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Hinterbliebene der 9/11-Opfer: "Bin Ladens Tod ändert nichts"

Hans Gerhardt hat bei den Anschlägen am 11. September seinen Sohn Ralph verloren. Doch richtig freuen kann er sich über bin Ladens Tod nicht. Vielmehr wecken die TV-Bilder schreckliche Erinnerungen.

von Friederike Ott

Am Sonntagabend um 23 Uhr schaltete Hans Gerhardt im kanadischen Burlington noch einmal den Fernseher ein. Am nächsten Tag sollten die Parlamentswahlen stattfinden, er wollte sich noch schnell informieren, bevor er ins Bett ging. Doch im Fernsehen sah er keine kanadischen Politiker, sondern Barack Obama, der die Nachricht verkündete, dass Osama bin Laden getötet worden sei.

Plötzlich waren all die Bilder von damals wieder da. Hans Gerhardt dachte an seinen Sohn Ralph, der im 105. Stock des World Trade Center für die Firma Cantor Fitzgerald arbeitete und um 8:52 Uhr anrief. Gerhardt weiß die Uhrzeit noch ganz genau.

Ralph sagte, es sei ein Flugzeug oder eine Bombe im Turm, das wisse er nicht genau, aber sie würden jetzt gerettet werden. Doch da waren die Notausgänge schon versperrt, denn das Flugzeug war um 8:46 Uhr in die Stockwerke unter ihm gerast. Ralph hatte es nicht sehen können, denn er blickte von seinem Büro aus Richtung Freiheitsstatue. Das Flugzeug war von der anderen Seite gekommen. "Ich habe ihm viel Glück gewünscht und gesagt, dass ich ihn liebe", erzählt sein Vater.

Er hörte nie wieder etwas von ihm.

"Die vergangenen Tage waren kein Freudentanz"

Hans Gerhardt weckte seine Frau, als er Obama im Fernsehen sah und rief seinen Sohn Stephan an, der in Washington D.C. lebt. Sie schauten sich die Nachricht von bin Ladens Tod an. "Unsere Reaktionen waren in gewisser Weise positiv, weil ein Mann getötet wurde, der uns und Tausenden von Menschen so viel Schmerz und Leid zugefügt hat", sagt Gerhardt. Er spricht deutsch mit kanadischem Akzent. Er ist in Itzehoe aufgewachsen, lebt aber schon seit 46 Jahren in Kanada.

Die Bilder im Fernsehen, die Gerhardt und seine Frau sehen, reißen alte Wunden wieder auf. Immer wieder werden die brennenden Türme gezeigt, und die Gerhardts denken an ihren Sohn, der dort oben im 105. Stock sitzt und an seine Rettung glaubt. "Die vergangenen Tage waren kein Freudentanz, es war sehr schmerzhaft", sagt Gerhardt. Die Nachricht von Bin Ladens Tod sei nur ein gedämpfter Sieg. Sie hätten sich nicht wirklich freuen können. "Das bringt unseren Sohn nicht zurück."

Sie erinnerten sich an damals, an den 12. September 2001, als sie nach New York reisten, um ihren Sohn zu finden. Sie wohnten fünf Wochen in seinem Appartement und wollten nicht glauben, dass er tot ist. Hans Gerhardt fing an, Erinnerungen an seinen Sohn aufzuschreiben. Es wurde ein ganzes Buch daraus, das "Hotel Biz, A Memoire" heißt. "Wir hatten in den 34 Jahren, die wir mit unserem Sohn hatten, ein wunderbares Verhältnis. Nichts ist für immer, wir haben das Beste aus diesen 34 Jahren gemacht", sagt er.

"Heute haben wir Angst, wenn wir in einem Flugzeug sitzen"

Besonders in den ersten Jahren nach den Terroranschlägen hat er den Moment immer wieder herbeigesehnt, dass sie Bin Laden, den Mörder ihres Sohnes, endlich schnappen. Er fragte sich oft, warum es den Amerikanern mit all den Satelliten und Drohnen nicht gelang, den Al-Qaida-Chef zu finden.

Doch die Freude einiger Amerikaner, die nun jubelnd auf den Straßen feiern, versteht Gerhardt nicht. Sein Leben ist ein anderes geworden seit dem 11. September 2001. Auch Bin Ladens Tod ändert daran nichts. "Vor dem 11. September hat sich niemand Sorgen gemacht, doch heute haben wir Angst, wenn wir im Flugzeug sitzen, das etwas zu tief fliegt oder einen ungewöhnlichen Kurs einnimmt", sagt Gerhardt.

Er denkt auch an den 11. September, wenn er das Geräusch eines Flugzeuges über der Stadt hört. Sie sind weggezogen aus Toronto in den kleinen Ort Burlington. "Wir haben immer Angst, dass etwas passieren könnte", sagt er. "Bin Laden hat uns ein Stück Freiheit genommen."