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Hells Angels schließen Club in Hannover: Rückzug oder reine Taktik?

Erst steigen GSG9-Polizisten Hannovers Hells Angels-Chef vom Hubschrauber aus aufs Dach, dann kündigen die Rocker das Ende ihres mächtigen Ortsclubs an. Die harten Jungen werfen nicht das Handtuch, vermuten Ermittler, sondern ändern ihre Strukturen.

Was auf den ersten Blick wie die Kapitulation der mächtigen Rocker wirkt, ist am Ende vielleicht nur ein cleverer Schachzug: Die Hells Angels haben am Donnerstag die Auflösung ihres bundesweit tonangebenden Ortsclubs in Hannover bekanntgegeben. Vorangegangen war wachsender Druck von Polizei und Politik. Vor einem Monat hatten sich GSG9-Spezialkräfte in einer spektakulären Aktion von einem Hubschrauber aus über dem Anwesen von Hannovers Hells Angels-Präsident Frank Hanebuth abgeseilt. Tore wurden aufgerammt und ein Hund erschossen. Und in der vergangenen Woche dann debattierte der Landtag über ein Verbot der Rocker.

In der Analyse sind sich die Ermittler einig: Ein Punktsieg für die Polizei ist die Aufgabe von Ortsclubs der Hells Angels in Hannover oder zuvor in Bremen und Berlin auf jeden Fall, ein Ende der Rockerkriminalität aber will niemand vorschnell vorhersagen. Die Rocker hätten sich sicher mit ihrem Rechtsanwalt beraten und taktiert, ob ihnen ein Verbot mit der Beschlagnahmung ihres Vereinsvermögens drohe, sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter Bernd Carstensen. Das Gründen von Nachfolgeorganisationen könne nicht ausgeschlossen werden, sagte Hannovers Polizeipräsident Axel Brockmann.

In einem entscheidenden Punkt sieht die Polizei die Höllenengel durch Auflösungen klar geschwächt. Wenn die streng hierarchischen Machts- und Bestrafungsstrukturen und das martialische Auftreten wegfallen, schwinden auch die Einschüchterungsmöglichkeiten der Rocker. Nicht nur die Bevölkerung brauche sich weniger beängstigt zu fühlen, meinte Polizeichef Brockmann. "Die Bereitschaft bei Zeugen und Hinweisgebern steigt vielleicht, weil das Drohpotenzial wegfällt." Den Ermittlern kann dies nur recht sein. Eher selten nämlich packten Ex-Engel unter Gefahr für Leib und Leben bisher bei der Justiz aus - wie jüngst vor dem Landgericht Kiel, wo ein Ex-Rocker Hanebuth als Auftraggeber eines Mordes bezichtigte.

Angst vor neuen Machtkämpfen

In Hannover schürt die Auflösung der Hells Angels paradoxerweise aber auch Sorgen. Als die Rockergruppe vor Jahren das Türstehergeschäft im Rotlicht- und Ausgehviertel an sich zog, endete damit ein oftmals blutiger Machtkampf rivalisierender Banden, der immer wieder Tote forderte. Die Hells Angels sorgten für Ruhe und Ordnung in der Unterwelt und fühlten sich lange Zeit einigermaßen unbehelligt. "Kommen jetzt die Albaner wieder?", lautete am Donnerstag eine bange Frage an den Polizeichef der Landeshauptstadt. Dieser sah zunächst aber keine Anzeichen erneuter Machtkämpfe im Milieu. In einem vor einiger Zeit mitten im Rotlichtviertel platzierten Container sollen Beamte aber weiterhin rund um die Uhr Wache schieben.

Die Hells Angels in Hannover unterdessen taten am Donnerstag das, was man macht, wenn man umzieht oder einen Laden schließt: Sie entfernten das große Leuchtschild "Angels Place" von der Zufahrt ihres Vereinsheims.

Michael Evers, DPA / DPA