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Interview

Anwalt von Angelika W.: "Die Liste der Abartigkeiten ist ekelhaft"

Zwei Frauen soll Angelika W. mit ihrem Ex-Mann in Höxter zu Tode gefoltert haben. Seit ihrer Verhaftung spricht sie ausführlich mit den Ermittlern. Ihr Anwalt Peter Wüller kann sie nicht stoppen - und will es auch nicht mehr. Der stern traf ihn zum Gespräch.

Von Barbara Opitz

Peter Wüller, Anwalt der der tödlichen Folter zweier Frauen in Höxter beschuldigten Angelika W.

Angesichts der Qualen, die Angelika W. unter ihrem Ex-Mann in Höxter erleiden musste, empfinde seine Mandantin das Leben im Gefängnis "wie Urlaub", sagt Anwalt Peter Müller

Mindestens zwei Frauen sollen Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika im nordrhein-westfälischen Höxter auf brutalste Weise gefoltert haben. Beide Frauen sind tot. Seit Bekanntwerden der Taten sitzen der 46-jährige W. und seine ein Jahr ältere Komplizin in Untersuchungshaft, Ermittler versuchen das Unvorstellbare aufzuklären und herauszufinden, wie viele weitere Opfer es gab. 

Die beiden Beschuldigten haben sich in dieser Woche über ihre Anwälte an die Öffentlichkeit gewendet. So warf Wilfried W. seiner Ex-Frau am Mittwoch vor, bei den Misshandlungen "die treibende Kraft" gewesen zu sein und mit einer Brutalität agiert zu haben, die ihn "manchmal erschreckt hat". Schon tags darauf widersprach Angelika W. dieser Darstellung vehement. Derartige Äußerungen seien für seine Mandantin unerträglich, teilte Anwalt Peter Wüller mit und führte anschließend aus, welche Qualen Angelika W. in der 17 Jahre dauernden Beziehung des Paares erlebt haben soll.

Der stern sprach bereits in der vergangenen Woche mit Wüller über den Fall Höxter und seine inhaftierte Mandantin. Das gesamte Interview erschien zuerst in Heft 21/2016.

Herr Wüller, wie geht es Ihrer Mandantin im Moment? Realisiert sie, was sie getan hat?

Das ist ihr völlig klar. Und sie weiß, dass es um etliche Jahre Gefängnis geht. Aber das scheint ihr nicht wichtig zu sein. Sie bekommt regelmäßig zu essen, wird nicht misshandelt. Sie sagt, das Gefängnis sei wie Urlaub.

Urlaub?

Wortwörtlich. Man muss sich das vorstellen: 17 Jahre lang war ihr Lebensmittelpunkt Wilfried W. Pausenlos. Ich habe einmal salopp zu ihr gesagt: "Sie hatten ja 24 Stunden Dienst." Und sie sagte: "Sie haben recht, hatte ich." Sie hat ihn bedient, ihm die Frauen besorgt, ihn herumgefahren. Sie war ausschließlich für ihn da.

Es heißt, dass sie bei den Vernehmungen alles bis ins Detail erzählt, dabei aber völlig emotionslos bleibt.

Ja, da fehlt die Empathie. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie nach all den Jahren voller Gewalt, ob als Opfer oder als Täterin, nichts anderes mehr kannte. Dass sie Gewalt adaptiert hat. Vielleicht konnte sie früher einmal mitfühlen, das weiß ich nicht. Jetzt ist da jedenfalls nichts mehr. Sie redet über die Taten sehr pragmatisch.

Warum lassen Sie Ihre Mandantin eigentlich so viel reden? Ist das eine gute Verteidigungsstrategie?

Ich bin erst ins Boot geholt worden, da hatte sie längst ausgepackt. Anfangs war sie wohl zurückhaltend, hat Wilfried W. in Schutz genommen. Hat zum Beispiel behauptet, ihre Verbrennungen seien entstanden, als sie sich aus Versehen kochendes Wasser über den Arm gekippt habe. Dann, so habe ich gehört, soll Wilfried W. im Rahmen der Vernehmungen gesagt haben, er habe zu den Opfern keine sexuelle Beziehung gehabt, Angelika sei hingegen lesbisch gewesen, sie habe das alles so gewollt. Diese Aussage von Wilfried W. ist meiner Mandantin dann während ihrer Vernehmung vorgehalten worden. Sie war entsetzt. Das war offenbar der Wendepunkt, von da an sprudelte es aus ihr heraus.

Wilfried W. behauptet, er habe mit den Verbrechen nichts zu tun.

Das glaubt ihm aber keiner.

Warum nicht?

Wilfried W. wurde 1995 verurteilt, weil er mit seiner damaligen Geliebten seine erste Ehefrau gequält hatte. Das Urteil ist rechtskräftig. Ich habe mir Teile der Berichte über das Verfahren kommen lassen. Die Taten von damals sind in Höxter eins zu eins wieder umgesetzt worden. Und damals kannte Wilfried W. meine Mandantin noch nicht.

Aber was immer damals geschehen ist: In den vergangenen Jahren war es Angelika W., die gefoltert hat.

Sie gibt zu, dass sie die Frauen misshandelt hat. Sie sagt: "Ich habe mehr gemacht als er." Es scheint aber unausgesprochene Abmachungen gegeben zu haben. Für sie war klar, dass sie das machen musste, weil Wilfried es so wollte. Sie hat eine Art Zwitterstellung eingenommen, einerseits ist sie Täterin, andererseits Opfer. Sie hat sich einmal folgendermaßen geäußert: "Immer wenn eine neue Frau im Haus war, hat er mir nichts mehr getan." 

Das macht sich vor Gericht ja auch besser. Kann Angelika W. beweisen, dass sie ebenfalls Opfer war?

Sie ist körperlich untersucht worden. Dabei hat man sehr, sehr viele alte Verletzungen festgestellt. Narben, Hämatome, Verbrennungen, die linke Schulter und der komplette linke Arm sind rohes Fleisch. Der Körper ist eine Katastrophe, geschunden. Sie ist nie zum Arzt gegangen. Vielleicht ist sie irgendwann schmerzresistent geworden, ich kann es nicht sagen.

Hat sie erzählt, was konkret vorgefallen sein soll?

Sie spricht von Schlägen, Tritten, Kälte, Hunger, Fesselungen. Davon, dass sie manchmal über Nacht angekettet blieb, dass regelmäßig ihre Hand auf die heiße Herdplatte gelegt wurde.

Es heißt, sie bekam Spitznamen.

Wilfried W. hat sie zum Beispiel "Decken-Alte" genannt, immer dann, wenn ein bestimmtes Quälritual anstand. Sie wurde dann in Decken gewickelt, Wilfried W. setzte sich auf ihren Kopf und wartete, bis sie fast erstickte. Deshalb, das sagt sie, habe sie sich auch nicht gewehrt, als Wilfried W. ihr kochendes Wasser über die Schulter laufen ließ. Aus Angst, dass er sonst auf das Erstick-Spiel zurückgreifen würde. Darüber hinaus gab es noch sehr viel mehr. Aber dazu darf und möchte ich mich nicht äußern. Nur so viel: Es war absolut entwürdigend, verletzend, demütigend. Unvorstellbar. Die Liste der Abartigkeiten ist ekelhaft.

Ist das exemplarisch dafür, wie auch die anderen Frauen gequält wurden? Vor allem von Ihrer Mandantin?

Ja. Es gab sehr viele Formen von körperlichen Misshandlungen, was die Frauen angeht. Es soll einen regelrechten Sanktionskatalog für Fehlverhalten gegeben haben.

Was war denn ein "Fehlverhalten"?

Nichtigkeiten. Meine Mandantin sagt, dass es zum Beispiel den Unmut von Wilfried W. hervorgerufen habe, wenn die Frau nicht sofort auf seine Fragen antwortete oder wenn sie ihn bei der Antwort nicht ansah.

Was machen Sie als Verteidiger nun mit all den Einlassungen?

Als Verteidiger müsste ich eigentlich sagen: "Stopp!" Aber sie ist nicht zu stoppen. Sie erzählt den Ermittlern einfach alles. Ich habe nachgelesen, wie das anfangs war. Da sagten die Ermittler: "Wir haben Erkenntnisse, dass es noch eine Frau gegeben hat, die in Ihrem Haus gelebt haben soll." Angelika W. antwortete sinngemäß: "Ja, die Anika, die ist auch tot." Bummm! Das war nur ein Satz. Mittlerweile will ich sie nicht mehr stoppen. Sie will aufdecken, das Reden scheint sie zu erleichtern. Ich würde also gegen ihr Interesse handeln, wenn ich sie daran hindern wollte. Und ihre aktive Aufklärungshilfe wird sicher von der zuständigen Strafkammer positiv berücksichtigt werden.

Zu den beiden verstorbenen Frauen: Ihre Mandantin sagt, das erste Todesopfer, Anika W., sei an Sturzverletzungen gestorben. Das glaubt doch niemand.

Jedenfalls ist es keine Verteidigertaktik, irgendetwas von Stürzen zu erfinden. Meine Mandantin sagt, dass Anika W. draußen zu Fall kam und dass sie allein wieder ins Haus gegangen sei. Dann soll sie sich in ihre Badewanne gelegt haben - Anika W. schlief ja in der Badewanne, wie Susanne F. später auch. Am nächsten Morgen habe Anika W. über Kopfschmerzen geklagt, meine Mandantin soll zu Wilfried W. gesagt haben, dass er ihr Tropfen geben soll. Als meine Mandantin später zu ihr gegangen sei, habe Anika W. schon mit verdrehten Augen und mit Schaum vor dem Mund in der Badewanne gelegen. Meine Mandantin sagt, ihr sei sofort klar gewesen, dass sie tot ist. Das ist die Aussage.

Die Schilderungen Ihrer Mandantin zur Beseitigung des Leichnams sind martialisch. Sie hat die Tote eingefroren, später zerteilt und im Ofen verbrannt. Das klingt gut geplant. Man ist strategisch vorgegangen.

Das ist der Rückschluss, man wollte keinerlei Spuren hinterlassen.

Könnte es sein, dass Ihre Mandantin trotz ihres Redeflusses lügt?

Ich habe nicht den Eindruck, dass sie taktiert. Es gab Sachverständige, die gesagt haben, eine Leiche könne man in einem Ofen nicht rückstandslos verbrennen. Ich habe sie damit konfrontiert. Sie sagte nur, "das habe ich aber doch getan, das ging ohne Probleme". Ich glaube nicht, dass sich jemand so etwas einfallen lässt. Das ist originäres Täterwissen, das sie da offenbart. Sie lügt nicht, nein.

Was ist mit Susanne F., dem zweiten Opfer? Soll das auch ein Unfall gewesen sein?

Mit ihr habe es Streit gegeben, in der Küche, sagt meine Mandantin. Sie habe sie geschubst, in Richtung Wilfried W., so die Aussage. Sie dachte, Wilfried W. schubst zurück, das habe er aber nicht getan, und Susanne F. sei dann mit dem Gesicht gegen einen Schrank gefallen.

Aber sie hat noch gelebt. Man hätte noch etwas für sie tun können.

Der Aussage nach hat sie sehr schnell körperlich abgebaut. Beiden Tätern war wohl klar, dass sie sterben könnte. Meine Mandantin sagt aus, dass für sie feststand: "Das, was ich mit der Anika gemacht habe, mache ich kein zweites Mal." Deshalb, nehme ich an, wollten sie Susanne F. zurück in ihre Wohnung in Bad Gandersheim bringen. Dann hatten sie die Autopanne, durch die dann letztlich alles ans Licht kam.

Hatte Angelika W. zu den Frauen irgendeine Art von emotionalem Bezug?

Ich glaube, die Beziehung zu ihnen war nicht wichtig. Ausschlaggebend war, Wilfried W. zufriedenzustellen.

Warum hat Angelika W. das alles mitgemacht, warum hat sie diesen Mann nicht einfach verlassen?

Das ist auch für mich und die Ermittler die entscheidende Frage. Ich kann sie Ihnen nicht beantworten. Offenbar lebte sie nur für und durch ihn. Trotzdem soll sie am Ende darüber nachgedacht haben zu gehen, auch zur Polizei, das sagt sie klar. Sie hat auch Versuche in die Wege geleitet, aber dazu kann ich keine Details nennen, weil das noch polizeilich geprüft wird.

Wie steht sie heute zu Wilfried W.?

Sie macht ihn jedenfalls nicht schlecht. Nach wie vor nicht. Was die Motive betrifft, kann ich nur spekulieren: Sie sagte einmal, bei ihm sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Ich glaube, sie liebt ihn immer noch.

Ist das nicht eher eine überaus krankhafte Abhängigkeit?

Natürlich. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Irgendwo da jedenfalls liegt der Schlüssel. Es geht auch um die anderen Frauen. Um die Frage, warum manche zu ihren Peinigern zurückgekommen sind. Susanne F. zum Beispiel, das zweite Opfer. Sie war zwischendurch für fünf oder sechs Tage nicht im Haus, sondern in ihrer Wohnung in Bad Gandersheim, eine Stunde von Höxter entfernt. Sie kam dann aber wieder zurück.

War sie da schon misshandelt worden?

Ja, natürlich. Insgesamt acht Frauen sollen in diesem Haus in Höxter gequält worden sein. Es mag sein, dass sie psychisch nicht in der Lage gewesen sind, sich dem Martyrium zu entziehen. Physisch hätten sie es tun können.

Wie hält Angelika W. es jetzt ohne Wilfried W. aus?

Das kann ich nicht sagen, im Moment scheint sie sich alles von der Seele zu schreiben. Sie sitzt in der JVA und schreibt und schreibt. Seitenweise, handschriftlich. Schreibt alles auf, was ihr durch den Kopf geht. Sie produziert richtig Papier.

Wann wird der Prozess beginnen?

Das dauert, die Vernehmungen sind längst nicht abgeschlossen. Ich glaube nicht, dass das Verfahren innerhalb der geforderten Sechsmonatsfrist eröffnet werden kann.