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Hirntod der 22-jährigen Tuğçe: Wie gefährlich ist Zivilcourage?

Immer trifft es die Falschen: Die Lehramtsstudentin Tuğçe wollte einen Streit schlichten - und ist nun hirntot. Hätte sie besser Nichts tun sollen? Wie gefährlich ist es, wenn wir uns einmischen?

Von Anna-Beeke Gretemeier

Das Schicksal der 22-jährigen Tuğçe, die ihr mutiges Einschreiten vermutlich mit dem Leben bezahlen muss, bewegt ganz Deutschland

Das Schicksal der 22-jährigen Tuğçe, die ihr mutiges Einschreiten vermutlich mit dem Leben bezahlen muss, bewegt ganz Deutschland

Freitagabend, Berlin-Kreuzberg: Ein junger Mann zieht in einer Bankfiliale am Mehringdamm Geld. Als er gehen will, hält ihm ein Obdachloser die Tür auf und streckt ihm einen schmutzigen Pappbecher entgegen. "Wirf mal 'nen Euro rein, Jungchen", sagt der alte Mann mit dem dunklen Bart. "Ich halt' Dir dafür auch die Tür auf. Ich hab Durst! Will auch 'nen Feierabendbierchen." "Du und Feierabend?", kommt es erst noch murmelnd zurück. Und dann schon lauter: "Als ob Du arbeiten würdest, Alter. Kannst mich mal. Lass mich durch jetzt." Der Streit eskaliert als der Obdachlose den jungen Mann an seiner Jacke fasst. Es wird geschubst, gepöbelt und gezerrt. Jede Seite hat an diesem Abend Freunde und Unterstützer. Bis irgendwann die Sirenen aufheulen und professionelle Schlichter eintreffen, ist es ein einziges Durcheinander - mit fliegenden Fäusten, blutigen Nasen und klirrendem Kleingeld auf dem Boden.

Wir alle kennen solche Szenen, erleben Belästigungen in der U-Bahn, Raufereien auf dem Schulhof oder fremdenfeindlichen Pöbeleien auf der Straße; geraten immer wieder selbst zwischen die Fronten. Manche Situationen sind gefährlicher als andere, ein häufig wiederkehrendes Phänomen bleibt: Wir gucken weg und greifen (zunächst) nicht ein. Es sind schließlich genug andere da, die einschreiten könnten. Psychologen sprechen vom "Bystander-Effekt", dem Zuschauereffekt. Je mehr Leute anwesend sind, desto weniger ist der Einzelne dazu bereit einzuschreiten, wenn ein anderer bedroht wird.

Der Mutige ist der Dumme?

Die Lehramtsstudentin Tuğçe, 22, hat nicht zugeschaut. Sie ist eingeschritten, als drei Männer zwei junge Frauen auf der Toilette eines Offenbacher Schnellrestaurants bedrängen. Zunächst scheint es, als habe sie den Streit schlichten können. Aber die Täter warten nur auf dem Parkplatz vor dem Restaurant, bis Tuğçe herauskommt. Ein 18-Jährigen, den die Polizei bereits als Intensivtäter registriert hat, prügelt die junge Frau ins Koma. Vor zwei Tagen wird sie von ihren Ärzten für hirntot erklärt. Nun ringen ihre Eltern um eine Entscheidung. Sollen sie die Maschinen, die noch einige Körperfunktionen erhalten, abstellen lassen oder nicht.

Eine ganze Nation ist geschockt. Wie konnte so etwas Schreckliches passieren? Schon wieder? 2009 stellte sich der Manager Dominik Brunner an einem Münchener S-Bahnhof schützend vor vier Schüler, als diese bedrängt wurden - und zahlte dafür mit seinem Leben. Die Täter schlugen ihn so brutal zusammen, dass er später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlag. Wochenlang beherrschte das Thema die Presse. Und auch danach war immer wieder von Fällen zu lesen, in denen wohlmeinende Helfer übel zu Schaden kamen. Die Botschaft solcher Stories ist stets die gleiche: Der Mutige ist der Dumme, Zivilcourage zahlt sich nicht aus. Im Gegenteil: Sie ist brandgefährlich.

Der Bürger als Zeuge und Helfer

Dieser Gedanke erzeugt Angst, lähmende, blockierende Angst. Sie hindert Menschen daran zu handeln, wenn es darauf ankommt. Der Bystander-Effekt. Und zu einem Teil ist dieser auch der Medien geschuldet. Natürlich berichtet kein Journalist, wenn eine Situation glimpflich ausging, weil jemand die Streithähne zur Vernunft bringen konnte. Eine gute Tat ist noch keine gute Geschichte, die sich gut verkaufen lässt. Millionen Helden des Alltags werden nie mit auch nur einer Zeile gewürdigt. Missratene, blutige vielleicht sogar tödliche Aktionen hingegen schon. So entsteht auch erst das verquere Bild, Zivilcourage sei eine potentielle Falle.

Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes, hält dagegen. "Wir alle sind schon von Gesetzes wegen verpflichtet, bei einer Straftat im Rahmen unserer Möglichkeiten einzugreifen", sagt er dem stern. "Jeder von uns trägt Verantwortung dafür, dass das Zusammenleben in unserer Gesellschaft friedlich und zivilisiert verläuft. Deshalb ist auch jeder gefordert, selbst als Zeuge und Helfer aktiv zu werden." Ein Fakt, der Zögerliche beruhigen mag: Personen, die sich im Interesse der Allgemeinheit besonders einsetzen, zum Beispiel versuchen, einen Bedrohten zu schützen, sind gesetzlich unfallversichert.

Riskante Einzelaktionen

Die wenigsten wissen jedoch, wie Gewalttäter überhaupt zu bändigen sind. Zu viel Courage, auch das ist leider wahr, kann tatsächlich lebensgefährlich sein. "Ruhig bleiben. Spielen Sie bloß nicht den Helden. Im Gegenteil. Wer zu viel riskiert, kann dazu beitragen, dass Auseinandersetzungen erst recht eskalieren", sagt Schmidt. Was also ist konkret zu tun? Zunächst einmal: Hinsehen, nicht wegdrehen. Sich dem Opfer zuwenden, es nicht alleine lassen. Sich die Situation und die Täter einprägen, um später eine Zeugenaussage machen zu können. Keine Einzelaktionen wagen, sondern Hilfe organisieren. "Holen Sie die Anderen aus der Starre, in dem Sie sie gezielt ansprechen: 'Hey, Sie da, in der roten Jacke - alarmieren Sie die Polizei!' Handeln Sie nicht allein", rät Schmidt. Der oberste Leitsatz sei, zu helfen ohne sich dabei selbst in Gefahr zu bringen. Schon kleine Gesten würden etwas bewirken. Zum Beispiel, das Opfer aufzufordern, herzukommen, um es aus dem Aktionsradius des Täters zu holen. "Gar nichts zu tun, ist immer die schlechteste Variante. Damit lässt man das Opfer allein und stärkt dem Täter den Rücken", resümiert Schmidt.

Anna-Beeke Gretemeier wohnt in Berlin-Kreuzberg und ist schon häufig Zeugin tätlicher Übergriffe geworden. Letztendlich trieb sie immer diese Frage zur Mithilfe: Wenn nicht ich, wer dann? Bei den Obdachlosen in ihrem Kiez ist sie schon dafür bekannt, die Polizei zu holen. Auf kleinere Raufereien wird darum immer häufiger naserümpfend verzichtet.