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Bluttat von Marcel H.: Wie die Menschen in Herne mit der Extremsituation umgehen

Der mutmaßliche Kindermörder Marcel H. ist gefasst, doch aufatmen kann Herne an diesem Abend noch nicht. Denn es gibt einen weiteren Toten, in einer ausgebrannten Wohnung. Schockiert und hilflos warten die Anwohner auf Informationen.

Die Ermittlungen laufen - und Herne steht weiter unter Schock

Die Ermittlungen laufen - und Herne steht weiter unter Schock

Sedanstraße, Herne. Wohnhäuser aus der Gründerzeit ragen aus der Dunkelheit auf. Eines davon, ein hellbeiges, wird von einem Scheinwerfer der Feuerwehr grell angestrahlt. Dort ist an diesem Donnerstagabend im ersten Stock etwas Schreckliches passiert: In einer Wohnung hat es einen Brand gegeben, eine männliche Leiche wurde gefunden. Anfangs war sogar von zwei Leichen die Rede. Doch was alles noch viel schlimmer macht: Vielleicht ist es kein gewöhnlicher Brand. Vielleicht ist es ein neues Verbrechen.

Denn im "Thessaloniki Grill" in der benachbarten Bismarckstraße, keine 300 Meter von dem Brandort entfernt, ist gegen 20.30 Uhr ein junger Mann hereingekommen - "mit schwarzen Klamotten, Regenschirm und einem Sack Zwiebeln in der Hand", erinnert sich Inhaber Georgios Chaitidis. "Er hatte keine Brille auf, ich habe ihn nicht erkannt." Er sei Marcel, habe der junge Mann in ruhigem Ton gesagt. "Welcher Marcel bist du denn?", habe Chaitidis daraufhin gefragt. "Guck auf dein Tablet, mein Bild steht da", so der Jugendliche. "Ich bin der Gesuchte", verkündete er. "Bitte rufen Sie die Polizei!"

Wenig später lässt er sich widerstandslos festnehmen. Die Beamten dürften zunächst wohl Erleichterung verspürt haben: Endlich, nach drei Tagen, hat sich der mutmaßliche Kindermörder Marcel H. gestellt. Doch dann wurde klar: Das war noch nicht alles. Denn der junge Mann wies sie sogleich auf den Brand in der benachbarten Straße hin.

Herne: "Erleichterung", ja - aber auch Unsicherheit

Rauchspuren über einem der Fenster zeugen von dem Feuer. Ein Teppich hängt heraus. In einem anderen Fenster flattern Vorhänge im Durchzug. Ein türkiser Seidenstoff. Wem mag er gehört haben? Die Polizei weiß es noch nicht.

Eine Frau von Mitte 50 sagt, ja, sie wohne in dem Haus. Die Polizei lässt sie durch die Absperrung. Weiß die Frau, wer in der Wohnung lebte? "Ein junger Mann", ist ihre Antwort. Zwei Wagen der kriminaltechnischen Spurensicherung sind vorgefahren. Spezialisten steigen aus. 

Viele Anwohner stehen an den Absperrungsbändern. Sie warten auf Informationen. Was empfinden sie? "Erleichterung", sagt eine 34 Jahre alte Frau. Dann fügt sie hinzu: "Mich macht es traurig, dass er es überhaupt geschafft hat, drei Tage nicht gefunden zu werden."

"Man hat Angst um die eigenen Kinder"

Eine andere Frau aus der Umgebung sagt: "Man hat Angst um die eigenen Kinder. Er hat das Leben der Eltern zerstört. Es ist krankhaft, was er gemacht hat. Es fehlen einem die Worte." Ein Mann, 44 Jahre alt, stimmt ihr zu: "Man traut sich ja schon gar nicht mehr, die Kinder alleine rauszulassen." Andere gestehen gegenüber dem WDR, dass sie ihre Kinder tagelang nicht zur Schule geschickt haben, ihre Fenster und Vorhänge verschlossen hielten.

Was hier genau vorgefallen ist, noch weiß es niemand. Der mutmaßliche Täter ist zwar gefasst. Aber bevor die Hintergründe nicht geklärt sind, kommt Herne nicht zur Ruhe.

Helge Toben und Christoph Driessen / DPA