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HIV-Kontamination: Vater spritzt verseuchtes Blut – um Unterhalt zu sparen

Seine Eltern trennten sich, als er noch ein Kleinkind war. Sein Vater hatte ihm nicht viel mitgegeben fürs Leben. Den Vornamen. Und noch etwas, das ihn für immer begleiten wird.

von Justin Heckert

HIV: Vater spritzt verseuchtes Blut – um Unterhalt zu sparen

Brian Stewart mit seinem Sohn und dessen älterer Schwester. Heute sitzt er als Häftling Nr. 1.018.559 im Potosi Correctional Center

Badger wollte etwas wissen.

Er hatte seine Worte sorgfältig abgewogen, denn er lag im Sterben. Er würde seine Frage nicht wiederholen können. Sie lautete: "Warum hat er mir etwas so Furchtbares angetan?"

Eigentlich war Badgers Vorname Brian. Er hieß genau wie sein Vater, der gerade vor Gericht stand, weil ihm ein unfassbares Verbrechen vorgeworfen wurde.

Badger war sieben Jahre alt, litt an Fieberanfällen und chronischen Ohrentzündungen, seine Leber war geschwollen, und seine Fingernägel hatte ein Pilz befallen. Er schluckte 23 verschiedene Medikamente, sein Immunsystem funktionierte nicht mehr. Ein Virus trieb durch seine Adern.

Als er noch besser bei Kräften gewesen war, war Badger über die Flure des St. Louis Children's Hospital gelaufen, mit einem Schild um den Hals, auf dem "Einladung zum ..." stand. Darunter sah man große rote Lippen. Die Krankenschwestern sollten ihm einen Kuss auf die Wange geben. Und jedes Mal, wenn die Ärzte sein Zimmer betraten, zitierte Badger den berühmten Satz aus "Forrest Gump": "Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt." Dann holte er ein Stück Schokolade aus einer kleinen Box, die auf seinem Bett lag, und die Ärzte mussten eine 25-Cent-Münze in seine Aluminiumdose werfen. Forrest Gump war sein Held.

"Warum kann er nicht sagen, dass es ihm leidtut?"

Aber dann hatte Badger zwei Herzstillstände, und die Mediziner rieten seiner Mutter, ihn beim nächsten Mal nicht wiederbeleben zu lassen. Sie solle besser schon mal die Bestattung vorbereiten. Das tat sie auch. Sie legte den kleinen weißen Anzug zurecht, den er mal als Brautjunge auf einer Hochzeit getragen hatte.

Badger konnte also aufgrund seines Gesundheitszustands nicht persönlich vor dem Gericht im St. Charles County, Missouri, erscheinen. Aber er hatte seiner Mutter die Worte diktiert. Und so las Jennifer Jackson im Herbst 1998 den Geschworenen seine Sätze vor:

"Ich finde, dass er nie wieder aus dem Gefängnis freikommen sollte. Er hätte das nicht machen sollen." Sie rang kurz um Fassung. Dann fuhr sie fort: "Warum kann er nicht sagen, dass es ihm leidtut?"

Brian Stewart saß neben seinen Anwälten und hörte zu. Er trug einen militärischen Kurzhaarschnitt und war frisch rasiert. Seine Arme hielt er vor der Brust verschränkt. Während der sechs Verhandlungstage hatte er nichts zu seiner Verteidigung vorgebracht. Nun, nach der Verlesung von Badgers Worten, wandte sich der ehrenwerte Richter an den Angeklagten. "Ich glaube, dass Sie in alle Ewigkeit in der Hölle schmoren werden, wenn Gott Sie endlich zu sich ruft. Und vielleicht besteht darin die einzige Form der Gerechtigkeit, nach Ihrem Tod", sagte er. "Ich kann Sie höchstens zu lebenslanger Haft verurteilen. Angesichts dessen, was Ihr Sohn durchmachen muss, scheint mir das allerdings keine faire Strafe zu sein. Er wird sterben. Das ist uns allen klar."

Brryan "Badger" Jackson als junger Erwachsener. Er hat einen neuen Vornamen – und er lebt

Brryan "Badger" Jackson als junger Erwachsener. Er hat einen neuen Vornamen – und er lebt

Stewart arbeitete im Krankenhaus. Als Punktionskraft war er im Barnes Hospital in St. Louis für Blutentnahmen zuständig. Er war ein Meister im Umgang mit Flügelkanülen, diesen feinen Nadeln, die Ärzte gern bei verängstigten Kindern einsetzen, weil sie so harmlos wie Schmetterlinge aussehen. Wenn Kollegen eine Vene nicht treffen konnten, baten sie oft Stewart um Hilfe. Er hatte so ruhige Hände.

Stewart war groß, hatte ein markantes Grübchen und kleidete sich immer einen Hauch besser als seine Kollegen

Doch Stewart war auch ein seltsamer Mann. Später sagten Zeugen, er habe sich in Bereiche der Klinik geschlichen, in denen er eigentlich nichts zu suchen hatte. Zum Beispiel dorthin, wo alle möglichen Blutkonserven lagerten. Sie sagten auch, dass er Patienten mehr Blut als notwendig abgenommen und Ampullen zu Hause im Kühlschrank gelagert habe. Stewart war groß und stattlich, hatte ein markantes Grübchen in der rechten Wange und kleidete sich immer einen Hauch besser als seine Kollegen. Er trug Stoffhosen und gebügelte Hemden.

Während des ersten Irak-Kriegs hatte er in der Army gedient. Jennifer und er lernten sich 1990 in Troy kennen, wo Stewart zwischenzeitlich stationiert war. Er gefiel der jungen Frau, die schicken Klamotten, der Bürstenschnitt – und dazu noch das Grübchen. Sie sprachen über Verlobung. Aber dazu sollte es nicht kommen.

Der Junge am Tag nach seiner Geburt mit der Halbschwester und der Mutter

Der Junge am Tag nach seiner Geburt mit der Halbschwester und der Mutter

Jennifer sagt von sich, dass sie sich immer schon zu schwierigen Männern hingezogen gefühlt habe. Und Stewart war genau das. Später gab sie bei der Polizei zu Protokoll, wie er sie verletzt, geschlagen und gebissen habe. Wie er gedroht habe, ihr Luft in die Venen zu spritzen und eine Embolie zu verursachen. Wie er, als sie mit Badger schwanger war, Sex mit ihr haben wollte, und er ihr seine ganze Hand in ihre Vagina steckte, als sie sich weigerte. Er habe gesagt, dass er sie für alle anderen Männer "verderben" würde.

Sie hatte ihn damals bei der Polizei angezeigt. Aber nach der Festnahme hatte Stewart aus dem Gefängnis angerufen, um sich zu entschuldigen. Er würde sich professionelle Hilfe suchen. Die Anklage war fallen gelassen worden.

Stewart nahm Brian jr. in die Arme und weinte

Stewart hatte auch eine liebevolle Seite. Vor der Entbindung schenkte er Jennifer ein gerahmtes Gedicht übers Elternsein. Dann wurde er an den Golf entsandt, und sie beschlossen, der Junge solle den Namen "Brian" tragen, wie der Vater. Für den Fall, dass Stewart nicht lebend zurückkehren würde. Als Jennifer in den Wehen lag, rief er sie dann aus dem Mittleren Osten an: "Wie groß ist er? Wie viel wiegt er? Habe ich einen Sohn?"

Badger wurde am 24. Februar 1991 geboren.

Einige Monate später kam Stewart aus dem Krieg nach Hause. Schon am Flughafen wartete Jennifer mit seinem Sohn auf ihn. Stewart nahm Brian jr. in die Arme und weinte. Die Familie verbrachte Thanksgiving und Weihnachten zusammen, der junge Vater hielt der jungen Mutter wie ein Gentleman die Türen auf, küsste sie und sprach, wenn auch vage, von einer gemeinsamen Zukunft. Doch dann folgte der erste Streit. Mit der Faust zertrümmerte Stewart im Zorn die Windschutzscheibe eines Autos, so erinnert sich Jennifer heute.

Als sie von Trennung sprach, habe er entgegnet: "Ich entscheide, wann ich gehe."

Jennifer hatte bereits eine Tochter, und sie wusste, wie schwer ein Leben als Alleinerziehende ist. Ihre Mutter riet ihr, um alles in der Welt die Beziehung zu retten. Doch es wurde zu viel. Jennifer begab sich in psychiatrische Behandlung. Stewart sagte, er zweifle daran, dass er Badgers Vater sei, und stellte die Unterhaltszahlungen ein. Nach einem Vaterschaftstest verpflichtete ihn zwar ein Gericht weiterzuzahlen, aber Stewart verschwand nun weitgehend aus ihrem Leben, der wankelmütige Vater, der erst einen Sohn wollte und dann doch nicht mehr.

Es war im Februar 1992, als Jennifer Stewart auf der Arbeit anrief. Badger liege wegen eines schweren Asthmaanfalls im St. Joseph Hospital, sagte sie ihrem Exfreund. Der Junge hinge am Tropf. Der Anruf verlief irgendwie schräg. Bereits die Frau in der Vermittlung des Krankenhauses hatte eine sonderbare Frage gestellt: "Sind Sie sicher, dass Sie den richtigen Brian Stewart anrufen? Unser Brian hat keinen Sohn."

Badger schrie

Aber Stewart machte sich tatsächlich auf den Weg zu Badger ins Krankenhaus. Er betrat das Zimmer mit seinem weißen Kittel über dem Arm. Jennifer fand das etwas sonderbar. Stewart legte ihn über eine Stuhllehne und erklärte ihr: "Ich wollte ihn nicht im Auto lassen." Dann schlug er ihr vor, sie solle sich doch draußen eine Flasche Wasser holen. 15 Minuten ließ sie ihren Sohn mit seinem Vater allein.

Als sie wieder zurückkam, saß Stewart mit Badger im Arm im Schaukelstuhl.

Badger schrie.

Vier Jahre später bekam Detective Kevin Wilson vom Sheriff's Office im St. Charles County einen Fall vom Jugendamt auf den Tisch. Ein HIV-infiziertes Kind im St. Louis Children's Hospital liege im Sterben. Niemand wisse, wie es sich angesteckt hatte. Alle bekannten Risikofaktoren seien ausgeschlossen worden. Bis zu seinem fünften Lebensjahr habe der Junge ein normales Leben bei seiner alleinerziehenden Mutter geführt. Erst nachdem die Ärzte ihn vergebens auf diverse Krankheiten hin untersucht hatten – darunter auch seltene, die in den USA eigentlich nicht vorkommen –, hätten sie beschlossen, ihn auf HIV zu testen.

Monatelang hatte Jennifer gerätselt, was Badger wohl fehlte. Doch dann fiel ihr dieser Streit mit Stewart ein. Er lag Jahre zurück.

"Wenn ich abhaue, dann für immer, und dann lasse ich auch nichts Unerledigtes zurück", hatte Stewart geschimpft. "Du brauchst dann auch gar nicht wegen Unterhaltszahlungen nach mir suchen. Dein Sohn wird eh nicht lange leben."

Sie fragte, was er damit meine.

"Mach dir keine Gedanken", sagte er. "Ich weiß, dass er seinen fünften Geburtstag nicht erleben wird."

Er hatte das Blut an seiner Arbeitsstätte entwendet und die Ampulle in einer der tiefen Taschen seines Kittels versteckt

Als Wilson nun im Jahr 1996 mit dem Fall betraut wurde, kursierten noch viele Schauermärchen über die HIV-Infektionsmöglichkeiten. Doch der Polizist, ein durchtrainierter Mann mit braunem Schnurrbart, hatte auch eine Ausbildung zum Sanitäter gemacht und wusste, auf welchen Wegen das Virus übertragen wird. Er befragte Verwandte des Jungen, Freunde, ehemalige Babysitter, den Hausarzt. Ließ die Gesundheitsbehörde Blut von mehr als 30 Personen, die Kontakt mit Badger gehabt hatten, abnehmen. Keine davon war positiv.

Doch was war mit Stewart?

Er hatte Zugang zu HIV-kontaminiertem Blut.

Er hatte Zugang zu seinem Sohn.

Er hatte die nötigen Fachkenntnisse.

Und er hatte ein Motiv.

Er wollte keinen Unterhalt zahlen.

Der Detective rekonstruierte den Fall: Als Stewart sich 1992 in Zimmer 238 des St. Joseph Hospital aufhielt, injizierte er seinem Sohn das Virus. Dafür benutzte er eine Flügelkanüle, die über einen kleinen Schlauch mit einer Ampulle voll infiziertem Blut verbunden war. Er hatte das Blut an seiner Arbeitsstätte entwendet und die Ampulle in einer der tiefen Taschen seines Kittels versteckt. Das Schreien, der plötzliche Fieberanfall, den Brian jr. an jenem Tag erlitten hatte, könnten die Folge einer hämolytischen Transfusionsreaktion gewesen sein. Stewart hatte seinem Sohn unverträgliches Blut gespritzt.Island Crime

Der Detective holte den Vater zum Verhör. Acht Stunden lang sprach Stewart kaum ein Wort. Er starrte nur an die Wand. "Er dachte, dass niemand klug genug war, ihn zu überführen", sagt Wilson heute. "Ich sagte zu ihm: 'Ihr Sohn leidet an einer schweren Krankheit, für die es keine logische Erklärung gibt.' Ich sagte ihm, dass ich ihn vor den Geschworenen als Monster hinstellen würde."

So kam es auch. Nicht nur Wilson, sondern auch der Staatsanwalt enthüllte zwei Jahre später vor dem Gericht im St. Charles County verstörende Details aus Stewarts Leben. Er rief die Frau in den Zeugenstand, die Stewart nach der Trennung von Jennifer geheiratet hatte. Sie waren mittlerweile geschieden. Die Exfrau hatte zwei einstweilige Verfügungen gegen ihn erlassen, weil er gewalttätig geworden war. Sie sagte: "Er behauptete, dass er Leute loswerden kann, ohne Spuren zu hinterlassen."

Er ist eine teuflische Person

Einer von Stewarts Kollegen aus der Nationalgarde wurde befragt: "Als wir mal im Auto saßen, sagte er, dass er Leuten, die ihn verarschen, etwas spritzen könnte. Die würden danach nicht wissen, wie ihnen geschieht."

Detective Wilson sagte zu den Geschworenen: "Er ist eine teuflische Person. Es besteht kein Zweifel, dass er sein Kind töten wollte und ihm darum HIV-verseuchtes Blut injizierte."

Stewarts Verteidiger entgegnete, dass Badger sich auf andere Weise angesteckt haben könnte. Etwa durch Spritzen, die Jennifers heroinabhängige Schwester oder deren Freund im Haus zurückgelassen hatten. Oder durch sexuellen Missbrauch. Oder durch einen Fehler im Krankenhaus nach seiner Geburt. Außerdem gebe es sicher noch viele unerforschte und unbekannte Übertragungswege.

Die Geschworenen glaubten ihm nicht. Ihnen waren keine Hinweise auf sexuellen Missbrauch vorgelegt worden. Jennifers Schwester und ihr Freund waren HIV-negativ. Und in keiner der Blutproben, die Badger vor dem Februar 1992 entnommen worden waren, ließ sich das Virus nachweisen.

Die Jury bekam erschütternde Fotos von Badger in verschiedenen Stadien seiner Krankheit zu sehen. Schließlich sprach der Staatsanwalt sein Schlussplädoyer. "Indizienbeweise sind wie ein Seil", sagte er. "Die vielen Fäden reihen sich aneinander – und zusammen sind sie sehr, sehr stark. Es ist ein starkes Seil, stark genug für eine Verurteilung."

Er holte etwas aus seiner Hosentasche und hielt es hoch.

Es war fast zu klein, um es erkennen zu können.

Eine Flügelkanüle.

Badger erholte sich. Zumindest gut genug, um in den Kindergarten zu gehen, wenngleich auch mit einem Spezialrucksack, von dem ein Schlauch direkt zu einem Loch in seinem Bauch führte – zur künstlichen Ernährung. Normales Essen würde er erbrechen. Jennifer hatte ihren Job gekündigt und ihr Studium abgebrochen, um sich der Pflege ihres Sohnes zu widmen. Sie waren auf Lebensmittelmarken angewiesen und erhielten Sozialhilfe.

Aber dafür hatte die Wissenschaft Fortschritte gemacht, die HIV-Therapie war weiterentwickelt worden, und antiretrovirale Medikamente hatten in den Jahren nach der Verhandlung Badgers Leben verlängert. Jennifer kämpfte nun darum, ihn einschulen zu dürfen. Sie klärte das Schulamt über alles auf, was sie über Aids gelernt hatte. Badger wurde aufgenommen, musste aber eine separate Toilette benutzen und im Schulbus für Behinderte mitfahren.

Er konnte nicht Football spielen oder dem Wrestling-Team beitreten

Er trug ein riesiges Hörgerät, das seine Ohren abstehen ließ und durch Kabel mit einer Gürteltasche verbunden war, die er ständig mitschleppen musste. Er hatte 80 Prozent seines Hörvermögens verloren, weil ein Medikament namens Amikacin die Nervenenden im Ohr geschädigt hatte. Aufgrund der Hörschwäche hatte er auch Sprachstörungen entwickelt, die ihn etwas dümmlich wirken ließen. Er konnte nicht Football spielen oder dem Wrestling-Team beitreten. Er konnte nicht einmal bei den Pfadfindern mitmachen, weil die Gruppenleiter Panik vor der Infektionsgefahr hatten. Und seine Mitschüler schubsten ihn herum.

"Aids Boy!"

Der Spitzname war fürchterlich. Aber es gab einen Namen, den er kaum minder hasste: Brian. Mit acht hatte er beschlossen, seinen Vornamen ändern zu lassen. In Brandon? Oder Shawn? Seine Mutter flehte ihn an: Der Name sei doch ein Teil von ihm, wenn, dann solle er nur die Schreibweise ändern. Also präsentierte er dem Richter einen neuen Vornamen, der sich, wie er fand, ziemlich cool las: Brryan.

Brryan wurde von der Schule suspendiert, nachdem er sich gegen eine Horde von Kindern gewehrt hatte, die ihn gegen die Wand gestoßen hatten. Er verpasste fast das gesamte 9. Schuljahr. Der Virengehalt in seinem Blut war wieder gestiegen. Er musste nun manchmal 20 Stunden am Tag schlafen. Brryan war immer noch krank. Daran konnte auch ein neuer Name nichts ändern. Alle rechneten mit seinem Tod, und manchmal sehnte Brryan ihn sogar herbei. Doch Badger lebte.

Diesen Namen hatte er im Camp Kindle, einem Erholungsheim für HIV-infizierte Kinder, bekommen. Alle sollten sich einen Spitznamen aus der Tierwelt aussuchen, und Eichhörnchen war bereits vergeben. Also wurde er Badger, der Dachs.

"Herr Jackson, nett, Sie kennenzulernen. Ich bin Herr Jackson."

Badger wurde immer selbstbewusster, denn er begriff, dass er eine Geschichte zu erzählen hatte. Gegen Ende seiner Highschool-Zeit war er eine kleine Berühmtheit. Er trat in St. Charles und Umgebung auf, sprach in regionalen TV-Sendungen, schließlich bereiste er für seine Auftritte 25 US-Bundesstaaten in dem Toyota Camry seiner Familie, der zu dem Zeitpunkt schon mehr als 150.000 Kilometer auf dem Tacho hatte. In New York, bei der "Alicia Keys Black Ball Gala" im Jahr 2009, fand er sich an einem Tisch mit Samuel L. Jackson wieder. Badger sagte: "Herr Jackson, nett, Sie kennenzulernen. Ich bin Herr Jackson." Der Schauspieler lachte. Dann erzählte Badger ihm seine Geschichte. Als er fertig war, legte Samuel L. Jackson sein edles Besteck nieder und sagte: "Wow!"

Die Sonne scheint. Er schreitet durch die Glastüren einer Chick-fil-A-Filiale in St. Charles County. Er ist jetzt Mitte 20, 1,80 Meter groß, braun gebrannt. Seine Schlüssel hängen an einer Kette, die von seiner Jeans baumelt. Rotblondes zerzaustes Haar. Die Spitzen von der Sonne ausgeblichen.

Badger.

Badger trägt knallblaue Socken und Chucks. Er schiebt seine Sonnenbrille hoch. In seiner rechten Wange hat er ein markantes Grübchen. Die Mädchen hinter dem Tresen kichern schüchtern. Er nickt dem jungen Typen mit dem Headset zu, der die Bestellungen entgegennimmt. Der Junge nickt zurück. Badger lehnt sich lässig an den Tresen.

Badger Swagger. Das ist sein Style.

Die Bezeichnung hat er sich selbst ausgedacht. Swagger lässt sich als "cooler Auftritt" übersetzen. Cool wie ein Dachs? Klingt albern. Aber irgendwie ist es treffend. Er hat dafür sogar ein eigenes Hashtag erstellt. Wann immer er etwas Bescheuertes macht, zum Beispiel den Rasen im Bananenkostüm mähen: #badgerswagger.

Sogar seine nuschelnde Aussprache, die er seinem Hörschaden verdankt, gehört zu seinem Swagger. "Die Art, wie ich spreche, ist mein Slang", sagt er.

Zwei Tage zuvor habe er wieder einen Tweet verschickt, erzählt Badger beim Essen. Es war Vatertag, und sein Vater sitzt seit über 15 Jahren in einem Hochsicherheitsgefängnis. "Ich bin bekannt für meine Jokes über ihn. Und bei manchen fühlen sich einige Leute ...", er hält inne und trinkt einen Schluck, "... unbehaglich."

Die Jokes gehen so: Er hält ein orangefarbenes T-Shirt hoch und fragt mit ironischem Lächeln: "Sehe ich damit wie mein Vater aus?" Orange, wie die Farbe der amerikanischen Knastuniformen.

Im Leben geht es darum, Spaß zu haben und Abenteuer zu erleben

Oder er postet auf Instagram ein Foto eines Nummernschilds als Beispiel für die "Handwerkskunst" seines Vaters. Nummernschilder, wie man sie in US-Gefängnissen fertigt.

Auf Twitter liest sich der Badger Swagger wie folgt: "Klopf, klopf. Wer da? Nicht mein Vater."

Badger schaut gut aus. Er ist momentan auch relativ gesund und muss nur eine Tablette pro Tag nehmen. Doch er hat immer noch mit einer Gürtelrose und mit der Müdigkeit zu kämpfen. Alle drei Monate muss er zur Blutuntersuchung. "Alter! Ich kann entweder rumsitzen und wütend auf die ganze Situation sein – oder ich kann es mit Humor nehmen", sagt er. „"Im Leben geht es darum, Spaß zu haben und Abenteuer zu erleben. Wenn du Witze darüber machen willst, dass du ein uneheliches Kind bist, dass du ohne Vater aufgewachsen bist, dass du Hörprobleme hast oder HIV-positiv bist, dann mach sie einfach, bevor es andere tun."

Gerade wenn man ihn zum ersten Mal trifft, ist es schwer, Badgers Selbstironie nicht als einen latenten Schutzmechanismus zu deuten, den er sich als Kind zu- und dann nie wieder abgelegt hat. Man könnte vermuten, dass sich hinter dieser Fassade eine brodelnde Wut verbirgt. Doch selbst wenn dieser Groll existiert, ist er so tief vergraben, dass Badger selbst nicht in der Lage ist, ihn sich einzugestehen.

Wenn man Zeit mit ihm verbringt, erlebt man einen arglosen jungen Mann, dessen Motto lautet: Das ist mein Leben, und ich nehme es, wie es kommt.

"Ich schätze, dass das alles ziemlich leicht aussieht", sagt Badger. "Aber mein Vater und ich … Wie soll ich das am besten erklären? Es ist so, als ob du einem Skateboarder zuschaust. Er hat so viel Zeit investiert. Er hat mit so viel Hingabe trainiert. Seine Moves sehen so leicht und anmutig aus. Aber probiere es mal selbst. Ist gar nicht so einfach."

"Es gibt da dieses Verfahren, das Sperma von HIV reinigt"

Es ist zum Beispiel nicht einfach, eine Freundin zu finden. Mehrere seiner Beziehungen endeten, weil die Eltern des Mädchens interveniert hatten. Die Väter mögen ihn gewöhnlich gern, aber nur so lange, bis die Liebelei ernst zu werden droht. Und das ist besonders schwierig für Badger, denn er möchte ja eigentlich selbst mal Vater werden. Er hat eine Vision, den Plan, ein anderes Vermächtnis zu hinterlassen. "Es gibt da dieses Verfahren, das Sperma von HIV reinigt", sagt er. Der Gedanke an eigene Kinder macht ihn glücklich. "Ich glaube, dass ich ein cooler Dad wäre", sagt er. "Obwohl: Die Typen, die das von sich denken, sind oft die peinlichsten. Davor fürchte ich mich ein wenig. Ich will nicht, dass meine Kinder sich für ihren Dad schämen."

Das Wort benutzt er oft: "Dad". Es klingt nach Sehnsucht und nach Liebe. Es beschäftigt ihn. Badger sagt Sachen wie: "Erzähl mir von deinem Dad! Ich höre gern Geschichten über die Dads anderer Leute."

Und das Wort "Vater"?

Das verwendet er nur für Brian Stewart. In Badgers Slang klingen die beiden Silben irgendwie fremd, wie "Vah-ta."

Er hat nie einen Brief an Häftling Nr. 1.018.559 in Missouri adressiert, er hat nie in der Haftanstalt Potosi in Mineral Point angerufen. Brian Stewart ist für Badger jemand, der hin und wieder in alten Geschichten auftaucht oder auf Fotos zu sehen ist, die er neugierigen Freunden zeigt. Manchmal wird er auch erwähnt, wenn wieder irgendwas über Badgers Leben im Fernsehen läuft.

Er weiß, dass er seinem Vater ähnlich sieht. Er weiß, dass sein Vater wollte, das er seinen Vornamen trägt. Er weiß, dass sein Vater später leugnete, überhaupt einen Sohn zu haben. Er weiß, dass sein Vater jeden Monat 267 Dollar Unterhalt zahlte, bevor er ins Gefängnis kam.

Sonst weiß er nicht viel.

Die offenen Fragen, das Schweigen, die fehlenden Erklärungen, all das gibt ihm das Gefühl, unvollkommen zu sein. Das Mysterium und die Krankheit sind die beiden einzigen Dinge, die Badger von seinem Vater geblieben sind. Manchmal fragt er sich, ob sein Vater weiß, dass er seine eigene HIV-Organisation gegründet hat, "Hope Is Vital" – Hoffnung ist lebensnotwendig. Er fragt sich, ob er weiß, dass Badger in Kenia war, um HIV-infizierten Kindern seine Geschichte zu erzählen: "Es ist kein Todesurteil!" Ob er weiß, dass er vor dem US-Kongress gesprochen hat. Dass er den Eröffnungs-Pitch bei einem Baseballspiel der St. Louis Cardinals geworfen hat, barfuß, ein Trikot mit seinem Namen B. JACKSON auf dem Rücken, während auf der Anzeigetafel in ein paar Stichworten erzählt wurde, wer er ist.

"Er wollte keinen Unterhalt zahlen."

"Ich empfinde nichts für ihn", sagt Badger. "Ich kenne den Typen nicht; ich weiß nur, was er getan hat. Vielleicht tut es ihm leid, vielleicht hat er sich gewandelt. Ich weiß nicht, was er denkt oder was er tut. Ich habe ihm verziehen, und mehr kann ich nicht tun. Außer mein Leben zu leben und ihm zu zeigen, was ich draufhab."

Eine Gewissheit hat Badger: Sein Vater wollte ihn ermorden. Doch dann tut sich schon die nächste Lücke auf: Warum? Badger hat nur ein paar Vermutungen.

"Er wollte keinen Unterhalt zahlen."

Oder:

"Er wollte meiner Mama wehtun."

Aber eigentlich kennt er den wahren Grund immer noch nicht.

Während sein Sohn ein Leben führt, das in seiner Kindheit keiner für möglich gehalten hat, verbringt Brian Stewart jeden Tag allein in Schutzhaft, denn seine Mithäftlinge wissen, was er getan hat. Er spricht mit fast niemandem. Manchmal äußert er sich jedoch schriftlich.

Jennifer hatte nach seiner Verurteilung den Arbeitgeber ihres Exfreunds verklagt. Sie warf der Krankenhausverwaltung vor, ignoriert zu haben, welche Gefahr von ihrem Angestellten ausging. Auch Stewart gab eine schriftliche Stellungnahme für die Verhandlung ab. Darin beteuerte er seine Liebe für seinen Sohn: "Alle, die mich kennen, wissen in ihrem Herzen und ihrem Kopf, dass ich zu der mir vorgeworfenen Tat niemals fähig wäre." Er schrieb, dass er immer das Beste für seinen Sohn gewollt habe, auch damals schon, als er sich nicht sicher war, ob er überhaupt der Vater sei. Er schrieb, dass er Badger vor seiner Mutter gerettet habe, denn die habe das Kind abtreiben wollen. Dass er seinen Sohn im Arm gehalten und seine Windeln gewechselt habe. Ihn gebadet und ins Bett gebracht habe. "Was ich als Vater am meisten liebte, war sein unwiderstehliches Lächeln und ihn lachen zu hören ..."

Der Brief bringt zum Ausdruck, dass Badger nicht nur lebt, sondern auch gesund ist

Eines Tages, während der Recherchen für diesen Artikel, schickte mir ein Freund von Stewarts Familie ein Paket. Darin befand sich ein Brief. Er begann mit dem Satz: "Niemand hat sich die Mühe gemacht, Brians Version der Geschichte zu hören." Dann folgten Vorwürfe. Zum Beispiel: "Sein Sohn ist am Leben und prahlt über seine Abenteuer auf Facebook." Der Brief bringt zum Ausdruck, dass Badger nicht nur lebt, sondern auch gesund ist. Mit anderen Worten: Er ist gar nicht HIV-positiv, und Stewart wurde zu Unrecht verurteilt. Im Päckchen lagen auch alte Artikel über

HIV-Infektionswege und Stewarts Briefe an den Gouverneur von Missouri und das Midwestern Innocence Project, das abgelehnt hatte, seinen Fall zu übernehmen.

Schließlich ein Brief von Stewart selbst. Er beginnt höflich: "Verzeihen Sie, dass ich erst jetzt zurückschreibe." Er erklärt sich bereit, ein Interview zu geben. Aber er stellt Bedingungen: "Ich bekomme Ihre schriftliche Zusage, dass Sie das Folgende unredigiert veröffentlichen: 'Das positive HIV-Testergebnis meines Sohnes ist falsch.'"

Außerdem müssten die "relevanten wissenschaftlichen Fakten von Experten der Perth Group und von AliveandWell.org" erwähnt werden. Das eine ist eine australische Organisation, die die Existenz von HIV infrage stellt. Das andere eine Website, die die Aussagekraft von HIV-Tests bezweifelt. Sie wurde von der Aids-Leugnerin Christine Maggiore gegründet, die 2008 an einer Folgeerkrankung von Aids starb. Maggiores Tochter war bereits im Alter von drei Jahren an Komplikationen gestorben, die auch mit einer HIV-Infektion zusammenhingen. Unser Briefwechsel endet an diesem Punkt.

Badger lebt heute in einem kleinen Haus außerhalb von St. Louis, in einer Straße namens Hope Drive. Das Häuschen konnte er sich dank einer Schadensersatzzahlung leisten, die seine Mutter in einem Prozess ausgehandelt hatte.

In den Zimmern hängen Fotos. Viele zeigen Badger im Camp Kindle, dem Erholungsheim für HIV-infizierte Kinder. Dort war er im Lauf der Jahre vom Teilnehmer zum Betreuer aufgestiegen. Zu einer Symbolfigur für Überlebenswillen.

"Willkommen zum Jackson Superdome"

"Er ist ein Wunder", sagte ein Mitarbeiter des Camps, als er Badger eines späten Abends einer Gruppe von Kindern vorstellte. Badger stand vor dem Lagerfeuer. Die Kinder saßen auf Holzbänken und lauschten, das Feuer knisterte und tauchte sein Gesicht in orangefarbenes Licht. "In der 5. Klasse liefen meine Mitschüler ständig vor mir weg, als hätte ich eine Waffe", erzählte er. "Sie überzeugten mich allmählich davon, dass ich ein Monster war. Dass es für mich keinen Platz auf dieser Welt gab. Nicht nur, dass ich ein böses Kind war, sondern, dass ich genau wie mein Vater enden würde."

Draußen vor der Tür ist die Auffahrt zu Badgers Haus mit bunter Kreide bemalt: "Willkommen zum Jackson Superdome". Es ist ein besonderer Tag. Heute sind Badgers Geschwister eingezogen. Seine Brüder Colttyn, 16, und Raydden, 14, sowie seine Schwester Shannyn, 12, werden für einige Zeit bei ihm wohnen.

Seine Mutter hat insgesamt sechs Kinder von fünf Männern. Badger sah, wie die Typen Jennifer schlugen und wie alle, bis auf einen, sie einfach mit den Kindern sitzen ließen. Jennifer will, dass die drei in einem Viertel mit besseren Schulen aufwachsen. Außerdem sagt sie, dass auch ihr letzter Freund sie bedroht habe. Badger wird eine Art Ersatzvater. Er will die Hausaufgaben seiner Geschwister überprüfen, sie zur Schule bringen, und er hat sich vorgenommen, dass immer eine große Schachtel Süßigkeiten in der Küche steht. Der Junge ohne Dad übt, selbst einer zu sein.

Er hat über das Vatersein ja auch schon einiges lernen können. Badger sagt: "An all die Arschlöcher, die meine Mutter wie Dreck behandelt haben: Danke, dass ihr mir gezeigt habt, was ein schlechter Mensch ist! Die Ablehnung durch meinen Vater und auch die HIV-Infektion haben mich etwas fürs Leben gelehrt: Man findet nicht immer heraus, wer man sein soll, aber man weiß, wer man nicht sein soll."

Der Patient, der als todgeweihter Junge mit den Schwestern flirtete, bezaubert sie noch immer

An diesem Tag hat Badger noch einen zweiten wichtigen Termin. Er muss ins St. Louis Children's Hospital zu einer Kontrolluntersuchung. In der Kantine schwebt ein riesiger Heißluftballon, von den Wänden leuchten bunte Tierfiguren. Das Kinderkrankenhaus ist durch eine gläserne Fußgängerbrücke mit dem Barnes Hospital verbunden. Dort hatte Badgers Vater gearbeitet, dort lagerten die Blutkonserven.

Seit er als Kind zum ersten Mal krank wurde, ist Badger jedes Jahr hierhergekommen. Die Ärzte haben früher Zeitungsausschnitte über ihn an die Pinnwände auf den Fluren geheftet. Badger stützt sich mit den Ellenbogen auf den Tresen an der Rezeption und quatscht die Krankenschwestern voll. Der Patient, der als todgeweihter Junge mit den Schwestern flirtete, bezaubert sie noch immer. Und noch immer bekommt er am Ende der Untersuchung einen Lolli.

Im Sprechzimmer setzt er sich auf den Untersuchungstisch und wartet auf die Ärztin. Seine roten "Sperry TopSider"-Segelschuhe baumeln über dem Boden. Er macht ein paar Selfies mit der Arztlampe im Hintergrund. Seine Ärztin betritt den Raum und umarmt ihn. Sie fragt ihn nach seinem Liebesleben und ob er seine Medizin wie vorgeschrieben einnehme. Dann teilt sie ihm mit, dass das Children's Hospital ihn nicht mehr länger behandeln werde. Er sei jetzt einfach zu alt.

Aber sie werde seinen Weg weiter verfolgen und immer stolz auf ihn sein. Niemand, der ihn aufwachsen sah, könne seine Geschichte je vergessen. Dann sitzen Ärztin und Patient eine Minute schweigend beieinander.

Badger ist nicht geheilt. Aber weitgehend gesund. Er sagt, er würde eines Tages gern selbst Vater werden

Badger ist nicht geheilt. Aber weitgehend gesund. Er sagt, er würde eines Tages gern selbst Vater werden

Badger tritt hinaus auf den Flur. Ein letztes Mal "Ohs" und "Ahs" von den Kinderkrankenschwestern. Sie sagen ihm, wie groß er geworden sei. Und dass er sich gefälligst ab und an sehen lassen solle. Badger geht vorbei an den Wänden mit den Tierzeichnungen, vorbei am Heißluftballon, an den Türen, hinter denen kranke Kinder um ihr Leben kämpfen. Auf dem Weg zum Parkplatz lutscht er immer noch an dem Lolli, der ihm schräg aus dem Mundwinkel hängt. Ein kleines blaues Pflaster bedeckt die Stelle an seinem Arm, an der die Schwester die Nadel setzte.

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