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Hinterbliebene in Winnenden: Der schwere Weg zurück ins Leben

Vor sechs Monaten, am 11. März 2009, starb die 15-jährige Jaqueline Hahn beim Amoklauf von Winnenden. Ihre Mutter Gudrun irrt bis heute zwischen Trauer, Hoffnung und Verzweiflung.

Von Malte Arnsperger

Es ist ein schwerer Mensch, der auf ihren Schultern sitzt. Aber er ist immer da. Egal, ob sie sitzt, steht, oder geht. Seit dem 11. März spürt Gudrun Hahn diese Last auf ihren schmalen Schultern, gerade so, als zwinge sie jemand mit eisernem Griff nieder. "Ich habe manchmal das Gefühl, ich versinke im Boden, so sehr drückt er mich nach unten."

Genau sechs Monate sind seit dem Amoklauf von Winnenden vergangen. Seitdem muss die 51-jährige Gudrun Hahn mit dem Mann auf ihren Schultern leben und versuchen, den Verlust ihrer Tochter Jacqueline zu verarbeiten. Zusammen mit 14 anderen Menschen wurde das 15-jährige Mädchen an diesem Tag vom Amokläufer Tim K. erschossen. "Manchmal stelle ich mir vor, dass mich das alles gar nicht betrifft", sagt Gudrun Hahn, eine kleine Frau mit blonden kurzen Haaren, "dann glaube ich einfach nicht, dass es wirklich passiert ist." Fest umklammert sie die Lehne des Stuhls im Besprechungszimmer ihres Anwalts. Hier fühlt sie sich sicher, nur hier kann sie mit fremden Leuten über die Zeit seit dem 11. März sprechen.

Jaqueline Bett ist noch immer ungemacht

Vier Kinder hat Gudrun Hahn. Die zwei Söhne sind schon vor Jahren ausgezogen, von dem Kindsvater lebt sie seit langem getrennt, Kontakt zu ihm besteht kaum. Daran hat auch Jaquelines Tot nichts geändert.

Die Reformhausangestellte, die wegen eines Rheumaleidens seit 2007 krankgeschrieben ist, lebte mit ihren beiden Töchtern Tatjana (19) und Jacqueline in einer 4-Zimmer-Wohnung in einer ruhigen Winnender Wohngegend. Jaqueline, genannt "Jacky", "war der Mittelpunkt der Familie", sagt ihre Mutter. Jaqueline war es, die die Brüder, die Oma, Onkels und Tanten zu Treffen zusammentrommelte. "Sie war sehr sozial und liebte die Familie. Aber sie war auch ein sehr temperamentvolles und quirliges Mädchen." Jacky traf sich am liebsten mit ihrer Freundin Nicole zum Tanzen und engagierte sich in der Kinderkirche. Sie wollte unbedingt Tierpflegerin werden, vergangenes Jahr hatte sie ein Praktikum im Stuttgarter Zoo gemacht. Zuhause war Max der beste Freund, ihr Kater. Wochenlang habe das Tier nach dem Amoklauf kaum etwas gefressen, erzählt Gudrun Hahn. "Er liegt meist auf Jacquelines Bett. Wenn es klingelt, läuft er an die Tür, um zu schauen, ob sie doch noch kommt."

Kater Max ist nicht der einzige, für den Jacquelines Zimmer ein Ort der Zuflucht geworden ist. Stundenlang sitzt Gudrun Hahn auf dem Boden oder legt sich zum Kater auf das Bett, das immer noch so ungemacht ist, wie es ihre Tochter am Morgen des 11. März verlassen hat. "Ich habe nichts verändert. Ich kann es noch nicht", sagt Gudrun Hahn. "Ich versuche, ihr hier näher zu sein. Alles riecht nach ihr. Sie ist einfach noch da in diesem Zimmer."

"Mama, dass wird schon wieder."

Gudrun Hahn ist keine starke Frau. Sie will auch gar nicht so erscheinen. Sie war wegen ihrer jahrelangen Rheumaschmerzen schon vor dem Amoklauf psychisch angeschlagen. Es war Jacqueline, die zu ihrer Mutter schon immer ein sehr inniges Verhältnis hatte, die Gudrun Hahn dann immer in den Arm nahm und sagte: "Mama, dass wird schon wieder." Doch Tim K. nahm ihr diese Unterstützung. Gudrun Hahn wusste deshalb sofort nach dem Tod der jüngsten Tochter: Damit kommst du nicht alleine klar. Noch am Abend des Amoklaufes entschied sie sich, in stationäre Behandlung in die Winnender Psychiatrie begeben. Mit langsamen Worten versucht sie ihre Gefühlswelt nach diesem Horrortag zu beschreiben. So richtig will es ihr nicht gelingen. "Ich war so leer, wie tot", sagt sie. Die erste Nacht verbrachte sie in einem Einzelzimmer. "Mit ständiger Betreuung", fügt Gudrun Hahn mit einem bitteren Lachen hinzu. Um gleich zu versichern: "Ich habe aber von Anfang an klar gestellt: Ich denke nicht an Selbstmord."

Gudrun Hahn ist doch eine starke Frau. Sie will für ihre drei verbliebenen Kinder da sein. Nein, eigentlich für alle vier. "Das hört sich jetzt vielleicht verrückt an", sagt Gudrun Hahn. "Aber meine verstorbene Tochter hätte das bestimmt nicht gewollt, dass ich mir das Leben nehme. Mit solchen Gedanken müsste ich mich vor meinem toten Kind schämen."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Jaqueline Mutter versucht, zurück in ein normales Leben zu finden.

Quälende Ruhelosigkeit

Bis zum 25. Mai war Gudrun Hahn in Behandlung in Winnenden. Eine Psychologin kümmerte sich ständig um sie, war auch stets mit dabei, als sich Gudrun Hahn außerhalb der Klinik mit Freunden und Tochter Tatjana traf. "Die Anwesenheit der Psychologin war sehr wichtig für mich. Ich stand so neben mir, dass ich ihre Anwesenheit einfach brauchte." Starke Medikamente halfen ihr, zumindest nachts ein wenig Ruhe zu finden. Tagsüber zog es Gudrun Hahn immer wieder zum Tatort, der Albertville-Realschule. Nicht, um mit der Polizei, Seelsorgern oder anderen Angehörigen zu sprechen. Es war der Kontakt mit den Schülern, den Gudrun Hahn suchte: "Die Kinder waren einfach so ehrlich und direkt. Ich habe bei diesen Gesprächen gemerkt, dass sie alle genauso ruhelos sind wie ich und es auch nicht fassen können. Das brauchte ich damals, um das Geschehene überhaupt begreifen zu können."

Nach ihrem Klinikaufenthalt verbrachte Gudrun Hahn zwei Monate in Kur an der Ostsee. Das Meer, die Möwen, die Stille hätten ihr gut getan, sagt sie. Ein neues Hobby hat sie dabei entdeckt. Nordic Walking. "Ich habe seit dem Amoklauf das ständige Bedürfnis zu laufen. Wie, als ob mich jemand mit einer Uhr aufgezogen hat", sagt sie und wippt mit ihrem Oberkörper vor und zurück. "Ich bin ruhelos geworden." In der Kur bringt Gudrun Hahn aber auch endlich wieder die Konzentration fürs Lesen auf. Seichte Romane, aber auch Biographien von Maler Vincent van Gogh oder des Komponisten Mozart geben ihrer Psyche Zeit zur Erholung. Nur so konnte Gudrun Hahn an der Ostsee erstmals ertragen, längere Zeit alleine zu sein, sich den Bildern zu stellen, die jetzt auftauchten. Die schmerzhaft-schönen, von der jauchzenden Jacky. Die qualvollen von dem grauhaarigen Polizeibeamten mit dem ernsten Gesicht, der in einer Winnender Schulhalle am Abend des Amoklaufes vor ihr steht und in nüchternen Worten sagt: "Frau Hahn, es tut mir leid, ich muss Ihnen die Mitteilung machen, dass Ihre Tochter ums Leben gekommen ist."

Der schwere Weg zurück ins Leben

Ein halbes Jahr danach wagt Gudrun Hahn einen großen Schritt: Sie wird ihre Wohnung aufgeben, schweren Herzens, aber sie denkt, es ist besser, nicht mehr jede Sekunde an Jacqueline erinnert zu werden. "Es quält mich einfach zu sehr, ich könnte mein restliches Leben dort nicht verbringen." Tochter Tatjana lebt schon seit dem 11. März nicht mehr zuhause, sie ist zu ihrem Freund gezogen, erträgt die Erinnerung an die tote Schwester in der alten Wohnung nicht. Gudrun Hahn hat nur wenige Kilometer von Winnenden entfernt eine neue Bleibe gefunden. Sie will den Kontakt zu den anderen Hinterbliebenen des Amoklaufes aufrechterhalten. Vor allem mit der Mutter von Jacquelines Freundin Nicole, die im gleichen Klassenzimmer erschossen wurde, verbringt sie viel Zeit. "Wir kannten uns davor, nun ist es eine Freundschaft geworden. Wir lachen viel über unsere beiden Töchter, über die Freude, die wir mit ihnen hatten. Aber man kommt doch immer wieder auf das eine Thema zurück", sagt Gudrun Hahn und blickt auf ihren schwarzen Rock. "Zum Glück bin ich medikamentös so gut eingestellt, dass ich nicht ständig weinen muss. Wenn ich die nicht hätte…"

Wieder arbeiten, das ist ihr nächste Ziel. Aber Gudrun Hahn weiß, dass es noch weit entfernt ist, solange sie nur mit Beruhigungsmitteln den Tag übersteht. Sie hebt die Schultern, atmet tief und sagt: "Ich schaff' das schon."

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