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Getöteter Neunjähriger aus Herne: Marcel H. gesteht zwei Morde - verwickelt sich aber in Widersprüche

Marcel H. hat zwei Morde gestanden: Den an dem neunjährigen Nachbarsjungen und an einem Bekannten, bei dem er nach der ersten Tat untergetaucht war. Auf einer Pressekonferenz im Fall Marcel H. aus Herne sprachen die Ermittler über den Tathergang.

Der Polizeipräsident von Dortmund Gregor Lange und Polizeiführer Ralf Ziegler bei der Pressekonferenz in Dortmund

Der Polizeipräsident von Dortmund Gregor Lange (l) und Polizeiführer Ralf Ziegler (r) bei der Pressekonferenz im Polizeipräsidium in Dortmund. Der mutmaßliche Mörder des neunjährigen Jaden, Marcel H., hatte sich am Abend der Polizei gestellt und die Ermittler zu einem Feuer in der Sedanstraße geführt, in dem die Fahnder die Leiche eines Mannes fanden.

Mit Spannung wurde die erste Pressekonferenz im Fall Marcel H. aus Herne erwartet. Fast alle großen Fragen waren offen. Jetzt steht fest: Der am Donnerstag festgenommene Marcel H. hat zwei Morde gestanden. Demnach tötete er seinen neunjährigen Nachbarsjungen und einen Bekannten, bei dem er nach der ersten Tat untergetaucht war.

In Dortmund sprachen Vertreter der Polizei Dortmund, der Polizei Bochum und der Bochumer Staatsanwaltschaft. Polizeiführer Ralf Ziegler war zur Zeit des Zugriffs am Donnerstagabend der Einsatzleiter. Laut ihm wurde Marcel H. um 20.23 Uhr festgenommen. Ziegler sprach von mehr als 1700 Hinweisen aus der Bevölkerung an die Polizei. Letztendlich habe jedoch vor allem der hohe Fahndungsdruck der Polizei zum Erfolg geführt - und auch zu einem zweiten Opfer geführt.

Marcel H. wollte sich umbringen - vergeblich

Klaus-Peter Lipphaus ist der Leiter der Mordkommission Bochum. Er erzählt, Marcel H. habe seit seiner Festnahme "ein umfassendes Geständnis" abgelegt. Demnach wollte Marcel H. sich selbst umbringen. Er sei arbeitslos und habe sich bei der Bundeswehr beworben, doch seine Bewerbung wurde abgelehnt. Zudem war Marcel H. als einziger noch in dem Haus, aus dem seine Familie gerade auszog. Dort hatte er keinen Internetzugang mehr. Marcel H. bezeichnet sich laut Lipphaus selbst als computer- und internetsüchtig. Da ihm ohne Internet der Zugang zu Online-Computerspielen versagt blieb, habe er Suizidgedanken bekommen, so habe Marcel H. ausgesagt.

Daher habe er mehrere Versuche unternommen, sich selbst zu töten, die alle nicht gelungen waren. Unter anderem wollte er sich selbst strangulieren - vergeblich. Daraufhin habe er aus Frust ein Verbrechen begehen wollen, um ins Gefängnis zu kommen. Er habe entschieden, den Nachbarsjungen zu töten. Erst lockte er den Neunjährigen ins Haus und tötete ihn dort mit insgesamt 52 Messerstichen.

Laut Staatsanwaltschaft suchte Marcel H. nach dem Mord Unterschlupf bei einem Bekannten; einem jungen Mann, den er in einem Online-Computerspiel kennengelernt hatte. Er habe dem Bekannten erzählt, dass seine Eltern in ein anderes Bundesland gezogen seien und ihn gebeten, für ein paar Tage bei ihm wohnen zu dürfen. Der junge Mann willigte ein, zusammen spielten die beiden Computerspiele in dessen Wohnung. Der Bekannte wurde nur wenige Stunden später Marcel H.s zweites Opfer.

Der tote Bekannte ist das "120-Kilo-Biest"

Marcel H. und sein Bekannter haben laut Geständnis Abends miteinander gegessen und sich dann schlafen gelegt. Am nächsten Morgen habe der Bekannte Marcel H. geweckt und darauf aufmerksam gemacht, dass er wegen Mordes gesucht werde. Der Bekannte habe Marcel H. damit gedroht, zur Polizei zu gehen. "Das war für ihn das Todesurteil", sagte Lipphaus auf er Pressekonferenz. Marcel H. tötete auch den Bekannten - mit 68 Messerstichen.

In dessen Wohnung habe Marcel H. sich seitdem aufgehalten, bis er sich am Donnerstagabend den Entschluss gefasst habe, sich zu stellen. Laut eigener Aussage gelang es Marcel H. nicht, mit dem Handy die Polizei zu rufen. Deshalb habe er sich auf den Weg zu einem nahe gelegenen Imbiss gemacht. Den Inhaber habe er um ein Telefon gebeten, mit dem er dann selbst die Polizei anrief. Davor, so Marcel H., habe er die Wohnung seines zweiten Opfers angezündet, "um Spuren zu beseitigen", wie er sagte.

Von dem toten Nachbarsjungen wie auch von der Leiche seines Bekannten habe Marcel H. mehrere Fotos mit seinem Handy gemacht. Er habe diese Bilder, die später beim Portal 4chan landeten, jedoch nicht selbst ins Internet gestellt. Bei dem getöteten Bekannten handelt es sich offensichtlich um das "120-Kilo-Biest", von dem auf 4chan die Rede war. Das zweite Opfer sei aber eben keine Frau, sondern ein Mann. "Wegen der Bezeichnung 'Biest' war die Polizei davon ausgegangen, dass es sich um eine Frau handelt", sagte Lipphaus. Zwar habe Marcel H. laut eigener Aussage nichts selbst im Internetportal 4chan hochgeladen, allerdings sehe es aus, als stammten die Nachrichten vom 7. März von Marcel H. - zumindest inhaltlich. Damit bezieht Lipphaus sich auf die Äußerungen zu dem getöteten "Biest" sowie die Fotos, die den Leichnams einer erwachsenen Person zeigen, die auf 4chan zu lesen waren.

Ein Foto mit einem Hund im Hintergrund, das ebenfalls im Netz kursiert war und dazu geführt hatte, dass sie Polizei zwischenzeitlich nach einem Hund suchte, "scheint offensichtlich ein Fake zu sein", sagt Lipphaus. Überhaupt hätten Fälschungen im Internet die Arbeit der Ermittler sehr erschwert, sagt er.

Aussagen zum Teil widersprüchlich

"Ich habe an wenigem, was er sagt, Zweifel", sagte Lipphaus zur Glaubwürdigkeit von Marcel H. während der Vernehmung. H. habe sich den Vernehmern gleich geöffnet. "Er redet viel. Er diktiert quasi", sagte Lipphaus. Während der Befragung wirke Marcel H. "eiskalt", "kein Wort von Reue". Emotionslos schildere Marcel H. die Einzelheiten seiner Tat.

Marcel H. sage zwar bereitwillig und mit sehr guten Erinnerungen an seine eigenen Taten aus, jedoch seien seine Aussagen zum Teil auch widersprüchlich. Etwa ist unklar, weshalb Marcel H. die Wohnung des getöteten Bekannten in Brand setzte "um Spuren zu vernichten", wie er sagt, obwohl er das Haus doch nur verlassen hatte, um sich selbst der Polizei zu stellen. Marcel H. habe, davon geht Lipphaus aus, in der Wohnung des getöteten bekannten im Internet die Fahndung nach ihm selbst verfolgt.

Marcel H. habe angegeben, dass er aus Verzweiflung über seine misslungenen Suizidversuche zum Mörder geworden sei. Nach den Morden habe er offenbar keine weiteren Versuche gegeben, sich selbst zu töten, sagt Lipphaus. Dafür, dass es vor dem Mord an dem Neunjährigen mehrere Versuche gab, sich selbst umzubringen, haben die Ermittler in Marcel H.s Haus auch tatsächlich Hinweise gefunden.

Marcel H. steht Anklage wegen Mordes bevor

Dass Marcel H. eine Anklage wegen Mordes bevorsteht, geht aus den Worten von Danyal Maibaum von der Staatsanwaltschaft Bochum hervor. Der 19-Jährige habe "heimtückisch und aus Mordlust" gehandelt und den Jungen in sein Haus gelockt, den er seit Jahren kannte.

Der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange sprach auf der Pressekonferenz von Erleichterung über die Festnahme; Marcel H. habe große Ängste in der Bevölkerung ausgelöst und stelle nun keine Gefahr mehr da. "Das ist für mich das Allerentscheidenste in dieser Sekunde". Lange spricht von einem ungewöhnlichen Fall für Polizisten und einer äußerst belastenden Situation für die Einsatzkräfte. Auch die Bochumer Polizeipräsidentin Kerstin Wittmeier zeigte sich bewegt. Der Fall habe sie und ihre Ermittler persönlich sehr betroffen gemacht. "Ich spüre bei vielen Menschen bei mir im Haus, dass eine große Trauer vorhanden ist und wir noch lange brauchen, um das zu verarbeiten", sagt die Polizeipräsidentin.