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Fataler Aberglaube Hunderte Tote bei Hexenjagd in Südafrika

Mehrere Frauen in der südafrikanischen Limpopo-Provinz stehen um einen Baum und beten
Frauen in der südafrikanischen Limpopo-Provinz beten für ein zu Tode geprügeltes Opfer einer Hexenjagd
© Marco Longari/AFP
Der Glaube an schwarze Magie ist in Südafrika noch immer verbreitet. Viele Menschen werden aus ihren Heimatorten verbannt und als Hexen und Hexer gejagt. 

Fluchtartig mussten die Heilerin und ihre Familie das Heimatdorf in Südafrika verlassen. Sie und neun andere waren von einem traditionellen Heiler aus dem Ort für den Tod eines Kindes und seiner Mutter verantwortlich gemacht worden. "Er schaute in seinen [magischen] Spiegel und sagte, zehn Hexen hätten den Tod verursacht", sagt sie. "Eine der Beschuldigten war ich."

Mit Benzin und Streichhölzern waren die Dorfbewohner zu ihrem Haus gekommen und hatten ihr gedroht. "Mein Haus wurde niedergebrannt und ich rannte so schnell davon, dass ich über eine Wäscheleine stolperte und mir einen Zahn herausbrach", sagt die 72-Jährige mit Hilfe eines Dolmetschers und zeigt ihre Zahnlücke. "Ich glaube, dass der Bruder meines Mannes mir das angehängt hatte." Er sei neidisch auf ihre Arbeit gewesen. Nach ihrer Flucht ließ sie sich mit ihrem Mann und den zwei Kindern im Dorf Helena nieder. Mehr als 20 Jahre sind seitdem vergangen. "Ich kann nie wieder zurückkehren", sagt die Südafrikanerin.

Die Dorfbewohner leben in Angst

Helena in der nördlichen Provinz Limpopo ist kein gewöhnliches südafrikanisches Dorf. Es bietet jenen Menschen Zuflucht, die der schwarzen Magie oder Hexerei bezichtigt und deswegen verfolgt wurden. Der 1991 gegründete Ort besteht inzwischen aus 62 Haushalten, die Bewohner bauen Nahrung für den Eigenbedarf an. Es ist ein ruhiges Dorf, Hühner staksen durch einen Hof. Aus einem der niedrig gebauten Häuser dringt Musik. Doch die Einwohner Helenas leben immer noch in Angst. Sie wollen unerkannt bleiben und nicht fotografiert werden.

Dörfer wie Helena gebe es in Südafrika einige, sagt Damon Leff von der "South African Pagan Rights Alliance" (SAPRA). Die Organisation geht gegen die sogenannte Hexenjagd vor. 2014 seien Medienberichten zufolge landesweit zehn Menschen wegen angeblicher Hexerei getötet worden, doch die Dunkelziffer sei viel höher, sagt SAPRA. Jährlich würden mehr als 1000 Menschen geprügelt, verbannt oder getötet, sagt Yaseen Ally. Der Wissenschaftler hat an der Universität von Südafrika zu dem Thema promoviert. Nach Angaben der Organisation SAPRA werden ganze Familien getötet. Die südafrikanische Polizei führt jedoch keine eigene Statistik zu den Hexenjagd-Opfern. Die Tötungen würden als gewöhnliche Verbrechen registriert.

In vielen afrikanischen Ländern werden Menschen der Hexerei bezichtigt. Dazu hätten die christlichen Kirchen beigetragen, die traditionelle spirituelle Glaubensformen gebrandmarkt haben. Auch reißerische Medienberichte verbreiteten die Verfolgung, wie SAPRA und der Forscher Ally sagen. "Für fast jedes Unglück kann Hexerei verantwortlich gemacht werden - Autounfälle, Todesfälle, Scheidung, eine HIV-Infektion, ein totgeborenes Kind", sagt Ally. Vor allem ältere Frauen würden als Hexen verfolgt. "Meist sind es finanziell unabhängige und selbstbewusste Frauen, die den Groll der Männer und den Neid der Frauen auf sich gezogen haben", sagt er.

Traditionelle Heiler helfen bei der Hexenabwehr

Der traditionelle Heiler David unterstützt seine Kunden in der Nähe von Johannesburg dabei, Hexerei abzuwehren. "Hexen können als Insekten oder Vögel in dein Haus eindringen", sagt er. Manche Menschen rufen Geister oder vollziehen Rituale, um anderen zu schaden, wie Ally sagt. Doch bei den von SAPRA dokumentierten Todesfällen habe es keinen Zusammenhang zu schwarzer Magie gegeben. Die Anschuldigungen würden oft aus Neid erhoben oder um keine Verantwortung für ein Verhalten tragen zu müssen, das zu Unglücken oder Unfällen geführt haben kann, sagt Ally.

Einmal der Hexerei bezichtigt, sei es schwer, das Gerücht wieder loszuwerden, sagt Attie Lamprecht von einer speziellen Polizeieinheit, die mit Hexenjagd verbundene Delikte untersucht. Zwar verbiete das südafrikanische Gesetz seit 1957 Anschuldigungen wegen Hexerei. Doch die meisten Fälle kämen vor traditionelle lokale Gerichte, an denen die Beschuldigten keinen Rechtsbeistand erhalten würden. Oft würden dort Orakel befragende Heiler als Zeugen zugelassen, sagt Leff. Die Hexenjagd sei ein Menschenrechtsproblem. Leff wirft Südafrikas Politikern Tatenlosigkeit vor. Sie würden sich aus Sorge um ihren Ruf nicht für Hexenjagd-Opfer einsetzen.

Von Sinikka Tarvainen, DPA

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