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Horror-Heim auf Jersey: Schädel entpuppen sich als Kokosnüsse

Doch keine Morde im skandalumwitterten Heim auf Jersey: Die gefundenen Knochen stammen von Tieren oder sind mehrere hundert Jahre alt, ein Kinderschädel entpuppte sich als Kokosnuss-Schale. Noch im Juli hatte die Polizei von fünf bis sechs zerstückelten Kinderleichen gesprochen.

Spektakuläre Wende bei den Ermittlungen in einem ehemaligen Kinderheim auf der britischen Kanalinsel Jersey: Nach neuen Erkenntnissen der Polizei wurden dort doch keine Kinder umgebracht. Die im Keller gefundenen Knochen stammten von Tieren oder seien mehrere hundert Jahre alt, sagte der neue Chefermittler, David Warcup, am Mittwoch in Jersey. Zudem gebe es keine Beweise für Folterräume im Keller des Gebäudes. Die Polizei werde jedoch den Berichten über Missbrauch und Folter seit den 60er Jahren weiter nachgehen, wie Warcup versicherte. Das Heim "Haute de la Garenne" steht im Mittelpunkt eines der größten Fälle von Kindesmissbrauch in Großbritannien.

Gleichzeitig entschuldigte sich Warcup für falsche Informationen seines Vorgängers Lenny Harper, der die mehr als 4 Millionen Pfund (4,9 Millionen Euro) teuren Ermittlungen bis zu seinem Ruhestand im August geleitet hatte. Dessen damaliger Chef, Graham Power, wurde am Mittwoch von seinen Pflichten entbunden. Schon vor den ersten Knochenfunden im Keller war das ehemalige Kinderheim als Schauplatz brutaler Kindesmisshandlungen in die Schlagzeilen geraten.

Komplettes Heim auf Spuren durchsucht

Bis zu 150 frühere Heimbewohner berichteten von regelmäßigen Sex- und Saufgelagen der Heimangestellten, die Mädchen und Jungen vergewaltigt, gefoltert, ausgepeitscht oder in kaltes Wasser getaucht hätten. Und als die Ermittler im Juli von fünf oder sechs Kindern sprachen, die im Keller umgebracht und deren Leichen zerstückelt worden sein könnten, nahmen die Behörden das ganze Heim und einen nahe gelegenen Bunker bis auf die Grundmauern unter die Lupe.

Die neuen Erkenntnisse sind für den früheren Chefermittler Harper ein Schlag ins Gesicht: Keine Morde, keine Folterkeller, kein Kind wurde umgebracht, zerstückelt oder verscharrt. Ein angeblicher Schädel entpuppte sich als Kokosnuss-Schale aus viktorianischer Zeit, als Experten vom Britischen Museum ihn untersuchten. Die meisten anderen Knochen stammten von Tieren, ein paar Menschenknochen wurden auf eine Zeit datiert, in der es das Kinderheim noch gar nicht gab. Die angeblichen Folterkammern waren einfach Keller oder Hohlräume unter dem Fußboden, und eine Fußfessel war nichts weiter als ein rostiges Stück Metall, an dem nichts Verdächtiges gefunden werden konnte.

Ermittlungen wegen Missbrauchs gehen weiter

Trotz der deutlichen Worte hielt sich der neue Ermittler Warcup mit zu harscher Kritik an seinem Vorgänger Harper zurück: "Ich bin kein Richter, kein Geschworener, kein Scharfrichter - ich möchte niemandem die Schuld zuschieben." Er wolle vielmehr klarstellen, dass es keine Mordermittlungen gebe. Die Untersuchung wegen der Missbrauchsvorwürfe gingen aber weiter.

Die meisten der ehemaligen Heimbewohner, die die Foltervorwürfe erhoben hatten, haben die Insel vor der nordfranzösischen Küste, auf der heute fast 100.000 Menschen leben, längst verlassen. Mutmaßliche Opfer der Schänder meldeten sich aus Großbritannien und Frankreich, anderen europäischen Ländern und auch aus weit entfernten Ecken der Welt. Bislang sind wegen der Vorwürfe drei Männer angeklagt worden. Das 1867 eröffnete Kinderheim auf der zwischen Frankreich und Großbritannien liegenden Kanalinsel wurde nach seiner Schließung 1986 von Grund auf renoviert. 2004 wurde es als Jugendherberge wiedereröffnet.

Der frühere Ermittler Harper verteidigte sich dafür, dass er der Öffentlichkeit von seinem Mordverdacht erzählt hatte. "Wenn wir Knochenteile und Zähne in einem Gebäude finden, in dem wir wegen Kindesmissbrauchs ermitteln, was erwarten die Menschen dann? Hätten wir das ignorieren sollen? Keine Polizei im Land hätte das verschwiegen."

DPA/AP/ukl / AP / DPA