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Gießen: Hells-Angels-Präsident erschossen - Rocker-Szene fürchtet Racheakt

Eskaliert ein gewaltsamer Machtkampf unter Hells Angels in Hessen? Unbekannte haben den Präsidenten des Gießener Charters getötet. Die Rocker-Szene ist in Aufruhr - und befürchtet einen Racheakt.

Polizisten eines Spezialeinsatzkommandos vor dem Clubhaus der Hells Angels in Wettenberg bei Gießen

Polizisten eines Spezialeinsatzkommandos vor dem Clubhaus der Hells Angels in Wettenberg bei Gießen. Hier war der Chef des regionalen Charters des Rockerclubs erschossen aufgefunden worden.

So mancher der rund 5000 Einwohner im beschaulichen Wettenberger Ortsteil Wißmar hat eine Bluttat am Clubhaus der Hells Angels befürchtet. "Es gab im Ort die Sorge, dass so etwas passiert", sagt ein älterer Mann, der lieber anonym bleiben will. Bedroht von den Treffen der Rocker in dem großen Haus direkt gegenüber der katholischen Kirche St. Raphael fühlten sich aber nur wenige. Hat sich das nach den tödlichen Schüssen auf den Präsidenten des Charters Gießen, Aygün Mucuk, geändert?

Nein, sagen Anwohner. "Uns lassen sie in Ruhe", ist einer von ihnen überzeugt. "Die tragen die Fehden untereinander aus", findet auch eine 47-Jährige. Allerdings wollen beide ihre Namen nicht nennen.
Staatsanwalt Thomas Hauburger sieht ebenfalls "keine konkrete Gefährdungslage für die Anwohner".

Gab es Streit? Eine Schießerei? Wer war beteiligt?

Auf dem Grundstück entdeckte die Putzfrau des Hells-Angels-Clubhauses den 45 Jahre alten Mucuk nach Angaben der Ermittler am Freitagmorgen und verständigte gegen 8.30 Uhr Polizei und Rettungsdienste. Eine Passantin erzählt: "Heute Morgen gegen acht Uhr habe ich mehrere herzzerreißende Schreie gehört." Kurz darauf sei eine Person aus dem Vereinsheim gekommen, die Hände vor dem Gesicht, und habe "bitterlich geweint", sagt die 45-Jährige.


Was genau passierte, ist noch völlig unklar. Gab es Streit? Eine Schießerei? Wer war beteiligt? Sicher ist laut Staatsanwaltschaft nur, dass Mucuk "mit einer Vielzahl von Schüssen" umgebracht wurde. Das Vereinsheim der Rocker befindet sich am Rande des Ortes, in direkter Nachbarschaft von Wohnhäusern und einem Neubaugebiet. "Das Einzige, was stört, ist, wenn sie mit ihren Motorrädern und großen Autos vorfahren", sagt ein älterer Mann aus der Nachbarschaft am Freitag. "Wir kriegen nur über die Polizeipräsenz mit, dass da Hells Angels sind", sagt ein anderer.

Unumstritten ist das Vereinsheim allerdings in dem Ort nicht. Und die 47-jährige Anwohnerin ergänzt: "Es war lange ruhig, aber eigentlich hat man im Stillen immer damit gerechnet, dass so etwas passiert."

Polizei hält einen Racheakt als Folge für möglich

Mucuk galt als Führungsfigur der türkisch geprägten Hells Angels aus Mittelhessen. Diese so genannten jungen Wilden sollen sich mit den alteingesessenen Frankfurter Rockern angelegt haben. Eine Schießerei vor einem Frankfurter Club vor rund zwei Jahren, bei der Mucuk schwer verletzt wurde, sehen die Ermittler in diesem Zusammenhang.

Stecken Rocker hinter den tödlichen Schüssen auf Mucuk? "Es ist zu früh zu sagen, dass es sich hier um eine Tat aus dem Hells-Angels-Milieu handelt", sagt Hauburger. "Natürlich ist der Getötete ein hochrangiges Mitglied dieser Hells Angels, aber ob ein Tatverdächtiger in diesem Zusammenhang zu suchen ist, das werden erst die weiteren Ermittlungen zeigen." Die Beamten hätten auch andere Ansätze im Blick. Welche wollte er aber nicht sagen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hält Racheakte durchaus für möglich. Die Vergangenheit habe gezeigt, "dass wir hellwach sein müssen", sagte GdP-Landesvorsitzender Andreas Grün. "Das ist eine Welt für sich, die sehr schwierig abzuschätzen ist." 

jen / DPA