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Nach tödlicher Attacke: Kangal beißt Frau tot - wie gefährlich sind diese Hunde?

Ein Hund beißt eine Frau tot - diese Nachricht schockierte in der vergangenen Woche Deutschland. Und sie sorgt erneut für Diskussionen: Soll die Haltung bestimmter Rassen eingeschränkt werden? Oder sind pauschale Verbote der falsche Weg?

American Staffordshire-Terrier

Ein Hund beißt eine Seniorin tot, Passanten müssen hilflos zusehen, Polizisten erschießen das aggressive Tier schließlich, die Hundebesitzerin äußert in der "Bild"-Zeitung Verständnis für die Beamten. So geschehen in der vergangenen Woche in Stetten am kalten Markt in Baden-Württemberg.

Es war der jüngste einer ganzen Reihe von tödlichen Zwischenfällen mit Hunden in Deutschland, drei Beispiele: Im Jahr 2000 verbeißen sich eine Staffordshirehündin und ein Pitbulterrier auf einem Hamburger Schulhof im Oberkörper und Kopf eines Sechsjährigen, der Junge stirbt noch am Ort der Attacke. 2006 erliegt eine Rentnerin bei Stendal in Sachsen-Anhalt ihren schweren Verletzungen, zugefügt von einem Staffordshireterrier. Vier Jahre später verliert ein dreijähriges Mädchen im thüringischen Sachsenburg ihr Leben, nachdem sie im Haus ihrer Tante von vier Bullterriern angegriffen wurde.

Wie gefährlich ist die Rasse Kangal? 

Die Politik reagierte: Es wurden sogenannte Rasselisten eingeführt, Besitzer von als "Kampfhund" definierten Rassen müssen Eignungsprüfungen, die Tiere einen Wesenstest ablegen. Das Ziel dabei ist immer: die Haltung der Tiere so weit wie möglich einzuschränken. Längst haben Tierheime Probleme, wieder ein Herrchen oder Frauchen für abgegebene oder eingezogene Hunde bestimmter Rassen zu finden.

Die tödliche Attacke in Baden-Württemberg bringt die Diskussion um gefährliche Hunde neu in Gang. Der Angriff auf die Seniorin ging von einem Kangal aus, einer aus der Türkei stammenden Herdenschutzhunderasse. Sie wird dort auch als Militärhund eingesetzt und ist ein Symbol für Kraft, Mut und Stolz. In Deutschland gelten sie in einigen Bundesländern als gefährliche Hunde, in der "Verordnung über das Halten gefährlicher Hunde" von Baden-Württemberg wird der Kangal jedoch nicht explizit aufgeführt. Das zuständige Innenministerium will nach Abschluss der Ermittlungen zum Angriff prüfen, ob die Rasse "wegen ihrer Wesenseigenschaften in die Liste der Kampfhunde aufgenommen wird", sagt ein Sprecher dem stern.

"Problem befindet sich am oberen Ende der Leine"

Barbara Schöning hält von den sogenannten Rasselisten nichts. Die Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierschutz in Hamburg ist gleichzeitig Vorsitzende der Gesellschaft für Tierverhaltensmedizin und -therapie (GTVMT). Im Gespräch mit dem stern sagt sie: "Solche Listen gaukeln eine falsche Sicherheit vor. Die in den 2000er-Jahren eingeführten 'Rasselisten' haben sich als wenig sinnvoll erwiesen: Die Zahl der jährlichen tödlichen Zwischenfälle mit Hunde von den 1960ern bis heute ist zum Beispiel weitgehend konstant. Und die bundesweite Sterbestatistik ist die einzige, die wirklich verlässliche Zahlen liefert. Das Problem bei auffälligen Hunden befindet sich am oberen Ende der Leine."

Die Haltung und die Erziehung durch den Menschen seien in erster Linie ausschlaggebend dafür, ob Hunde ein problematisches Verhalten gegenüber anderen Lebewesen zeigen. "Der Halter muss entsprechend sachkundig sein, ganz gleich ob es sich um einen Dackel oder einen Deutschen Schäferhund handelt", meint Schöning. Die GTVMT plädiere daher für den sogenannten Hundeführerschein - ein Sachkundenachweis, unabhängig davon, welche Rasse gehalten wird - abgeschlossen etwa durch eine Prüfung. "Das dient letztendlich nicht nur dem Schutz vor Zwischenfällen, sondern auch dem Schutz der Tiere."

Hundeführerschein für alle Rassen gefordert

Zwar gebe es sehr selten auch Hunde, die eine pathologische Verhaltensstörung aufweisen und deshalb zubeißen, ein Angriff eines Hundes sei aber in der Regel normales Aggressionsverhalten, ausgelöst etwa durch Angst oder Stress. "Letztendlich kommt es auf den Besitzer an, hier durch Erziehung und tierschutzkonforme Haltung vorzubeugen." Sachkunde fange schon bei der Entscheidung an, wo man einen Hund kaufe: "Schlechte Lebensbedingungen der Welpen können schon die Weichen in ein späteres Aggressionsproblem hinein stellen. 'Schnäppchen' aus dem Internet können so später noch einmal größere Anforderungen an den Menschen als sachkundigen Hundehalter stellen."

Was die Ursache für die tödliche Attacke in Baden-Württemberg war, müssen die Ermittler der Staatsanwaltschaft jetzt klären, für die GTVMT-Vorsitzende steht aber unabhängig von dem Ergebnis fest: "Eine mögliche Gefährlichkeit eines Hundes hängt nicht von der Rasse ab."

Innenministerium hält drei Hunderassen für gefährlich

Das Innenministerium in Stuttgart sieht das anders: Dort gelten drei Hunderassen - der American Staffordshire-Terrier, der Bullterrier und der Pitbullterrier - grundsätzlich als besonders gefährlich und aggressiv. Sie dürfen dort in der Öffentlichkeit lediglich mit Leine und Maulkorb geführt und nur unter bestimmten Bedingungen gehalten werden.

Die Staatsanwaltschaft prüft in dem Fall aus Stetten am kalten Markt unterdessen, ob sie Anklage wegen fahrlässiger Tötung gegen die 43-jährige Besitzerin des Kangalrüden erhebt. Geprüft werde dabei auch, wieso sich der Hund von seiner Kette lösen und auf die Straße gelangen konnte. Nachbarn hatten nach eigenen Angaben mehrfach über die Aggressivität des Hundes geklagt.