VG-Wort Pixel

Parallelen zum Höxter-Drama Entführt, gequält, befreit – diese Frauen entkamen ihren Peinigern

Genau wie die Frau in Höxter wurden auch Jaycee Lee Dugard, Natascha Kampusch und Amanda Berry (v.l.) gefangen gehalten
Genau wie die Frauen in Höxter wurden auch Jaycee Lee Dugard, Natascha Kampusch und Amanda Berry (v.l.) gefangen gehalten
© DDP
In Höxter stirbt eine Frau nach Wochen in Gefangenschaft. Zu Tode gequält von ihren Entführern. Doch es gibt auch Fälle, in denen Opfern die Flucht gelang – weil ihre Peiniger einen entscheidenden Fehler machten.

Eine Frau wird wochenlang auf einem Hof in Höxter von einem Paar gefangen gehalten und gefoltert, bis sie schließlich stirbt. Nach und nach kommen immer mehr grausige Details ans Licht. So soll die Frau nicht das erste Opfer des Horror-Paares gewesen sein. Die beiden sollen bereits vor zwei Jahren eine weitere Frau umgebracht, zerstückelt und die Leichenteile im Kamin des Gehöfts verbrannt haben. Jedoch soll es auch mehrere Frauen geben, die dem Martyrium lebend entkommen konnten.

Höxter erinnert an andere Fälle

Immer wieder gab es in der Vergangenheit grausame Entführungs-Fälle, in denen den Opfern später die Flucht gelang. Oft erst nach Jahren. Und meistens nur, weil ihre Peiniger für einen Moment lang unachtsam waren. So wie in diesen Fällen:

Das "Monster" von Cleveland

Am 16. April 2003 entführte Ariel Castro aus Cleveland im US-Bundesstaat Ohio die damals 16-jährige Amanda Berry. Erst zehn Jahre später konnte sie ihrem Peiniger entkommen, weil dieser vergaß, die Tür zu seinem Haus abzuschließen. Als die Polizei kam, wurde klar, das "Monster" von Cleveland hielt noch zwei weitere Mädchen jahrelang gefangen: Michelle Knight, damals 20 und Gina DeJesus, damals 14 Jahre alt. Alle drei hatten in der Nachbarschaft gewohnt und Castro hatte sie unter einem Vorwand in sein Haus gelockt. Dort sperrte er sie in seinen Keller, folterte und vergewaltigte sie. Während Knight in der Gefangenschaft fünf Fehlgeburten erlitten haben soll, brachte Berry im Dezember 2006 ein Kind von ihm auf die Welt. Das Kind nahm er ab und zu mit zu seiner Mutter. Vor Gericht entschuldigte er sich später bei seinen Opfern, erklärte, nicht in böser Absicht gehandelt zu haben und kein gewalttätiger Mensch zu sein. Er wurde am 1. August 2013 zu lebenslanger Haft verurteilt. Am 3. September erhängte er sich in seiner Zelle.

Das Horror-Paar von Kalifornien

Jaycee Lee Dugard war elf Jahre alt, als sie am 10. Juni 1991 von einem Ehepaar an einer Schulbushaltestelle in South Lake Tahoe, im US-Bundesstaat Kalifornien, vor den Augen ihres Stiefvaters in ein Auto gezerrt und verschleppt wurde. Der Entführer war der wegen mehrfacher Sexualdelikte unter lebenslanger Bewährung stehende Phillip Garrido. Er saß 1977 wegen Entführung mit Vergewaltigung bereits elf Jahre in Haft. Er sperrte das Mädchen in einen schalldichten Schuppen auf seinem Grundstück, fesselte es mit Handschellen und machte es zu seiner Sexsklavin. In dem Schuppen blieb das Mädchen auch, als Garrido zwischendurch wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen vier Monate ins Gefängnis musste. In dieser Zeit wurde Dugard von Garridos Frau versorgt. In der Gefangenschaft brachte Dugard zwei Kinder zur Welt. Erst 18 Jahre später, am 27. August 2009, wurde sie von der Polizei befreit, weil ihr Peiniger auffiel, als er versuchte, mit den beiden Kindern das Gelände einer Universität zu betreten und dort religiöse Flugblätter zu verteilen. Als eine Kontrolle der Personendaten ergab, dass er ein bedingt entlassener Häftling ist, kontaktierten die Beamten seinen Bewährungshelfer und ordneten ein Treffen an. Bei dem Treffen gab er schließlich die Entführung zu. Der 58-Jährige und seine damals 54-jährige Frau wurden daraufhin festgenommen. Beide bekannten sich zwei Jahre später schuldig. Am 2. Juni 2011 wurde Garrido zu 431 Jahren, seine Frau zu 36 Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Fall Josef Fritzl

24 Jahre lang hielt Josef Fritzl aus dem österreichischen Amstetten seine Tochter Elisabeth in seinem Keller gefangen. Am 28. August 1994 sperrte er die damals 18-Jährige weg. Seiner Frau und ihren Geschwistern täuschte er vor, sie sei weggelaufen und man solle nicht nach ihr suchen. Der Beginn eines jahrelangen Martyriums. Fritzl quälte und vergewaltigte seine Tochter fortan in dem eigens dafür gebauten Verließ, demonstrierte seine Macht, indem er die Lebensmittel rationierte oder den Strom teils tagelang zur Bestrafung ausschaltete. Auch drohte er ihr, es würde Gas in das Verlies eingeleitet, sollte ihm etwas zustoßen. In ihrem Gefängnis gebar die junge Frau acht Kinder.

Drei davon legte Fritzl auf den Treppenstufen des Hauses ab, dazu jeweils Briefe der verschollenen Tochter, ihre Eltern mögen sich doch bitte der Kinder annehmen. Ein Junge starb kurz nach der Geburt. Fritzl verbrannte ihn im Heizungsofen und verstreute die Asche in seinem Garten. Das Martyrium hatte erst ein Ende, als im April 2008 die 19-Jährige Tochter erkrankte und Elisabeth ihren Vater bat, sie in ein Krankenhaus zu bringen. Dort flog schließlich alles auf. Fritzl wurde 2009 zu lebenslanger Haft verurteilt, die er in einer Haftanstalt für psychisch abnorme Straftäter verbüßt.

Der Horror-Arzt von Schweden

Fünf Jahre lang soll ein Arzt aus Schweden an einem geheimen Bunker unter seinem Haus gebaut haben, indem er im September 2015 eine 30-Jährige aus Stockholm sechs Tage lang gefangen hielt. Die Frau besuchte er zunächst in ihrem Appartement. Dort betäubte er sie und entführte sie anschließend auf seine Farm, die ausgestattet war mit massiven Wänden, Küche, Bad, einer doppelten Tür und sogar einem kleinen Hof, der nicht eingesehen werden konnte. Der Arzt verabreichte seiner Gefangenen die Anti-Baby-Pille und soll ihr Blut auf ansteckende Krankheiten untersucht haben. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Arzt vorhatte, die Frau dort jahrelang gefangen zu halten. In den Tagen ihrer Gefangenschaft soll er sie mehrfach vergewaltigt haben. Als er schließlich merkte, dass die schwedischen Behörden nach der Frau suchten, nahm er sie mit zur Polizeiwache. Dort sollte sie zeigen, dass mit ihr alles in Ordnung sei. Doch sie ließ ihren Peiniger auffliegen. Der Arzt wurde noch vor Ort verhaftet und im Februar dieses Jahres zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Fritzl von Japan

Im März 2014 verschwand in Japan auf dem Schulweg ein 13-jähriges Mädchen. Ihr Peiniger, ein damals 21-jähriger Student, entführte sein Opfer und sperrte es in seine Wohnung nahe der Universität Chiba. Wie sie später erzählte, musste sie keine Fesseln tragen, wurde jedoch immer streng bewacht. Im März 2016 zog der Entführer mit seinem Opfer um, weil er in Tokio, ein Jobangebot erhielt. Als er eines Tages zum Einkaufen ging, vergaß er jedoch, die Tür abzuschließen. Der Teenager floh und rief seine Mutter an. Die Polizei fand den Täter kurz darauf mit einer blutenden Wunde am Hals. Offenbar hatte er versucht, sich mit einem Teppichmesser das Leben zu nehmen.

Der Fall Natascha Kampusch

Als Natascha Kampusch am 6. September 2006 in einem Fernseh-Interview ihre Geschichte erzählt, verfolgen mehr als 7 Millionen Zuschauer ihren Auftritt. Erst wenige Wochen zuvor, am 23. August 2006, war die 18-Jährige ihrem Peiniger entkommen. Der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil hatte die damals 10-Jährige am 2. März 1998 in Wien auf ihrem Schulweg in seinen Transporter gezerrt und in sein Haus im österreichischem Strasshof an der Nordbahn gebracht. Dort hielt er sie acht Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen. Kampusch gelang die Flucht, als sie das Auto ihres Peinigers putzen sollte. Als das Handy von Priklopil klingelte, entfernte er sich einige Schritte vom Wagen und ließ sein Opfer für einen Moment aus den Augen. Kampusch flüchtete in einen Schrebergarten, wo eine Frau die Polizei rief. Priklopil wurde acht Stunden später von einer S-Bahn überrollt. Bis heute wird darüber spekuliert, ob er Komplizen hatte und möglicherweise bereits tot auf die Gleise gelegt wurde. 


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker