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Holzklotz-Anschlag: "Ist die Mama jetzt tot?"

Am Ostersonntag wurde das Leben einer Familie zerstört: Auf der Autobahn A 29 traf ein Holzklotz das Auto von Alexander K. und tötete seine Frau Olga. Dem stern schildert der Witwer, was genau an diesem Abend im Auto passierte und wie er und seine zwei kleinen Kinder versuchen, mit dem großen Verlust fertig zu werden.

Von Andrea Schaper

Der Friedhof von Telgte. Vor dem Grab mit den Gipsengeln, den vielen Blumen, den weißen Schleifen mit der goldenen Schrift und dem schlichten Holzkreuz mit Olgas Namen hockt Jannik. Der Neunjährige nimmt die Hand seines Vaters Alexander, drückt sie und sagt: "Sie fehlt mir. Sie fehlt mir einfach." Und der Vater nickt.

Am Ostersonntag 2008 um 19.57 Uhr, beendete ein Holzklotz das Leben von Olga K. Auf der Autobahn A 29 zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg wurde sie von einem sechs Kilo schweren Pappelstamm erschlagen. Der Klotz traf ihren Hals, die linke Schulter, den Brustkorb. Olga K., 33 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, Jannik und die siebenjährige Lara, war sofort tot.

Eine Wucht von zwei Tonnen

Unbekannte hatten den Stamm von einer Brücke auf den silberfarbenen BMW geworfen. Die Familie war nach einem Besuch in Wilhelmshaven auf dem Heimweg. Alexander saß am Steuer, der Wagen fuhr mit etwa 120 km/h, als die sechs Kilo Pappelholz durch die Windschutzscheibe schmetterten. Sechs Kilo Holz. Eine Wucht von zwei Tonnen.

Da war "ein Knall, den ich einfach nicht mehr aus meinem Kopf bekomme", sagt Alexander jetzt zum stern. Ein schwarzer Schatten, Splitter, die Windschutzscheibe platzte auf der Beifahrerseite, etwas schlug mit ungeheurer Kraft ein. Alexander bremste den Wagen ab, fragte nach hinten: "Alles okay?" "Alles okay", antworteten die Kinder. Von seiner Frau bekam er keine Antwort. Alexander hielt an. Machte die Tür auf. Da ging die Innenbeleuchtung an. Und er konnte erkennen, was passiert war.

"Ist die Mama jetzt tot?"

Auf Olgas Schoß ein Holzklotz, überall Splitter. Blut. Olgas Kopf hing links nach unten. Ihr Mann versuchte, sie mit Mund-zu-Mund-Beatmung ins Leben zurückzuholen. Dann eine Herzmassage. "Doch da war alles so weich, ganz eingedrückt." Ihm wurde klar: "Klotz. Loch. Brücke. Vorbei." Er rief die Polizei. Jannik, der hinter seinem Vater gesessen hatte, weinte seiner Mutter ins Ohr: "Mama." "Mama." Und Lara fragte: "Ist die Mama jetzt tot?" "Bitte seid leise", flehte Alexander. "Ich muss der Mama doch helfen. Ich muss doch hören, ob ihr Herz noch klopft."

Zum ersten Mal erzählt Alexander K. jetzt im stern über die Nacht, in der seine Frau Olga getötet wurde. Und er erzählt über seine Frau, die Liebe seines Lebens. "Ola hat mir so viel beigebracht. Sie war viel offener und selbstständiger als ich. Ich brauchte immer ihren Rat, und sie hatte auf alles eine Antwort. Sie hat mir gezeigt, dass man durchhalten, ein Ziel vor Augen haben muss. Ich muss das schaffen. Ich will das für sie schaffen." Und: "Ich muss doch zeigen, dass ich lebendig bin."

Olga kam 1995 nach Deutschland

Als die 20-jährige Olga im Mai 1995 mit ihren Eltern und der fünf Jahre jüngeren Schwester Helena von Kasachstan nach Deutschland kam, war sie neugierig auf dieses Land, in dem die Straßen mit Shampoo gewaschen werden, in dem alle ein Haus mit Garten haben und in dem die Geschäfte "Kaufparadies" heißen. So hatte man es sich in Wannowka erzählt, der kleinen Stadt in ihrer Heimat, 2500 Kilometer von Moskau entfernt.

Knapp ein halbes Jahr später lernte sie Alexander kennen, auch er Spätaussiedler aus Kasachstan, Lkw-Fahrer, bereits seit fünf Jahren mit seinen Eltern im Land. Nur fünf Tage später stellte sie ihn auf einem Geburtstag ihrer Familie vor. "Das ist er", sagte sie und ließ an ihrer Entscheidung keinen Zweifel. Alexander heute: "Was ich nicht konnte, das konnte Ola", wie er sie liebevoll nannte. "Ihr Mut, ihre Lebensfreude, ihre Zuversicht haben mir immer Kraft gegeben. Sie war mein Motor. Mein Antrieb." Und: "Ich kann sie manchmal noch fast spüren. Doch jetzt werde ich sie nie mehr im Arm haben."

Bis heute, gut vier Wochen nach der Tat, weiß die Polizei nicht, wer hinter dem Anschlag steckt. "Wir haben keine heiße Spur", gibt Staatsanwalt Stefan Schmidt unumwunden zu. Noch immer werten die 27 Beamten der Sonderkommission "Brücke" die über 600 Hinweise aus der Bevölkerung aus. Ob es sich bei der mit einem Phantomfoto gesuchten Gruppe von Jugendlichen, die ein Zeuge gegen 20 Uhr auf der Brücke gesehen haben will, um die Täter handelt - oder vielleicht doch um Zeugen -, ist ebenfalls ungeklärt.