konnte zudem noch nicht beantworten, ob sich das Todesopfer und der Verdächtige kannten. Beide hätten Biowissenschaften studiert, sagte er. Ihm sei aber berichtet worden, dass Studierende zumindest für die Tutorien in Kohorten aufgeteilt würden und die beiden nicht in derselben Kohorte gewesen seien.

Generell könne ein Mensch zum Amokläufer werden, "weil er die vorhandenen oder die subjektiv wahrgenommenen Kränkungen von der Kindheit übers Jugendalter zum jungen Erwachsenenalter als besonders schlimm erlebt", sagte der Polizeipsychologe Adolf Gallwitz "SWR Aktuell". Amokläufer haben bei tödlichen Angriffen wie dem in Heidelberg ein gemeinsames Denkmuster. "Er hat eine grandiose Art des Untergehens gesucht", so Gallwitz. "Ein Suizid war ihm letztlich einfach zu banal." Die Täter seien keine Einzelgänger und "auch nicht immer nur Leute, die schwer psychisch krank sind".

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Nach der Bluttat in Heidelberg untersuchen Polizeibeamte auf dem Uni-Campus eine Waffe und einen Rucksack
© Sebastian Gollnow / DPA

Entsetzte Reaktionen aus der Politik

In Heidelberg selbst ist der Schock am Tag danach riesig. Oberbürgermeister Eckart Würzner (parteilos) sprach den Opfern und Angehörigen sein Mitgefühl aus. "Wir waren nicht nur fassungslos, wir können es eigentlich gar nicht glauben, dass so etwas bei uns in Heidelberg passiert." Ähnlich entsetzt äußerte sich die Studierendenschaft. "Wir sind unendlich schockiert. Das ist eine Katastrophe, die sich allem Denkbaren zwischen Vorlesungen, Klausuren und Unileben entzieht", sagte der Vorsitzende Peter Abelmann. Am Dienstagmorgen wurde der Betrieb auf dem Uni-Campus wieder aufgenommen, nur besagter Hörsaal blieb polizeilich versiegelt. Bereits am Montag hatten Studierende und Angehörige Blumen und Kerzen vor dem Gebäude niedergelegt.

Bundesweit zeigten sich Politikerinnen und Politiker fassungslos über die Bluttat in Heidelberg. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sprach den Opfern des Amoklaufs nach dem Bund-Länder-Gipfel sein Beileid aus. "Es zerreißt mir das Herz, solch eine Nachricht zu erfahren", sagte Scholz am Montagabend in Berlin. Er wolle seine "Bestürzung" zum Ausdruck bringen.

Siegfried Kollmar, Polizeipräsident des Polizeipräsidium Mannheim, spricht während einer Pressekonferenz zum Amok-Lauf in Heidelberg

Das baden-württembergische Landeskabinett gedachte der Opfer am Dienstag in einer Schweigeminute. "Diese schreckliche Gewalttat hat uns wirklich tief getroffen und erschüttert", sagt Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Der Regierungschef hatte zuvor bereits den Einsatz- und Rettungskräften für ihre Arbeit gedankt. Die drei Verletzten wurden am Dienstag nach ihren ambulanten Behandlungen in einer Klinik wieder entlassen. Sie befinden sich laut Polizei auf dem Weg der körperlichen Besserung.

Psychologische Betreuung für Studierende

Nach der Tat planen die Stadt Heidelberg sowie die Uni Trauerfeiern. Zudem bieten Kirchen und Opferschutzverbände wie der Weiße Ring psychologische und finanzielle Hilfen für Verletzte, Angehörige und Zeugen der Tat an. Sowohl Landesinnenminister Strobl als auch die Polizeigesellschaft warben dafür, die angebotene Hilfe anzunehmen. Studierende, die in dem Tutorium saßen, müssten das schreckliche Ereignis verarbeiten. Man sei auf 26 Studentinnen und Studenten und auf zwei Angehörige bereits zugegangen. Er hoffe sehr, dass sie "rasch an Leib und Seele genesen", sagte der CDU-Politiker. Auch der Polizei-Landeschef Ralf Kusterer riet zur psychologischer Betreuung: "Das werden sie ihr Leben lang nicht vergessen."

Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) betonte, die Attacke habe sich an einem Ort ereignet, der für Offenheit und Begegnung stehe und Sicherheit bieten solle. Als solche Orte müssten Hochschulen geschützt werden. Die Betroffenen müssten nun "klarkommen mit etwas, mit dem schwer klarzukommen ist".

Hinweis für Leser:innen: Dieser Artikel wird aufgrund der aktuellen Lage durchgehend aktualisiert.

Quellen: "SWR", "RNZ", "Polizei Mannheim", mit DPA-Material


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