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Hinrichtungsdrama in den USA Warren Hill, IQ von 70, Todeskandidat


Er erschlug vor 23 Jahren einen Mithäftling. Doch obwohl Warren Hill nur einen IQ von 70 hat, soll er sterben. Dabei dürfen geistig Behinderte in den USA nicht hingerichtet werden.

Drama in den USA: In Georgia steht ein Mann vor der Hinrichtung, der nach Angaben seiner Anwälte nur die geistigen Fähigkeiten eines 12-Jährigen besitzt. Die grausame Ironie: Hätte Warren Lee Hill den ihm zur Last gelegten Mord in einem anderen US-Staat verübt, wo es ebenfalls die Todesstrafe gibt, dürfte er weiterleben. Denn nur in Georgia gelten jene strikten Maßstäbe, die Hill nach bisherigem Stand am Dienstagabend (Ortszeit) in Jackson in die Hinrichtungskammer bringen werden.

So erregt denn auch dieser Fall besonders großes Aufsehen. Amnesty International hat sich eingeschaltet und auch Ex-Präsident Jimmy Carter - ein "Sohn" Georgias - hat eindringlich dazu aufgerufen, den Delinquenten zu verschonen. Bereits im Sommer vergangenen Jahres widmete die "New York Times" Warren Hill einen ganzen Leitartikel und warnte, dass eine Hinrichtung gegen die Verfassung verstoßen würde. Auch Angehörige des Mordopfers wollen, dass Hill, der heute in den Fünfzigern ist, begnadigt wird. Und: Geschworene im damaligen Prozess sagen, dass sie eine lebenslange Haftstrafe vorgezogen hätten - aber diese Option gab es seinerzeit nicht.

Hinrichtung trotz Zweifelsfall zugelassen

Die Hinrichtung von geistig Behinderten ist in den USA seit 2002 verboten. Da entschied das höchste Gericht der Nation, dass derartige Exekutionen "grausame und ungewöhnliche Bestrafungen" und damit verfassungswidrig seien. Nur: Zu den Kriterien bei der Feststellung einer geistigen Behinderung sagten die Richter nichts. So legte Georgia denn seine eigenen fest. Geistige Behinderung muss demnach in Todesstrafen-Rechtsfällen "jenseits aller Zweifel" nachgewiesen werden, um eine Verschonung zu rechtfertigen.

Und da liegt Hills Problem. Er hat einen Intelligenzquotienten von 70, das ist US-Medienberichten zufolge laut Experteneinschätzung die Grenze zwischen geistiger Behinderung und einem niedrigen Intelligenzgrad. Die Verteidigung argumentiert, dass es schon zu Hills Schulzeiten Zeichen für eine Behinderung gegeben habe und beruft sich dabei auf Angaben einstiger Lehrer. Drei Gutachter, die Hills Kapazitäten im Jahr 2000 im Auftrag des Staates untersuchten, kamen zu dem Schluss, dass der Mann nicht als geistig behindert einzustufen sei. Wie die Zeitung "Atlanta Journal-Constitution" berichtet, änderten sie aber kürzlich rückwirkend ihre Meinung - zum Teil mit der Begründung, dass die Untersuchungen damals oberflächlich gewesen seien.

Tatsächlich befand auch im Jahr 2002 ein Richter in Georgia, dass es eine "Mehrheit von Hinweisen" auf eine geistige Behinderung Hills gebe. Georgias Nachweis-Anforderungen seien unfair, weil sie Hinrichtungen in Zweifelsfällen zuließen. Aber das höchste Gericht des Staates widersprach und gab grünes Licht für die Exekution.

Hinrichtung wurde schon einmal ausgesetzt

Hill stand schon einmal kurz davor, im Juli 2012. Dann wurde die Hinrichtung wegen eines Streits um die Gift-Methode ausgesetzt. Jetzt stützen sich die letzten Hoffnungen darauf, dass der Meinungswandel der Gutachter den staatlichen Begnadigungsausschuss oder das von Hills Anwälten angerufene höchste US-Gericht zur Verschonung bewegt.

Die Gegenseite verweist dagegen auf die enorme und anscheinend voll geplante Brutalität des Verbrechens. Hill war zunächst wegen Mordes an seiner 18-jährigen Freundin 1986 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Im Gefängnis erschlug er dann vier Jahre später einen Mithäftling - mit einem Brett, das er vorher mit Nägeln gespickt hatte. Das trug ihm dann die Todesstrafe ein.

Gabriele Chwallek/DPA DPA

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