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US-Horror: Als sich der Wahnsinn über Black River Falls legte

15 Jahre lang zerfleischte sich eine Kleinstadt, als sei sie von Dämonen heimgesucht. Der Fotograf Charles Van Schaick dokumentierte den Irrsinn und prägte mit seinen Fotos unsere Vorstellungen des Horrors Made in USA

Kleinstadtschönheit aus Black River Falls - Ausschnitt eines Fotos von Charles Van Schaick.

Kleinstadtschönheit aus Black River Falls - Ausschnitt eines Fotos von Charles Van Schaick.

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Black River Falls in Wisconsin war eine kleine Bergarbeiterstadt. Hier schafften deutsche und skandinavische Einwanderer solange, bis die Minen Ende der 1880er Jahre aufgegeben wurden.

Die Stadt verfiel, viele wanderten ab – über die, die blieben, senkte sich ein schwarzer herab. Vermutlich hätte sich an Niedergang, Mord und Horror niemand erinnert, wenn nicht die Fotoplatten von Charles Van Schaick den Verfall der Stadt überlebt hätten. Er dokumentierte das harte Leben der Bewohner. Ein Leben – in dem noch die freudigsten Momente seltsam Furcht einflößend aussehen. Von den 30.000 Bildern, die Schaick aufgenommen hat, gibt es noch etwa 3000.

Der Stadtfotograf hielt alles fest

Charles Van Schaick dokumentierte neben den für die Zeit typischen Erinnerungsbildern vor allem die Momente des Schreckens. An ihnen hatte die Geisterstadt keinen Mangel. 1973 erzählte Michael Lesy die Geschichte hinter den Bildern in dem Buch "Wisconsin Death Trip" – seitdem ein Dokuklassiker des Horrorgenres. Das Ziel von Lesly war es weniger, zu berichten, als eine "poetische Geschichte" des Grauens zu komponieren. Der zeitgenössische Fotograf und der spätere Schreiber prägten so die Bilder, die wir mit dem Thema Horror aus den verbinden und die bis heute in zahlreichen Filmen recycelt werden.

Die Welt von Black Water Falls.

Die Welt von Black Water Falls.

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Das Buch folgt dem Schrecken, der sich in nur 15 Jahren zwischen 1885 und 1900 ereignet hat. Neben den Bildern des Stadtfotografen wurden persönliche Aufzeichnungen und die lokale Zeitung ausgewertet. Die Geschichten der Bilder und des Buches lesen sich wie eine Staffel aus "American Horror Story" – es fällt schwer, an eine zufällige Ballung des Grauens zu glauben. Es ist ein Kaleidoskop des Schreckens von Brandstiftung, Grausamkeit, Demenz, Selbstmord, Mord, Inzest und regelmäßigen Ausbrüchen von Diphtherie und Pocken. Zu allem Überfluss wurde Black River Falls auf den heiligen Begräbnisstätten der Winnebago Indianer gebaut. Hunderte von Grabhügeln befinden sich in der Region.

Ein endloser Schrecken

Es ist ein Sammelsurium von Geschichten wie diesen: 


Ein Bestattungsunternehmer soll eine Beerdigung verpfuscht haben. Die Einwohner graben den Körper der toten Frau wieder aus. Sie wurde lebendig begraben, als sie unter der Erde wieder erwachte, hatte sie ihre Finger halb zerbissen und verschlungen, bevor sie dann wirklich starb.


Zwei kleine Jungen laufen zusammen weg. In einer abgelegenen Farm ermorden sie den Besitzer, einen Sommer lang leben sie in dem Bauernhaus. Bis sie der Bruder des Toten entdeckt. Der ältere Junge ist zehn Jahre – er wandert lebenslang ins Zuchthaus.


Eine alte Frau ekelt sich so sehr vor ihrem Ausschlag auf dem Rücken, dass sie sich mit Benzin übergießt und sich dann selbst verbrennt. Kurz darauf folgt eine andere Oma ihrem Beispiel.


Junge Frau erhängt sich, weil sie von ihrem Verlobten sitzengelassen wurde. Junge Männer töten die Verlobte, weil sie sich für einen anderen entschieden hat.


Ein Bauer köpft alle seine Hühner, brennt dann die Farm und den Hühnerstall nieder, weil er überzeugt ist, der Teufel wäre nach Black River Falls gekommen. Eine Frau ertränkt ihre drei Kinder an einem sonnigen Tag am Strand, während hilflose Passanten zusehen müssen.


Eine fromme Familie nimmt einen Landstreicher auf. Alle essen gemeinsam zu Abend. In der Nacht steht er auf und bringt seine Gastgeber um – anschließend erschießt er sich.

Urängste nehmen Gestalt an 

Das Besondere an den Taten: Sie sind allesamt wahnsinnig und ergeben keinen Sinn, gewöhnliche Kriminelle scheint es in Black River Falls kaum gegeben zu haben. Die Fotografien von Charles Van Schaick mit den Menschen und ihren schwarzen, leeren Augen wirken wie der dunkle Spiegel des bekannten Gemäldes "American Gothic" von Grant Wood. Die Geschichten der Lokalpresse über Selbstmorde oder Wahnsinn zeigen, wovor eine Zeit wirklich Angst hatte – was hinter der Fassade lauert.

In Black River Falls ist es kurz herausgekommen.

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