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Fall Tuğçe: Welche Strafe den Täter erwartet

Nach dem Hirntod von Tuğçe A. kochen die Emotionen hoch. Viele Nutzer auf Twitter oder Facebook fordern eine lebenslange Haftstrafe für den Täter. Doch die dürfte es - bei Weitem - nicht geben.

Von Felix Haas

Der mutmaßliche Täter auf einem Facebook-Foto: Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft

Der mutmaßliche Täter auf einem Facebook-Foto: Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft

Wer ist der mutmaßliche Täter?

Der Mann, der Tuğçe niedergeschlagen haben soll, ist 18 Jahre alt. Derzeit sitzt er in Untersuchungshaft. Die Auswertung der Zeugenvernehmungen sei noch nicht abgeschlossen, betonte die Staatsanwaltschaft bis zuletzt. Der Täter soll der Justiz bekannt sein, er ist aber nach Aussage des Oberstaatsanwaltes kein Intensivtäter. Derzeit schweigt der Mann.

Was ist der Straftatbestand?

Genaue Details über die Vorwürfe sind nicht bekannt. Momentan muss von folgendem, in der Öffentlichkeit bekannten, Tatverlauf ausgegangen werden: Der Mann schlug Tuğçe einmal. Der wuchtige Schlag traf sie an der Schläfe. Tuğçe fiel und prallte mit ihrem Kopf auf die Steine. "Am Tötungsvorsatz dürfte es nach dem jetzigen Kenntnisstand fehlen", sagt Experte Sascha Böttner dem stern. Absichtliche Tötung lag also vermutlich nicht vor. Der Fachanwalt für Strafrecht vermutet daher als Tatbestand "Körperverletzung mit Todesfolge".

Was bedeutet das?

Es würde eine vorsätzliche Körperverletzung vorliegen, die fährlässig den Tod verursacht hat.

Welche Strafe erwartet den mutmaßlichen Täter?

Das Strafmaß hängt maßgeblich davon ab, ob der Fall nach dem Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht beurteilt wird. Der mutmaßliche Täter ist 18 Jahre alt. Damit ist er ein Heranwachsender. Zwischen 18 und 21 Jahren kann nach Jugend- und Erwachsenenstrafrecht geurteilt werden. Für das Strafmaß hat das weitreichende Konsequenzen. Ein Beispiel: Im Normalfall wird Körperverletzung mit Todesfolge mit einer Freiheitsstrafe zwischen drei und 15 Jahren bestraft. Das gilt allerdings nur für Erwachsene.

Wie werden Heranwachsende in einem solchen Fall bestraft?

Beim Jugendstrafrecht gilt dieser Strafrahmen nicht. Der mutmaßliche Täter gilt als Heranswachsender. Es wird geprüft, ob eine sogenannte Reifeverzögerung vorliegt. Heißt: Wie nah ist der Täter an der Grenze zum 18. Geburtstag? Wie weit ist er in der Erwachsenenwelt angekommen? Wohnt er bereits alleine? Oder noch bei den Eltern? Ist er ins Arbeitsleben integriert? Hat er eine eigene Familie? Zudem gerät die Art und Weise der Tat in den Blick.

Die Frage ist auch: Handelt es sich um eine jugendtypische Tat? Das sind beispielsweise Taten, zu denen man sich hinreißen lässt. Experte Böttner: "Die Wahrscheinlichkeit dürfte sehr hoch sein, dass in diesem Fall eine jugendtypische Tat vorliegt."

Welche Kriterien gibt es für die Beurteilung der Tat?

Der Erziehungsgedanke spielt eine maßgebliche Rolle. Kann mit geringeren erzieherischen Mitteln so auf den Täter eingewirkt werden, dass er in Zukunft keine Straftaten begeht? Ist auf den Heranwachsenden bereits erzieherisch eingewirkt worden? Natürlich ist auch die Schwere der Tat wichtig. Schon bei der ersten Verfehlung kann es bei entsprechender Schwere zu einer Jugendstrafe kommen. Körperverletzung mit Todesfolge zählt zu solchen schweren Straftaten, genauso wie Totschlag oder Vergewaltigung.

Warum könnte der Täter Bewährung bekommen?

"Grundsätzlich", betont Böttner, "ist Jugendstrafrecht Täterstrafrecht. Das bedeutet, der Vergeltungsgedanke tritt hinter den Erziehungsgedanken zurück." Im Jugendstrafrecht liegt die Höchststrafe bei 10 Jahren. Damit ist nach Einschätzung des Experten bei Weitem nicht zu rechnen.

"Im vorliegenden Fall ist mit einer deutlich niedrigeren Strafe als der Höchststrafe zu rechnen. Im Falle eines Schuldspruches des Täters wegen fahrlässiger Körperverletzung wird jedenfalls dann, wenn dieser bisher keine nennenswerten Verfehlungen begangen hat, eine Jugendstrafe sogar zur Bewährung ausgesetzt werden. In diesem Fall müsste er nicht ins Gefängnis", betont Böttner.

Einschätzung des Experten im Wortlaut

"Es bleibt abzuwarten, ob die Richter trotz des in diesem Fall hohen öffentlichen Drucks eine Bewährungsstrafe verhängen oder der mutmaßliche Täter eine Jugendstrafe verbüßen muss. Unklar ist derzeit auch, ob der Beschuldigte sich auf Notwehr beruft. Hierauf deutet jedoch derzeit nichts hin. Aufgrund des frühen Verfahrensstadiums und dem Umstand, dass der Beschuldigte sich derzeit nicht äußert, lässt sich nicht abschätzen, wie das Gericht – sollte Anklage erhoben werden – in diesem Fall entscheiden wird."