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Hooligan-Krawalle in Köln: "Hier steckt mehr drin als die Lust an der Randale"

Drohen nach Köln weitere Gewaltexzesse? Im stern-Interview warnt Experte Bernd Wagner vor einem Erstarken der Rechtsradikalen. Sie drohen, die Islamismus-Debatte für sich zu vereinnahmen.

"Hooligans und autonome Nationalisten sind straßenkampftrainiert", sagt Experte Bernd Wagner. Polizeiwagen umzuschubsen gehört noch zu den harmloseren Aktionen.

"Hooligans und autonome Nationalisten sind straßenkampftrainiert", sagt Experte Bernd Wagner. Polizeiwagen umzuschubsen gehört noch zu den harmloseren Aktionen.

Rund 4000 größtenteils gewaltbereite Hooligans, einige Hundert ebenfalls gewaltbereite Rechtsextremisten, 13 verletzte Polizisten, sechs Festnahmen: Das ist die deprimierende Bilanz des Gewaltexzess bei der Kundgebung "Hooligans gegen Salafismus" in Köln. Den Rechtsradikalismus-Experten Bernd Wagner überrascht die Härte der Eskalation nicht. Im Interview mit stern erklärt er, warum.

stern: Hat Sie die Gewalt in Köln überrascht?
Wagner: Nein. Vor wenigen Wochen gab es bereits unter anderem in Mannheim und Mönchengladbach ähnliche Aktionen, aber nicht in dieser Größe und weniger beachtet. Aber in der Szene haben sich diese Demonstrationen herumgesprochen und sich als politische Attraktion als tragfähig erwiesen.

Und keiner hat es bemerkt?
Man hat sehen können, dass sich da was entwickelt. Der Islam und der Salafismus als neues Reiz-und Schlüsselthema war klar. Für mich ist das nicht überraschend. Viele hatten frohlockt, dass die NPD schwächelt. Aber die Kräfte haben sich in den vergangenen zehn Jahren längst neu formiert. Mit Luft nach oben: Hier steckt mehr drin als die Lust an der Randale.

Inwiefern?
Hier wird nicht nur das Spaßprogramm gesucht. Die Aktivisten würden gerne zeigen, dass sie eine Volksmiliz sind. Man setzt auf die Angst vor dem Islam als militante Ideologie und auf die Angst vor dem Terror. Sie wollen den Eindruck vermitteln, wir sind die aufrechten Deutschen und wagen, was der Staat sich nicht traut.

Wer steckt dahinter?
Da sind vor allem die Netzwerker aus der freien rechtsradikalen Szene. Viele auch aus verdeckten Strukturen, die sich als Fussballfans darstellen, aber ein ideologisches Eigenleben entfalten. Rechtsradikale Hooligans und Neonazis sind kaum noch voneinander zu unterscheiden

Wie hat sich die Ideologie in den vergangenen Jahren entwickelt?
Anfang der 2000er Jahre wollten viele noch gemeinsam mit den Islamisten gegen das westliche Finanzkapital kämpfen, es gab Kontaktversuche, die allerdings von den Islamisten abgetan wurden. Jetzt, mit dem Terror des ISIS, können die islamfeindlichen Rechtsradikalen wieder ihr altes Programm auflegen.

In Köln sollen viele Randalierer betrunken gewesen sein..
...mag sein. Aber ich warne davor, diese Typen als dumpfbackige bekloppte Säufer abzutun. Sie haben offensichtlich militante Fähigkeiten und können mobilisieren, ohne dass es zu viele merken. So lange und anhaltend gegen die Polizei vorzugehen, das macht kein Freizeitclub. Da gibt es Koordinatoren, die den Ablauf puschen und organisieren. Und eine gewisse Taktik an den Tag legen. Hooligans und autonome Nationalisten sind strassenkampftrainiert.

Das wöchentliche Bundesliga-Spektakel als Trainingslager?
Durchaus. Das sind Übungsstrecken, wie wenn man bei der Armee Sturmbahnlauf trainiert fürs Gefechtsfeld.

Müsste man nach diesem Ereignis überlegen, Bundesligaspiele anders zu bewerten?
Die Vereine können diese Art von Gewalt nicht verhindern. Was da läuft, ist eine ideologisch instrumentalisierte Gewalt. Leute aus dem Umfeld der NSU, jahrelang erfahren.

Was würden Sie jetzt den Sicherheitsbehörden raten?
Man muss über härtere Polizeikonzepte nachdenken, aber vor allem und bundesweit über verstärkte Aufklärung im Vorfeld. Jetzt müssen die Sichehrheitskräfte einen Zahn zulegen. Ich fürchte nämlich eines: dass ein solches Ereignis wie in Köln, aus der Sicht der Rechtsradikalen durchaus erfolgreich, zu einem Exportschlager werden kann. Und die Bodentruppen einer europäischen Volksmiliz auch in Italien und Schweden und Frankreich kämpfen.

Jetzt wird im Internet schon für eine weitere Veranstaltung am 9. November vor dem Berliner Reichtstag getrommelt.
Ja, jetzt kommt der Machtkampf auf Touren. Eine solche Veranstaltung gehört beweisfähig verboten. Wenn man schon Geheimdienste hat, ich zähle derzeit 18, dann müssen die sich jetzt bewähren.

Interview: Uli Hauser