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Anni Dewanis Tod in Südafrika: Jung, schön, reich - bis zu dieser Flitterwochen-Nacht in Kapstadt, in der alles eskalierte

Sie ist jung und schön. Er ist reich und Hindu. Sie fliegen in die Flitterwochen. Dann kommt diese Nacht in Kapstadt.

Von Felix Hutt

Honeymoon-Horror: Mord in Kapstadt

Geschichten wie diese finden Sie in stern Crime - dem größten True Crime Magazin Deutschlands. Wahre Verbrechen, wahre Geschichten, nur im Original.

Dieser Text stammt aus Crime 15.

Ihren letzten Abend begann Anni Dewani so, wie ein guter Abend für sie zu beginnen hatte. Sie zog ein kurzes schwarzes Trägerkleid an, das zusammen mit den High Heels ihre schlanken Beine betonen würde. Sie schminkte sich, legte Halskette, Armbanduhr und einen Armreif aus Weißgold mit Diamanten an, warf sich ein Jäckchen über. Um 18.17 Uhr, das zeigten die Aufnahmen der Überwachungskameras, verließ sie an diesem Samstagabend, dem 13. November 2010, das Zimmer im Hotel "Cape Grace" in Kapstadt. Sie war 28 Jahre alt und so schön wie die Schauspielerinnen auf den Bollywood-Filmplakaten.

Im Flur wartete ihr Ehemann Shrien Dewani. Sie hatten zwei Wochen zuvor geheiratet, verbrachten ihre Flitterwochen in Südafrika und nahmen jetzt einen Aperitif in der Hotelbar. Sie trank Champagner. Um 20.03 Uhr stiegen sie auf den Rücksitz eines silbergrauen VW-Sharan, der vor dem Hotel wartete.

Warum hat Anni Dewani diese Nacht in Kapstadt nicht überlebt?

Über das, was in den folgenden Stunden passierte, wurden Artikel und Bücher geschrieben, Filme gedreht, Prozesse geführt. Fakten, Gerüchte und Emotionen wurden zu Verschwörungstheorien verrührt, es litten die diplomatischen Beziehungen zwischen Großbritannien und Südafrika. Die wichtigste Frage jedoch ist bis heute unbeantwortet. Warum hat Anni Dewani diese Nacht in Kapstadt nicht überlebt?

Anni Dewani kam am 12. März 1982 als Anni Ninna Hindocha in Mariestad auf die Welt. Die Kleinstadt liegt in Südschweden, am Vänern, dem drittgrößten See Europas. Die Türen der Holzhäuser sind offen, die Gärten gepflegt, bei schönem Wetter gleiten Segelboote über den See. Die Eltern, Vater Vinod und Mutter Nilam Hindocha, haben zwei weitere Kinder, Annis ältere Schwester Ami und den jüngeren Bruder Anish. Der Vater arbeitete in Mariestad als Elektriker. Zwei seiner Brüder wohnen mit ihren Familien ebenfalls hier. Die Hindochas wurden als Teil der indischen Minderheit in Uganda Anfang der 70er Jahre von Diktator Idi Amin vertrieben. Sie fanden in Mariestad eine neue Heimat.

Anni, so beschreibt sie ihre Familie, liebte es, ihre Barbiepuppen und sich selbst anzuziehen. Sie sang, tanzte, stand gern im Mittelpunkt. Ein geselliges Mädchen, das sich im Bikini sonnte und mit ihren Freundinnen im See badete. Eine junge Frau, die auf Partys ging und einen großen Freundeskreis pflegte. Ihre beste Freundin war ihre Cousine Sneha, mit der sie alles teilte. Ihren Eltern entging nicht, dass ihre Tochter das Interesse der Männer auf sich zog. "Wir haben Anni ihre Freiheit gelassen, aber uns immer gewünscht, dass der Mann, den sie heiratet, indischer Herkunft ist und Hindu. So wie wir", sagt Vinod Hindocha.

Die Hochzeit in Mumbai dauert drei Tage, ein rauschendes Fest. Sie tanzt für ihn. Er legt ihr die Ehekette um

Die Hochzeit in Mumbai dauert drei Tage, ein rauschendes Fest. Sie tanzt für ihn. Er legt ihr die Ehekette um

Er sitzt mit seiner Frau Nilam am Küchentisch ihres Hauses in Mariestad. Es gelingt ihnen nicht, Annis Geschichte zu erzählen, ohne dabei zu weinen. In ihrem Zimmer haben sie nichts verändert. Auf dem Bett liegen Kissen und Decken, als käme die Tochter später zum Schlafen nach Hause. Auf der Kommode lacht Anni von vielen Fotos ins Zimmer. Vor den Bildern brennt eine Kerze, deren Flamme die Hindochas nie verlöschen lassen.

Anni Hindocha fand nach ihrem Ingenieurstudium einen gut bezahlten Job im Marketing von Ericsson in Stockholm. Ihre Cousine Sneha zog nach London. Anni besuchte sie fast jedes Wochenende. Ihr gefiel London besser als Schweden. Am 30. Mai 2009 stellte ihr dort eine Tante auf einer Party einen jungen indischstämmigen Mann vor: Shrien Dewani. Tanten sind in indischen Familien für das Verkuppeln Unverheirateter zuständig. "Er sah gut aus und brachte sie zum Lachen, das gefiel ihr an ihm", sagt ihre Schwester Ami.

Die Dewanis sind in Großbritannien mit Pflegeheimen sehr reich geworden

Sie gingen auf ein erstes Date zu "Starbucks". Auf ein zweites in das Londoner Restaurant "Asia de Cuba". Auf ein drittes in eine Vorstellung von "König der Löwen" im Londoner West End. Anni Hindocha und Shrien Dewani begannen eine Wochenendbeziehung. Am 27. November 2009, dem 58. Geburtstag ihrer Mutter, brachte sie ihren Freund zum ersten Mal mit nach Mariestad.

Zur Begrüßung verbeugte sich Shrien Dewani vor Nilam Hindocha und berührte ihre Füße. Eine Geste großen Respekts. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie aus Bristol, wurde bald 30 Jahre alt und war unverheiratet. Anni Hindochas Vater gefielen die Parallelen zwischen den Familien. Auch Shriens Mutter war als Teil der indischen Minderheit in Uganda aufgewachsen, sein Vater Prakash in Kenia. Von Afrika waren die Dewanis nach Europa gezogen. Auch sie kamen aus der Lohana-Kaste, die gute Geschäftsleute hervorgebracht hat. Die Dewanis sind in Großbritannien mit Pflegeheimen sehr reich geworden. Der Sohn hatte die elitäre Bristol Grammar School besucht, Wirtschaft an der Universität von Manchester studiert und arbeitete als Manager im Familienunternehmen. Er war Hindu und hatte Manieren und Geld. Einen geeigneteren Bräutigam hätte sich Vinod Hindocha für seine Tochter nicht wünschen können.

Annis Eltern Vinod und Nilam Hindocha leben im schwedischen Mariestad. Sie können ihre Tochter nicht loslassen

Annis Eltern Vinod und Nilam Hindocha leben im schwedischen Mariestad. Sie können ihre Tochter nicht loslassen

Diese kündigte ihren Job und zog zu ihrer Cousine nach London. Ihren Freund sah sie nicht oft. Er machte sich rar, das Business. Sie schliefen nicht miteinander. "Er hat gesagt, dass er sich den Sex für die Ehe aufheben möchte", erzählte sie ihrer Familie. "Er will nicht mit dir schlafen? Das ist sehr seltsam", sagte ihre Schwester. "Das ist doch ein sehr gutes Zeichen. Er respektiert dich und unsere Kultur", sagte der Vater.

Bei einem Besuch in Bristol verständigten sich die Väter des Paares auf die Hochzeit ihrer Kinder. Am 10. Juni 2010 überraschte Dewani seine Zukünftige. Sie flogen in einem Privatjet nach Paris. Nach dem Dinner im Hotel "Ritz" servierte der Kellner zum Dessert einen Diamantring, 25.000 Pfund teuer. Sie waren verlobt.

Anni Hindocha reiste nach Mumbai, wo Ende Oktober 2010 die Hochzeit gefeiert werden sollte, die über 150.000 Pfund kosten würde. Sie kümmerte sich um die Vorbereitungen. Den 350 Gästen aus aller Welt durfte es an nichts fehlen. Ihr Verlobter ließ ihr freie Hand und sich selten in Mumbai blicken.

Sie tanzte für ihren Ehemann

Am 28. Oktober 2010 begann die Zeremonie in einem Hotel am Lake Powai in Mumbai. Drei Tage lang wurde das Paar nach hinduistischem Brauch vermählt. Anni trug einen grün-goldenen Sari aus Seide. Sie tanzte für ihren Ehemann. Er legte ihr die Kette um den Hals, die den Bund der Ehe symbolisiert. Es war ein rauschendes Fest.

Eine Woche nach ihrer Rückkehr teilte Shrien seiner Frau mit, dass er eine Hochzeitsreise nach Südafrika gebucht hat. Sie waren noch nicht standesamtlich verheiratet, aber das ließe sich danach erledigen. Anni war überrascht, sie hätte gern beim Reiseziel mitgeredet. Aber sie freute sich auch, dass er endlich einmal die Initiative übernommen hatte.

Sie verbrachten drei Tage am Kruger-Nationalpark. Am Freitag, den 12. November 2010, flogen sie nach Kapstadt. Shrien hatte dort im "Cape Grace" reserviert, einem Fünfsternehotel an der Victoria & Alfred Waterfront, einem Vergnügungsviertel, wo viele Touristen übernachten, essen, einkaufen. Das Paar nahm nach der Landung aber nicht den Shuttleservice des Hotels in Anspruch. Shrien sprach stattdessen einen der Taxifahrer an, die in der Ankunftshalle auf Kundschaft warteten. Dieser fuhr sie in die Stadt.

Im Privatjet fliegt Shrien Dewani seine Zukünftige nach Paris. Im "Ritz" gibt es zum Dessert einen Diamantring

Im Privatjet fliegt Shrien Dewani seine Zukünftige nach Paris. Im "Ritz" gibt es zum Dessert einen Diamantring

Am "Cape Grace" angekommen ging Anni zum Check-in an die Rezeption. Shrien betrat nach ihr das Hotel und verließ es kurz darauf noch einmal, um mit dem Taxifahrer zu sprechen. Anschließend ging er zu seiner Frau ins Zimmer.

Nachdem sie ihre Koffer ausgepackt hatten, wollte sich Anni vor dem Abendessen duschen, die Fingernägel lackieren und die Haare glätten. Ihr Mann ging solange zum Einkaufszentrum in die Wechselstube, wo er 800 Pfund in Rand tauschte. Während seines Ausflugs rief ihn sein Schwiegervater an. Er wollte mit seiner Tochter sprechen. Shrien nannte ihn seit der Verlobung "Dad". Als Shrien eine knappe Stunde später zurück im Hotel war, rief er den Schwiegervater zurück und reichte das Telefon seiner Frau.

"Papa, ich muss dir so viel erzählen. Aber ich erzähle dir alles am Dienstag, wenn ich zurück in England bin", sagte Anni. Ihr Vater wunderte sich, dass seine Tochter Schwedisch sprach. Offenbar wollte sie nicht, dass Shrien sie verstand. Und sie klang besorgt. "Ist alles okay?", fragte er. "Ich werde es dir am Dienstag erzählen", sagte sie. "Anni, wir lieben dich", war der letzte Satz, den Vinod Hindocha seiner Tochter sagte.

Der Fahrer verließ die Autobahn und chauffierte sie durch das Township Gugulethu

Das Ehepaar spazierte am Abend in ein Restaurant. Auf ihre Kellnerin wirkten die beiden nicht wie ein "Honeymoon-Pärchen". Sie berührten sich nicht. Shrien sagte seiner Frau, dass er sein Handy im Hotel vergessen habe, und ließ sie ein paar Minuten im Restaurant allein. Als das Paar um 23.23 Uhr zurück ins Zimmer ging, drehte er sich kurz vor der Tür zu ihr um, lächelte und formte seine Hände zu Pistolen, die Zeigefinger auf sie gerichtet. Anni lachte nicht, als sie hinter ihm ins Zimmer trat. So hielten es die Sicherheitskameras fest.

Am nächsten Vormittag wollte sich Anni am Pool sonnen. Ihr Mann hatte einen Chauffeur um kurz vor 12 Uhr zum Hotel bestellt. Es war der Fahrer vom Flughafen. Dewani wollte noch einmal Geld wechseln und ließ sich zu einem Wechselbüro bringen, das einen günstigeren Kurs anbot. Für 1500 Dollar erhielt er 10.500 Rand. Mit dem Geld vom Vortag hatte er nun fast 20.000 Rand in bar. Falls sie Unternehmungen machen wollten, sagte er, ließen sich bessere Preise heraushandeln, wenn er bar bezahlte.

Für den Abend hatten sie um 21.30 Uhr einen Tisch reserviert, im "96 Winery Road", einem der Gourmetrestaurants in den Weinbaugebieten um Stellenbosch, etwa 45 Kilometer entfernt. Dewani hatte wieder denselben Fahrer bestellt. Er sollte sie um 19.30 Uhr abholen, verspätete sich aber um eine halbe Stunde. Danach fuhr er sie ein wenig durch das abendliche Kapstadt, bevor er die Autobahn N2 Richtung Somerset West nahm. Der Fahrer verließ kurz die Autobahn und chauffierte die beiden durch das Township Gugulethu. Während der Fahrt schrieb er Textnachrichten auf seinem Handy und telefonierte in einer afrikanischen Sprache.

Am Morgen des 14. November 2010 findet man Annis Leiche

Am Morgen des 14. November 2010 findet man Annis Leiche

Das Ehepaar änderte den Plan. Sie wollten nun doch lieber etwas Leichtes, Fisch, Sushi, wie am Vorabend. Shrien fragte den Fahrer, ob er ein gutes Restaurant kenne. Er fuhr sie zum "Surfside" in Strand. Man hat dort durch eine große Fensterfront einen schönen Blick aufs Wasser. Aber weder der Ort noch das Fischlokal sind besonders luxuriös. Anni wirkte in ihrem Abendkleid deplatziert. Sie blieben keine Stunde.

Der Fahrer holte sie wieder ab. Er fuhr auf der Autobahn N2 zurück Richtung Kapstadt. Aber bevor sie Kapstadt erreichten, nahm er noch einmal die Abfahrt Richtung Gugulethu, einem der gefährlichsten Townships Kapstadts. Tagsüber werden dort Touren angeboten, ähnlich wie in den Favelas von Rio de Janeiro. Aber nach Einbruch der Dunkelheit sollte man sich hier als Tourist nicht aufhalten. Doch seine Frau habe den Wunsch geäußert, "das echte Afrika zu sehen", sagte Dewani später.

Polizeiwagen schwärmten aus, Helikopter mit Suchscheinwerfern stiegen auf

An einer Kreuzung tauchten zwei Männer aus der Dunkelheit auf. Der eine stellte sich vor den VW, der andere vor das Fenster des Fahrers und zielte mit einer Pistole auf ihn. Er befahl ihm, die Türen zu entriegeln und auf den Beifahrersitz zu rutschen. Die Dewanis verstanden nicht, was er sagte, wohl aber, was er meinte. Der Mann mit der Pistole setzte sich ans Steuer, während der andere hinten bei ihnen einstieg.

Sie rasten los. Es ging durch die Dunkelheit, vorbei an den Baracken des Townships. Die Dewanis hatten längst die Orientierung verloren, als der Mann hinterm Steuer hielt und dem Taxifahrer zu verstehen gab, dass er aussteigen solle. Der betrat bald darauf, um 23 Uhr, die Dienststelle der Polizei in Gugulethu und berichtete, dass er überfallen worden sei. Zwei Täter hätten sein Auto gestohlen und seine Passagiere entführt.

Annis Leiche wird auf dem Rücksitz eines VW im Township Khayelitsha gefunden

Annis Leiche wird auf dem Rücksitz eines VW im Township Khayelitsha gefunden

Der zweite Mann setzte sich nun nach vorn auf den Beifahrersitz. Sie rasten weiter durch die Nacht. Anni schrie, die Gangster bedeuteten ihrem Mann, dass sie leise zu sein habe. Dann hielten sie erneut und befahlen ihm auszusteigen.

Dewani sagte später, er habe den Männern 4000 Rand gegeben. Sie hätten auch sein Telefon verlangt. Seine Frau habe ihm zugeflüstert, dass sie ihre Ringe zwischen den Sitzen versteckt habe. Er habe die Entführer gebeten, dass sie ihn und seine Frau gemeinsam gehen lassen sollten. Einer der beiden habe ihn mit der Pistole bedroht, sie direkt an seinen Kopf gehalten, den Finger am Abzug. Er habe die Tür öffnen wollen, aber die Kindersicherung sei aktiviert gewesen, weshalb er sich aus dem Fenster gezwängt habe. Die beiden seien mit Anni davongefahren.

Dewani fand einen Mann, der die Polizei verständigte, und gab auf der Dienststelle einen ähnlichen Bericht ab wie zuvor ihr Fahrer. Polizeiwagen schwärmten aus, Helikopter mit Suchscheinwerfern stiegen auf. Sirenen, Blaulicht, aber kein VW-Sharan. Dewani wurde ins Hotel gefahren.

"Sie haben Anni", sagte er

Gegen Mitternacht klingelte in Mariestad das Telefon. Annis Vater Vinod Hindocha brauchte ein paar Sekunden, bis er verstand, was der Anrufer sagte. Es war Prakash Dewani, der Vater von Shrien. "Anni und Shrien sind entführt worden. Sie haben Shrien freigelassen, aber Anni ist noch in der Hand der Kidnapper. Sie haben Anni", sagte er.

Hindocha erstarrte. Seine Frau war aufgewacht. Sie wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. "Wollen sie Geld? Haben sie einen Preis genannt? Wir zahlen, wir finden eine Lösung", sagte Hindocha nach einer kurzen Pause. "Wir versuchen alles, um mehr herauszufinden", sagte der alte Dewani. "Ich informiere dich, sobald ich mehr erfahre."

Ein paar Minuten später rief Shrien an. Er schluchzte. "Entschuldige, Dad, dass ich nicht auf deine Tochter aufpassen konnte", sagte er. "Warum sagst du das, Shrien? Sie ist doch noch nicht tot, oder? Wir zahlen, was sie wollen, und bekommen sie zurück", sagte Hindocha. Sein Schwiegersohn weinte, wiederholte: "Entschuldige, Dad, dass ich nicht auf deine Tochter aufpassen konnte." Hindocha sagte ihm, dass er und sein Vater so schnell wie möglich nach Kapstadt kämen.

Um 9.19 Uhr erhält ihr Mann im Hotel die Nachricht. Die Kameras nehmen die Szene auf

Um 9.19 Uhr erhält ihr Mann im Hotel die Nachricht. Die Kameras nehmen die Szene auf

Am nächsten Morgen wurde der VW-Sharan bei einem Park im Township Khayelitsha gefunden. An der rechten Hintertür ein Blutfleck. Anni lag auf dem Rücksitz. Man hatte ihren Schmuck, ihre Handtasche und ihr Mobiltelefon gestohlen. Zwei Ringe, darunter den teuren Verlobungsring, hatten die Täter zurückgelassen. Sie war mit einem Schuss in den Nacken getötet worden. Laut Obduktionsbericht fanden sich keine Anzeichen einer sexueller Misshandlung.

Vinod Hindocha erfuhr beim Zwischenstopp in Amsterdam vom Tod seiner Tochter und brach zusammen. Den Flug nach Kapstadt erlebte er wie im Nebel. Tränen, Taschentücher, Ungläubigkeit. Shriens Vater Prakash, der mit ihm von Amsterdam nach Kapstadt flog, saß neben ihm und schlief.

Ermittler in Kapstadt hatten drei Männer verhaftet, die sie für die Täter hielten

Sie kamen gegen Mitternacht im Hotel an. Vinod Hindocha und sein Schwiegersohn trafen sich an der Rezeption, umarmten sich weinend. Während Hindocha am nächsten Tag unbedingt seine tote Tochter sehen wollte, legte der Schwiegersohn darauf keinen Wert. Er arbeitete im Hotel am Laptop. Hindocha wunderte sich, dass es ihm gelang, so schnell wieder zu arbeiten, sich abzulenken. Ihm selbst gelang das nicht. Er schob es auf den Schock, den Shrien erlitten haben musste. Erst der Überfall, dann der Mord an seiner Frau. Ein Trauma. Ab und zu stand Shrien auf, nahm einen Anruf entgegen. Einmal traf er einen Mann, mit dem er für einige Minuten verschwand.

Am Dienstag, den 16. November 2010, flogen Vinod Hindocha und die Dewanis nach England, im Frachtraum des Flugzeugs der Sarg. Die Dewanis hatten entschieden, dass Anni nicht in ihrer Heimat, sondern in England beigesetzt werden sollte. Vinod Hindocha fügte sich. Er war nicht in der Lage, Forderungen zu stellen. Am Abend vor der Kremation lud Shrien zu einer Pizzaparty, weil seine verstorbene Frau angeblich so gern Pizza gegessen habe. Die Hindochas fanden das pietätlos. Und ihre Anni hatte Pizza nicht gemocht. Aber was sollten sie tun? Schließlich war es der Witwer, der die Entscheidungen zu treffen hatte. Immerhin ließen sie sich zusichern, einen Teil der Asche in einer Urne mit nach Schweden nehmen zu dürfen.

Fahrer: Tongo

Fahrer: Tongo

Während sich die Familien auf die Trauerfeier vorbereiteten, kamen Nachrichten aus Südafrika. Die Ermittler in Kapstadt hatten drei Männer verhaftet, die sie für die Täter hielten. Ein weiterer hatte sich als Kronzeuge angeboten.

Nach der Beerdigung bat Annis Cousine Sneha um ein Familientreffen der Hindochas. Ihr war Shrien nicht geheuer. Er war kühl und abweisend. Sie traute seiner Trauer nicht. Sie zeigte der Familie Textnachrichten, die Anni ihr in den letzten Monaten vor ihrem Tod geschrieben hatte. Sogar während der Hochzeit hatte sie ihr geschrieben. Es habe große Probleme gegeben zwischen Anni und Shrien, sagte Sneha. Sie habe bisher niemandem davon erzählt, weil sie die Familie nicht beunruhigen wollte.

Vinod Hindocha wurde kurz darauf von den südafrikanischen Ermittlern gebeten, nach Kapstadt zu kommen. Der leitende Staatsanwalt erklärte ihm dort, dass sie Shrien Dewani verdächtigten, den Mord an seiner Tochter beauftragt zu haben. Die Flitterwochen seien wohl eine Inszenierung gewesen. Unter anderem die Frequenz der Kommunikation zwischen Dewani und dem Fahrer sei sehr verdächtig. Der Fahrer habe angeboten, auszupacken, wenn ihm eine geringere Haftstrafe zugesagt würde. Nach südafrikanischem Recht müsse Hindocha dem Deal zustimmen. Er stimmte zu.

Er sei bereit, 15.000 Rand zu zahlen, dass jemand aus dem Weg geschafft wird

Für Hindocha brach nun die Geschichte, die ihm sein Schwiegersohn präsentiert hatte, in sich zusammen wie ein einstürzendes Bühnenbild. Die Ermittler erzählten ihm, was in den letzten Stunden im Leben seiner Tochter tatsächlich geschehen war.

Der Taxifahrer, der das Ehepaar in diesen Tagen so oft chauffiert hatte, hieß Zola Robert Tongo. Er war 31 Jahre alt, hatte fünf Kinder, brachte seine Familie mit mehreren Jobs über die Runden. Unter anderem fuhr er Touristen in seinem silbergrauen VW-Sharan vom Flughafen in die Stadt. So auch die Dewanis. Nachdem er sie zum "Cape Grace"-Hotel gefahren hatte, sprach Dewani im Auto auf dem Parkplatz knapp neun Minuten mit Tongo, während seine Frau eincheckte.

Strippenzieher: Mbolombo

Strippenzieher: Mbolombo

Dewani sagte später aus, es sei um Unternehmungen in Kapstadt gegangen. Er habe seine Frau mit einem Helikopterflug überraschen wollen, den der Fahrer organisieren sollte. Tongo hingegen sagte, der Tourist habe ihm offenbart, dass er jemanden aus dem Weg geschafft haben wolle. Er sei bereit, dafür 15.000 Rand zu zahlen, damals knapp 1600 Euro.

Tongo rief um 17.42 Uhr im Hotel "Colosseum" an, wo sein Bekannter Monde Mbolombo am Empfang arbeitete. Wenig später kam Tongo durch die Eingangstür. Die beiden gingen nach draußen. Tongo sagte, er habe Mbolombo über Dewanis Angebot informiert. Mbolombo habe geantwortet, dass er einen Typ in einem Township kenne, der solche Jobs erledige. Mbolombo bestätigte später Tongos Aussagen.

Sie gingen zurück ins Hotel und verschwanden in einem Büro hinter der Rezeption. Auch dort wurden sie von Überwachungskameras gefilmt. Mbolombo suchte in seinem Handy eine Nummer. Um 18.04 Uhr rief er mit einem Hoteltelefon Mziwamadoda Lennox Qwabe an, einen 26-Jährigen aus einem Township, der drei Kinder mit verschiedenen Frauen hatte, aber keinen Job. Sie sprachen knapp drei Minuten miteinander. Die nächsten zwei Stunden, das bewiesen die Telefonprotokolle, riefen sich die drei Männer ständig an.

Die Killer sollten ein Kidnapping inszenieren

Qwabe wiederum telefonierte mit seinem Freund Xolile Wellington Mngeni. Er lebte auch in einem Township. Kapstadts Ghettos sind eine Brutstätte des Verbrechens, eine Parallelwelt zur Schönheit der Strände und des Tafelbergs. Während die Touristen das Klima, den Wein und die Natur genießen, leben viele Schwarze und Farbige auch Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid in Armut. Kapstadt gehört zu den gefährlichsten Städten der Welt. Bei einer Einwohnerzahl von 3,7 Millionen wurden hier im Jahr 2015 2451 Menschen ermordet, mehr als 20-mal so viele wie in Berlin.

Qwabe und Mngeni verständigten sich darauf, den Job gemeinsam auszuführen. Die Rollen waren nun verteilt: Der Fahrer Tongo fungierte als Kontaktmann zu den Dewanis. Mbolombo war Strippenzieher und Mittelsmann zu den Tätern. Mngeni und Qwabe würden die Dewanis überfallen. Tongo sagte, Shrien Dewani habe ihm 5000 Rand und den eigentlichen Mördern 15.000 Rand versprochen.

Killer 1: Qwabe

Killer 1: Qwabe

Den Ermittlern gelang es nicht, die Inhalte der Nachrichten oder der Telefonate zu decodieren. Sie konnten aber feststellen, wer wann kommunizierte. So rief am Abend ihrer Ankunft Shrien Dewani um 21.27 Uhr bei Tongo an. Sie telefonierten fünf Minuten und 26 Sekunden, während seine Frau im Restaurant saß. Tongo sagte, er habe Shrien darüber informiert, dass er jemanden gefunden habe, der den Job für 15.000 Rand erledigen würde. Shrien behauptete, Tongo habe ihn informiert, dass er mit einem Piloten gesprochen habe, der für 15.000 Rand einen Flug anbieten würde.

Am nächsten Tag verbrachten Tongo und Dewani knapp eine Stunde zusammen. Dewani sagte, er habe den Fahrer zum Hotel bestellt, weil er Geld wechseln wollte. Tongo sagte aus, Dewani habe ihm mitgeteilt, wie der Coup am Abend zu laufen habe: Die Killer sollten ein Kidnapping inszenieren, ihn und Tongo freilassen, bevor sie Anni ermordeten.

Mithilfe der Telefon- und SMS-Protokolle, der Aufnahmen von Überwachungskameras und Zeugenaussagen konnten die Ermittler den Ablauf der Tat rekonstruieren – und auch, was zunächst schieflief.

Die Ermittler hatten keine Probleme, die vier Täter zu fassen

Die Eheleute saßen bei der Bar und warteten auf Tongo. Er verspätete sich. Shrien rief ihn um 19.45 Uhr an. Tongo schickte ihm zwei Nachrichten, bevor er das Paar um 20.03 Uhr vor dem Hotel einsteigen ließ. Der Überfall sollte im Township Gugulethu stattfinden, aber die Kidnapper seien beim ersten Mal nicht am vereinbarten Ort gewesen, sagte Tongo. Bereits 22 Minuten nachdem er die Dewanis im Fischlokal "Surfside" abgesetzt hatte, rief ihn Shrien an – sauer, dass der Job noch nicht erledigt war. Er habe Tongo gefragt, ob er seine Männer nun richtig instruiert habe.

Er und Tongo schickten sich in den nächsten Minuten weitere Textnachrichten. Auch nachdem das Paar nach einer knappen Stunde das Restaurant verlassen hatte, setzte sich diese Kommunikation fort, sogar als Anni neben ihrem Mann auf der Rückbank des Sharan saß. An einer Kreuzung in Gugulethu führten Qwabe und Mngeni den Überfall aus.

Killer 2: Mngeni

Killer 2: Mngeni

Auf den Aufnahmen der Hotelkameras sieht man Dewani am nächsten Morgen in einem roten Poloshirt im Flur auf und ab gehen. Um 9.19 Uhr erhielt er den Anruf, dass seine Frau gefunden worden war. Polizisten scharten sich um ihn. Später zeigten die Kameras, wie er um 19.37 Uhr sein Zimmer verließ, das Handy am Ohr, redend und lachend.

Am Dienstag, den 16. November 2010, dem Tag der Abreise, betrat Tongo um 13.40 Uhr das Hotel. Dewani führte ihn in den Internetraum, wo keine Kameras hingen, und gab ihm eine Plastiktüte. In ihr befand sich ein Briefumschlag mit 1000 Rand. Um 13.48 Uhr verließ Dewani den Raum, Tongo zehn Sekunden später, die Plastiktüte unterm Hemd versteckt. Er ging zur Toilette, kurz darauf aus dem Hotel. Um 15.32 Uhr telefonierten sie zum letzten Mal. Der Witwer sagte, das Geld sei die Bezahlung für Tongos Fahrdienste gewesen. Tongo sagte, es sei die Bezahlung für das Arrangieren des Auftragsmords gewesen, 4000 Rand weniger als besprochen.

Die Ermittler hatten keine Probleme, die vier Täter zu fassen. Sie fanden die Fingerabdrücke des polizeibekannten Mngeni am VW-Sharan. Zwei Tage nach seiner Verhaftung erwischten sie Qwabe – dank eines Tipps aus einem Township. Qwabe wiederum nannte ihnen Mbolombo. Und Tongo nahm sich einen Rechtsanwalt und stellte sich. Er hatte erkannt, dass er seine Geschichte vom Überfallopfer nicht aufrechterhalten konnte.

"Warum hast du das getan?"

Vinod Hindocha wusste nun, mit wem sein Schwiegersohn telefoniert, wen er getroffen hatte. Doch er wusste nicht, wohin mit seiner Wut. Er wollte Shrien packen, schütteln, ihn anschreien. Er wollte von ihm wissen: "Warum hast du das getan?"

Zwischen den Familien, die noch ein paar Wochen zuvor Hochzeit gefeiert hatten, entstand ein Riss, aus dem bald ein Krater wurde. Die Hindochas und die Dewanis wurden zu Feinden und sprachen nicht mehr miteinander. Die Hindochas wollten Shrien vor Gericht sehen. Sie wollten eine Erklärung. Eine Verurteilung, falls die Vorwürfe stimmten. Die Dewanis wiederum sahen ihren Sohn einer Hexenjagd ausgesetzt. Man wolle ihm den Mord unterjubeln, weil das Image von Südafrika als Urlaubsland nicht durch Annis Tod beschädigt werden solle.

Die Überwachungskamera belegt es: Shrien Dewani ging nach dem Mord in den Internetraum des Hotels "Cape Grace", um einen Umschlag zu überreichen

Die Überwachungskamera belegt es: Shrien Dewani ging nach dem Mord in den Internetraum des Hotels "Cape Grace", um einen Umschlag zu überreichen

Am 7. Dezember 2010 erschien Tongo vor dem Western Cape High Court in Kapstadt und gestand seine Beteiligung am Mord, der von Shrien Dewani in Auftrag gegeben worden sei. Tongo und Qwabe wurde für ihre Aussagen eine mildere Strafe versprochen. Tongo wurde später zu einer Haftstrafe von 18 Jahren verurteilt, könnte aber bereits 2020 auf Bewährung freikommen. Qwabe kann im Jahr 2027 auf vorzeitige Entlassung hoffen. Mbolombo wurde sogar Immunität zugesprochen, weil er zusagte, über sämtliche Hintergründe der Tat auszupacken, auch gegen seine Komplizen. Er war außerdem nicht direkt am Mord beteiligt gewesen. Nur Mngeni ließ sich auf keinen Deal ein. Er sagte aus, dass die vier Männer, nicht Dewani, einen Überfall geplant hatten, der Mord aber ein Unfall gewesen sei.

Die südafrikanische Staatsanwaltschaft erhob auch gegen Shrien Dewani Anklage und beantragte seine Auslieferung. Der stellte sich am selben Abend in Bristol der Polizei. Er beteuerte seine Unschuld und kam gegen eine Kaution von 25. 000 Pfund frei. Vor der Tür warteten bereits die Paparazzi. Er war nun berühmt. "Der Millionär, der seine Frau ermorden ließ" oder "Der Millionär, dem Südafrika einen Auftragsmord unterjubeln wollte" – egal, welcher Geschichte man glaubte, sie war spektakulär. Seine Familie engagierte zwei der besten Rechtsanwälte Englands und einen PR-Berater.

Was der Geschichte nur fehlte, war ein Motiv. Welches Interesse hätte Dewani am Tod seiner Frau haben sollen?

Am 10. Dezember 2010 titelte eine englische Boulevardzeitung: "I am not gay!" Dewani sagte, er sei nicht schwul, sondern habe mit Anni Kinder bekommen wollen. Auch die Briten hatten die Ermittlungen aufgenommen. Sie waren auf etwas gestoßen, und Dewanis PR-Berater wollte mit dem Interview gegensteuern. Das misslang.

Shrien Dewani wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen

Ein Deutscher namens Leopold Leisser, der schon lange in England lebte, hatte bei der Polizei eine Aussage gemacht. Leisser trug Glatze und Bart und betrieb unter dem Namen "The German Master" eine Website, auf der er in engem Lederanzug, mit Peitsche und Sexspielzeug posierte. Ein schwuler Callboy für Sadomasochisten. Er habe Dewani schon vor einiger Zeit in dem Londoner Sadomaso-Club "The Hoist" kennengelernt. Der junge Mann habe ihn gebucht und bezahlt. Sie hätten regelmäßig über die Schwulen-Website "Gaydar" kommuniziert. Dewani habe ihm von seiner bevorstehenden Hochzeit erzählt und dass er sich irgendwie aus seiner Situation befreien müsse, aber nicht wisse, wie. Leisser erklärte sich bereit, seine Aussagen vor Gericht zu wiederholen.

Dann meldete sich ein Beamter: Auch er habe eine Affäre mit Dewani gehabt. Die Berichte überschlugen sich. Shrien Dewani wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Er soll selbstmordgefährdet gewesen sein. Auf Fotos war er unrasiert und sah aufgedunsen aus.

Der Fahrer Tongo kommt gleich nach dem Mord ins Hotel und trifft sich mit Shrien Dewani

Der Fahrer Tongo kommt gleich nach dem Mord ins Hotel und trifft sich mit Shrien Dewani

Die südafrikanischen Strafverfolger beantragten seine Auslieferung. Sie wollten Shrien Dewani in Kapstadt den Prozess machen. Ein jahrelanger Rechtsstreit begann. Zwischen Großbritannien und Südafrika gibt es ein Auslieferungsabkommen, aber die englischen Gerichte wiesen die Anträge ab. Dem Beschuldigten sei in seinem Zustand ein Verfahren und Haft in Südafrika nicht zuzumuten. In den Gefängnissen dort herrsche Gewalt und kursiere das HIV-Virus. Und die Beweislage sei dünn. Die Südafrikaner wiederum unterstellten den Briten, einen reichen Bürger schützen zu wollen. Die Causa Dewani wurde im britischen Innenministerium behandelt, sie war längst ein Fall für die Politik.

Annis Vater Vinod reiste fast drei Jahre lang zu jeder Anhörung nach England. Er wollte seinem Schwiegersohn ins Gesicht sehen, er wollte Antworten. Aber Dewani erschien meist nicht, sondern ließ seine Rechtsanwälte für sich sprechen. Erst im April 2014 entschied ein Gericht in London, der High Court, dass er sich einem Prozess in Kapstadt stellen müsse.

Nach der Übergabe des Umschlags verlässt Tongo das Hotel wieder

Nach der Übergabe des Umschlags verlässt Tongo das Hotel wieder

Dewani wurde in einem Privatjet nach Kapstadt geflogen und in einer Klinik untergebracht. Das Verfahren begann am 6. Oktober 2014. Im Gerichtssaal saßen sich die Familien Dewani und Hindocha auf Holzbänken gegenüber. Shrien Dewani ließ seinen Rechtsanwalt eine Erklärung verlesen. Er sei bisexuell, habe den German Master gebucht. Aber er habe seine Frau nicht umbringen lassen.

Sie hatte das Geheimnis der Sexualität ihres Mannes entdeckt

Ein Mitarbeiter der Website "Gaydar" sagte vor Gericht aus, dass der Angeklagte seit 2004 unter dem Namen "Asiansubguy" Mitglied gewesen sei. Er habe sich als "single gay man" bezeichnet und angegeben, sich noch nicht geoutet zu haben. Es stellte sich heraus, dass sich Dewani am Tag vor dem Mord und in den Tagen danach auf der Website eingeloggt hatte. Auch Leisser, der als Zeuge auftreten sollte, hatte in einer Aussage vor der Verhandlung dem Gericht detailliert ihre Beziehung beschrieben. Dewani habe mit seinem Coming-out gerungen. Die Staatsanwaltschaft reichte E-Mails ein, in denen Dewani beschrieb, wie er haderte, Angst hatte, dass seine Familie ihn verstoßen könnte.

Die Hindochas hatten schon lange keine Zweifel mehr. Für sie war klar, was Anni nach ihrer Rückkehr hatte erzählen wollen. Sie hatte das Geheimnis der Sexualität ihres Mannes entdeckt. Warum er nicht mit ihr schlafen wollte. Darum hatte sie Sneha seltsame Nachrichten geschickt, die die Cousine den Ermittlern zur Verfügung stellte: "Ich streite so viel mit Shrien. Wünschte, ich hätte mich nie verlobt", schrieb sie. "Ich hasse ihn", und, kurz vor den Flitterwochen: "Ich will die Scheidung!"

Als Shrien Dewani vor Gericht in Kapstadt erscheint, werden dort Details aus seinem Leben ausgebreitet, die er gern verborgen hätte

Als Shrien Dewani vor Gericht in Kapstadt erscheint, werden dort Details aus seinem Leben ausgebreitet, die er gern verborgen hätte

Sie konnten es nicht erwarten, dass das Gericht Dewani von der Staatsanwaltschaft befragen ließ. Dass er endlich erzählen musste, was er getan hatte. Doch die Richterin lehnte es ab, den Angeklagten zu seiner Sexualität oder den Spannungen zwischen ihm und seiner Frau befragen zu lassen. Seine Sexualität dürfe im Verfahren keine Rolle spielen. Und sie entdeckte in den Aussagen der vier bereits verurteilten Täter so viele Widersprüche, dass sie schließlich das Verfahren einstellte, bevor Dewani überhaupt aussagen musste. Am 8. Dezember 2014 wurde der Prozess vorzeitig beendet. Er war ein freier Mann.

Shrien Dewani meidet seit dem Freispruch die Öffentlichkeit

Leopold Leisser wurde am 13. September 2016 erhängt in seiner Wohnung in Birmingham gefunden. Laut einem Polizeibericht hatte er unter dem Stress nach dem Prozess sehr gelitten. Mngeni erlag in Haft einem Gehirntumor. Es konnte nicht geklärt werden, ob er oder Qwabe geschossen hatten.

Ein guter Bekannter: The German Master

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Shrien Dewani meidet seit dem Freispruch die Öffentlichkeit. Er lebt in England und hat sich nie wieder bei seinem "Dad" gemeldet. Vinod Hindocha und seine Familie haben die Hoffnung aufgegeben, dass er ihnen sagen wird, warum Anni in dieser Nacht in Kapstadt sterben musste. Sie sind sich sicher, dass sich die Dewanis seine Freiheit erkauft haben. Staatsanwälte und die Richterin in Kapstadt müssen bestochen worden sein. Warum sonst haben sie Shrien nicht einmal in den Zeugenstand geschickt?

Die Hindochas haben in Mariestad noch einmal im kleinen Kreis Abschied von Anni genommen. Sie sind mit Booten auf den Vänern gefahren und haben ihre Asche ins Wasser rieseln lassen. Die Wellen haben sie fortgetragen.

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