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Hells Angels Haben Polizisten mit Rockerbande gedealt?


Hessische Polizisten werden verdächtigt, mit Hells Angels gemeinsame Sache gemacht zu haben. Es soll um Infos, Kokain und Geld gehen. Beamte wurden "beurlaubt" - darunter ein hoher LKA-Mann.
Von Manuela Pfohl

Die Hinweise kamen schon vor Monaten: Hells Angels im Rhein-Main-Gebiet sollen gezielt Kontakte zu Polizeibeamten gesucht haben, um sie "umzudrehen" und sogenannte Maulwürfe im Polizeiapparat zu installieren, die den Rockern vertrauliche Infos zukommen lassen. Es ging um viel Kohle, Koks und den Verdacht, dass möglicherweise sogar hochrangige Polizisten korrupt sind.

Deshalb wurden streng konspirative Durchsuchungen in den Wohnungen und auf den Arbeitsstellen der verdächtigen Beamten geplant - jetzt schlugen die Ermittler zu. Ihr vorläufiges Ergebnis haben die Staatsanwaltschaften Darmstadt und Frankfurt, sowie die hessische Polizei heute bekanntgegeben: "Bei fünf Beamtinnen und Beamten wird mit Wirkung vom 10.12.10 das Verbot des Führens der Dienstgeschäfte gemäß § 39 Beamtenstatusgesetz angeordnet. Die Einleitung der jeweiligen Disziplinarverfahren ist in Vorbereitung."

Bahnt sich hier ein Polizeiskandal an? Und sind darin tatsächlich hochrangige Beamte verwickelt?

Polizisten dealen mit Koks?

Nach den bislang vorliegenden Informationen wiegen die Vorwürfe "unterschiedlich schwer und bedürfen noch weiterer intensiver Ermittlungen". Beschuldigt ist zunächst ein 50 Jahre alter Erster Kriminalhauptkommissar des hessischen Landeskriminalamtes (HLKA), der eine Führungsfunktion in einer Ermittlungsabteilung ausübt. Er steht im dringenden Verdacht, "Informationen aus polizeilichen Systemen gegen Entgelt weitergegeben" zu haben.

Verdächtigt werden auch eine 33-jährige Polizeioberkommissarin und ein 36-jähriger Polizeioberkommissar eines Frankfurter Polizeireviers, die unterschiedliche Jobs im Schicht- und Tagesdienst ausüben. Die beiden haben möglicherweise nicht nur Dienstgeheimnisse verraten. Ihnen werden auch mögliche Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) vorgeworfen. Die Vermutung: Sie sollen Kokain gekauft und besessen haben.

Eine 34-jährige Kriminaloberkommissarin des Polizeipräsidiums Frankfurt wiederum steht im Verdacht, zusätzlich zur Weitergabe von Informationen auch selbst gedealt zu haben, indem sie unter anderem mehrfach "Betäubungsmittel in geringer Menge" an einen 51-jährigen Polizeioberkommissar des Polizeipräsidiums Frankfurt vertickte. In diesem Zusammenhang wurden durch das Polizeipräsidium Südhessen neben den Wohnungen der zwei Amtsträger auch die Wohnungen von drei Privatpersonen aus Offenbach durchsucht. Sie sind verdächtig, das Rauschgift geliefert zu haben.

Razzia bei Angels-Präsident in Frankfurt

Sollten all diese Vorwürfe stimmen, würde nicht nur klar, warum die Ermittler oft genug bei ihren Bemühungen ins Leere liefen, die Rocker strafrechtlich zu erwischen. Dann müsste auch die Frage gestellt werden, wie sicher eigentlich diejenigen sind, die aus der Rockerszene aussteigen wollen und sich vertrauensvoll an die Polizei wenden. Und - ob auch in anderen Bereichen Lecks bei der Polizei bestehen.

Klarheit bringen möglicherweise die Ergebnisse der Ermittlungsverfahren, die mehrere hessische Staatsanwaltschaften in Zusammenarbeit mit einigen Polizeipräsidien und dem Hessischen LKA seit Oktober 2009 gegen Mitglieder der Hells Angels führten.

Aktuellster Schlag: Heute Morgen wurden in Zusammenhang mit zwei Verfahren der Staatsanwaltschaft Frankfurt und der Staatsanwaltschaft Darmstadt mit einem polizeilichen Großaufgebot unter anderem die Wohnungen des Präsidenten und des Vizepräsidenten des Hells Angels Charters in Frankfurt durchsucht. Hintergrund ist unter anderem ein Überfall bei dem im Oktober vergangenen Jahres auf ein 45 Jahre altes Mitglied der Hells Angels in Usingen geschossen worden war. Der Mann hatte einen Durchschuss im linken Oberarm in Brusthöhe erlitten. Das Opfer hatte berichtet, er sei am Abend des 18. Oktober 2009 aus einem fahrenden Fahrzeug heraus von unbekannten Tätern beschossen worden. Nach dem Stand der Ermittlungen besteht laut Staatsanwaltschaft der Verdacht, dass es sich um eine interne Bestrafungsaktion der Hells Angels gehandelt hat und die von einem Mitglied desselben Charters ausgeführt wurde.

"Extrem abgeschottet"

Weiteren Verdächtigen wird von der Staatsanwaltschaft Darmstadt umfangreicher Drogenhandel vorgeworfen. Laut Staatsanwaltschaft erwiesen sich die Ermittlungen in dem Fall als "überaus schwierig", weil "die Beschuldigten extrem abgeschottet operierten". Es sei jedoch trotzdem gelungen, umfangreiche Beweismittel gegen die Beschuldigten zu sammeln. So wurden in den vergangenen Wochen und Monaten mehrfach Empfänger von Drogenlieferungen festgenommen. Hierbei wurden unter anderem 800 Gramm Amphetamin und 2 Kilogramm Marihuana sichergestellt. Unter den aktuell durchsuchten Objekten befindet sich auch ein Anwesen auf einem großflächigen Areal im Landkreis Offenbach, das von einem der Beschuldigten bewohnt wird. Das Gelände gilt als Anlaufstelle für Personen aus dem Rockermilieu.

Das HLKA und die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelten darüber hinaus gegen einen 40-jährigen Kneiper aus Wiesbaden, der Verbindungen zu Rockergruppierungen unterhalten soll, wegen des Verdachts des Waffenhandels.

Schon bei den Durchsuchungen vom 24. November waren bei etlichen Mitgliedern der Hells Angels in Hessen und angrenzenden Bundesländern 17 Schusswaffen, über 500 Patronen, 103 "gefährliche Gegenstände", zahlreiche "Betäubungs- und verbotene Arzneimittel" sichergestellt sowie zwei Haftbefehle vollstreckt und gegen zwei weitere Personen Haftbefehle erlassen worden.


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