Heinrich Pommerenke "Vor Ihnen sitzt der Teufel"


Wegen mehrerer Sexualmorde von ungewöhnlicher Grausamkeit war Heinrich Pommerenke, ein Hilfsarbeiter aus Bentwisch im Kreis Rostock, 1960 zu sechs Mal lebenslänglich verurteilt worden. Seitdem sitzt er in Haft. Wie lange noch?

Im Frühsommer 1959 wird eine junge Studentin bei Tempo 120 aus einem Zug zwischen Heidelberg und Basel geworfen. Der Täter zieht die Notbremse, eilt zum schwer verletzten Opfer, tötet es und vergeht sich an der Leiche. Insgesamt vier Frauen hat Heinrich Pommerenke auf bestialische Weise ermordet. Dutzende weitere Verbrechen gehen auf sein Konto: Mordversuche, Vergewaltigungen, Raubüberfälle, Erpressungen. Vor 45 Jahren wurde er gefasst. Seitdem sitzt er in Haft - länger als vermutlich jeder andere Häftling in Deutschland. Wie lange noch? Mit dieser Frage befasst sich eine SWR-Dokumentation, die am Mittwoch (29.9.) in der ARD zu sehen ist.

"Ich bin schon der Meinung, dass ein solcher Mensch (...) in der Haft bleiben sollte." Baden-Württembergs ehemaliger Justizminister Thomas Schäuble (CDU), der mit Pommerenke als Jugendlicher Fußball spielte, hat dies einmal in einem Radiointerview gesagt. Genauso sahen es auch die Richter am Landgericht Freiburg, die Pommerenke zu sechs Mal lebenslang verurteilten: Niemals mehr soll sich für den Serienmörder die Tür zur Freiheit öffnen.

Dem steht allerdings ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts entgegen, das Pommerenkes Anwalt Hannes Linke 1995 erkämpfte. Demnach hat auch ein Lebenslänglicher grundsätzlich das Recht, "der Freiheit nochmals teilhaftig zu werden". Voraussetzung ist, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgeht. Ob Pommerenke diese Bedingung erfüllt, ist umstritten.

Harald Preusker, der ehemalige Leiter der Justizvollzugsanstalt Bruchsal (Kreis Karlsruhe), wo Pommerenke einsitzt, sieht keine Rückfallgefahr: "Er ist ein alter Mann geworden. Er hat gelernt, mit seinen Aggressionen klar zu kommen." Die 45-jährige Haft sei ein "Exzess", meint Preusker. "Das ist nicht mehr ein Hinführen in die Freiheit, wie es auch das Bundesverfassungsgericht verlangt von uns, sondern das ist ein Vernichten."

Der heutige Gefängnisdirektor Thomas Müller verweist dagegen auf "Gutachten, wonach eine Gefährlichkeit nicht hinreichend ausgeschlossen werden kann". Kein Wunder, meint der Anwalt Linke. Schließlich werde dem 67-Jährigen bis heute eine psychiatrische Therapie verweigert. Linke kämpft seit langem vergeblich darum, dass Pommerenke nicht einfach nur weggeschlossen wird, sondern eine Therapie bekommt.

Dies ist auch der Vorwurf der Filmemacher Michael Busse und Maria- Rosa Bobbi. Der Grimmepreisträger Busse hält es für wahrscheinlich, dass Pommerenke heutzutage nicht mehr zu lebenslanger Haft verurteilt werden würde, sondern mit hohen Sicherheitsauflagen in eine psychiatrische Klinik käme. Die lange Strafhaft widerspreche dem Ziel eines humanen Strafvollzugs und der Humanität unserer Gesellschaft insgesamt. Geht es dem Staat bei Pommerenke um Rache statt um Strafe?

Das Justizministerium in Stuttgart will sich nicht zu dem Fall äußern und genehmigt auch keinen Kontakt von Journalisten zu dem Häftling. Daher mussten sich die Filmemacher mit anderen begnügen, etwa mit dem Gefängnispfarrer Ernst Ergenzinger. Dieser macht deutlich: Inhuman ist nicht nur das "Wegsperren für immer", sondern inhuman wäre es auch, Pommerenke frei zu lassen. Nach einem halben Jahrhundert in Gefangenschaft würde ihn das überfordern. Human wären eine Therapie und etwas mehr Freiräume innerhalb fester Mauern.

Bernward Loheide/DPA DPA

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