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Höxter: Was geschah im Horrorhaus von Wilfried W. und Angelika B. und warum?

Wilfried W. und Angelika B. misshandelten jahrelang Frauen auf einem schäbigen Hof in Höxter. Was trieb das Paar an? Gibt es mehr Tote als die bisher bekannten zwei Opfer? Was über den Fall bekannt ist und was nicht.

Höxter Haus von Wilfried W.

Das heruntergekommene Gehöft in Bosseborn, einem Stadtteil von Höxter

Zwei Frauen sind tot, möglicherweise gibt es noch weitere Opfer. Die Taten des Paares aus Höxter waren von solch einer Brutalität, dass es selbst den Ermittlern die Sprache verschlägt. Wilfried W. und seine Ex-Ehefrau Angelika B. müssen sich bald für ihre mutmaßlichen Verbrechen verantworten - und die nächsten Tage und Wochen wird die Polizei damit verbringen, den Tatort, ein heruntergekommenes Gehöft in Bosseborn, einem Stadtteil von Höxter, "Zentimeter für Zentimeter zu prüfen", wie der Leiter der Mordkommission, Ralf Östermann, sagte. Es gibt immer noch deutlich mehr Fragen als Antworten.

Was über den Fall in Höxter bislang bekannt ist und was nicht:

Die Täter

Wilfried W., 46 Jahre alt, gelernter KfZ-Mechaniker, Hartz-IV-Empfänger. Er wurde bereits 1995 wegen Körperverletzung und Freiheitsberaubung zu 33 Monaten Haft verurteilt. Das Opfer: seine damalige Lebensgefährtin. Laut der "Bild"-Zeitung soll er sie mit Säure verätzt und "abstoßenden Sexualpraktiken" gequält haben. Vier Jahre später, 1999, heiratete er Angelika B. Das Paar ließ sich zwar 2013 scheiden, aber beide blieben offenbar Komplizen. Ihren Nachbarn und Opfern gegenüber gab sie sich als seine Schwester aus. Der 46-jährige W. hatte jahrelang über Zeitungsinserate, auch in tschechischen Blättern, Kontakt zu Frauen "für eine feste Beziehung" gesucht. Wie viele Frauen W. auf diese Weise kennengelernt hat, ist noch unklar. Angelika B., 47, hat bereits ein Geständnis abgelegt. Darin sagte sie laut Polizei aus, W. hörig gewesen zu sein. Zudem gab sie zu, die Opfer hauptsächlich misshandelt zu haben. Allerdings will sie dabei nur ausgeführt haben, was ihr ehemaliger Mann ihr befohlen habe. Zu den Nachbarn hatte das Paar wenig Kontakt, die beiden hätten ihr Haus nur selten verlassen.

Die Opfer

Bislang sind vier Opfer bekannt. Die 24-jährige Verkäuferin, die W. 1994 misshandelt hatte, die beiden verstorbenen Frauen Susanne F. und Annika W., sowie eine Frau aus dem Raum Berlin, die sich bei der Polizei gemeldet hat, nachdem sie das Haus in Höxter auf Fotos wiedererkannt hatte. Die Frauen wurden nicht vermisst, weil sie allein lebten oder nur wenige soziale Kontakte hatten.

  • Susanne F.

Das erste bekannte Opfer des Paares. Die 41-Jährige hatte Wilfried W. Anfang dieses Jahres über eine seiner Kontaktanzeigen kennengelernt und war im März nach Höxter gezogen. Die Frau stammte aus dem niedersächsischen Bad Gandersheim, war arbeitslos und zweimal geschieden. F. wurde wochenlang festgehalten und schwer misshandelt. Die Obduktion ergab, dass sie an Verletzungen, die sie von Schlägen auf den Kopf erlitten hatte, gestorben war. Nachbarn, die das Trio im Supermarkt gesehen hatten, sagten aus, dass Susanne F. eine Glatze habe. Laut Polizei wurden ihr die Haare büschelweise ausgerissen, weshalb sie ihren Kopf kahl geschoren hatte. Nachdem F. mit dem Kopf gegen einen Schrank gestoßen wurde, war sie so schwer verletzt, dass W. und B. versuchten, sie zurück in ihre Heimatstadt zu bringen. Auf der Fahrt allerdings hatten die beiden einen Motorschaden und riefen ein Taxi. Wegen des schlechten Gesundheitszustandes der Frau waren "die Beschuldigten gezwungen, einen Rettungswagen zu rufen", heißt es bei der Polizei. Susanne F. starb wenige Stunden später im Krankenhaus.

  • Annika W.

Über die 33-Jährige, die ebenfalls aus Niedersachsen stammte, gibt die Polizei nur wenige Informationen heraus. Aus ermittlungstaktischen Gründen, wie es heißt. Unbekannt ist etwa, wo W. gelebt hat. Auch sie hatte Wilfried W. über ein Inserat kennengelernt und nach seiner Scheidung im Herbst 2013 geheiratet. Ein knappes Jahr später, im August 2014, starb sie an "schwersten körperlichen Misshandlungen". Die Beschuldigten verstauten die Leiche nach Angaben der Ermittler zunächst in einer Tiefkühltruhe und zerstückelten den Körper anschließend. Im Kamin sollen die Beschuldigten die Leichenteile nach und nach verbrannt und die Asche am Straßenrand verstreut haben. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, hatten W. und B. über das F.'s Handy Nachrichten an die Mutter geschrieben. Erst durch den Anruf der Mordkommission erfuhr sie vom Tod ihrer Tochter.

Höxter Polizeihund durchsucht Haus

Zentimeter für Zentimeter durchsuchen die Ermittler das Horrorhaus von Höxter

Die Taten

"Das waren Abgründe, die sich da auftaten." So beschreibt Ralf Östermann, Leiter der Mordkommission, die Taten des Paares. Dabei sei es W. und B. weniger um Sexualität gegangen, sondern vielmehr darum, Macht auszuüben. Die Anlässe für die Gewaltausbrüche seien oft nichtig gewesen, "etwa wenn das Messer nicht rechts lag, sondern links", so Östermann. Die Opfer wurden dann an Heizungen gefesselt, manchmal tagelang, mussten auf kaltem Fußboden schlafen, wurden brutal zusammengeschlagen, getreten und eingesperrt. Die Ermittler vermuten bei W. sadistische Neigungen, ein Gutachter prüft, ob die Beschuldigten psychische Störungen haben. Wilfried W. selbst streitet die ihm zur Last gelegten Taten ab und beschuldigt Angelika B.. Möglicherweise waren die Misshandlungen ursprünglich auch als Sadomaso-"Spiele" in einer Dreiecksbeziehung geplant gewesen, die dann außer Kontrolle gerieten. "Zumindest anfänglich könnten die Frauen dem zugestimmt haben. Später jedoch könne von Freiwilligkeit keine Rede mehr gewesen sein", sagte Oberstaatsanwalt Ralf Meyer.


Offene Fragen

  • Gibt es noch mehr Todesopfer? Konkrete Hinweise darauf haben die Ermittler nicht, sie schließen es aber auch nicht aus. Das Geständnis der beschuldigten Frau gebe darauf keinen Hinweis.
  • Wie viele Frauen haben sich insgesamt auf Kontaktanzeigen des 47-Jährigen gemeldet?
  • Haben die Beschuldigten bereits vor ihrem Umzug nach Höxter Frauen misshandelt? Die Ermittler prüfen deshalb jetzt auch ältere Vermisstenfälle auf einen Zusammenhang.
  • Warum hat sich das Paar entschlossen, während ihrer Autopanne den Notarzt zu rufen, und damit riskiert, aufzufliegen?
nik