Hundeführerschule Herzogau Eine Kneipe, gute Luft und Stromstöße


In Herzogau gibt es eine Kirche, ein Gasthaus - und die Hundeführerschule der Bereitschaftspolizei. In der ging es jedoch alles andere als idyllisch zu: Die Ausbilder sollen ihre Kolleginnen wie Hunde behandelt und mit Elektrohalsbändern gequält haben. Nun wurden erste Konsequenzen gezogen.
Von Christian Gressner

Still ist es in Herzogau. Die Luft ist klar und der Ort liegt ruhig in der milden Herbstsonne. Gute Luft und Ruhe ist so ziemlich das einzige, was das Dorf auszeichnet, weswegen der Landkreis Cham an der bayerisch-tschechischen Grenze damit um Touristen wirbt. So manchem Polizeischüler war es hier aber offenbar zu still. Und so soll es in der Hundeführerschule der bayerischen Bereitschaftspolizei zu wilden Gelagen gekommen sein. Was noch harmlos ist, im Vergleich mit den anderen Exzessen: Ausbilder sollen Beamtinnen zudem mit frauenfeindlichen Sprüchen beleidigt und mit sexistischen Übergriffen drangsaliert haben. So stellen es die Autoren eines anonymen Briefes dar, der in der vergangenen Woche der SPD-Landtagsfraktion zugestellt wurde.

"Mit Stromstößen traktiert"

"Polizistinnen mussten niederknien und Bier aus einer Schüssel aus dem Schoß eines Ausbilders trinken, wurden an einem Stachelhalsband auf allen Vieren durch die Klause (Kantine, Red.) geführt oder wurden mittels Stromstößen durch ein Elektrodressurhalsband traktiert", heißt es in dem achtseitigen Schreiben, das stern.de vorliegt. Außerdem seien Prostituierte ein und ausgegangen, in der Kantine soll auch schon einmal bei einer abendlichen Feier eine Stripperin aufgetreten sein. "Junge Kollegen wurden gezwungen, Urin zu trinken oder aus Essensresten und Abfällen gemixte Speisen zu verzehren." Die Hunde seien ebenfalls gequält worden.

Für Peter Paul Gantzer (SPD) sind diese Vorwürfe durchaus glaubwürdig. Der jetzige Vizepräsident des bayerischen Landtags ist Ehrenkommissar der Polizei und war früher selbst bei den Fallschirmjägern der Bundeswehr, kennt also die Verhaltensmuster in so genannten Eliteeinheiten. "Das sind typische Exzesse, die bei Eliteeinheiten vorkommen können", sagte er stern.de. "Und die Hundeführer fühlen sich als solche, weil sie ein kleiner und enger Kreis sind."

"Das mit der Dienstaufsicht konnte nicht klappen"

Das heißt: Wegen der Tiere werden sie nicht in den regelmäßigen Schichtdienst eingeteilt und vor allem zu Sondereinsätzen wie der Suche nach einer Leiche oder Rauschgift gerufen. Die Ursache für die extreme Fehlentwicklung in Herzogau liegt nach Ansicht von Gantzer jedoch auch an der mangelhaften Dienstaufsicht. Zwischen der Außenstelle in Herzogau und den Vorgesetzten im Berchtesgadener Land kurz vor der österreichischen Grenze liegen rund 350 Kilometer. "Da konnte die Dienstaufsicht nicht klappen."

In dem am Hang gelegenen Dorf glaubt dagegen nicht jeder die Vorwürfe. Das waren ganz normale Nachbarn, sagt einer. Von seinem Wohnzimmer aus kann er direkt auf die in einer alten und teilweise herunter gekommenen Villa untergebrachte Schule schauen. Früher erholten sich hier die Größen des Naziregimes. Überrascht ist auch die 19-jährige Magda Jäger*. Sie kennt einen der Ausbilder vom Sehen. "Den hätte ich nicht so eingeschätzt." Auch die Hunde hätten sich ganz normal verhalten. Manchmal habe man sie beim Gassigehen gesehen und "ein Hund, der Angst hat, würde bei einer schnellen Bewegung seines Herrchens ja reagieren". Aber so etwas sei ihr nicht aufgefallen.

"Sonst ist das hier ja ein ganz totes Dorf"

Viele im Dorf hoffen darauf, dass die Schule erhalten bleibt. Denn sonst gibt es in der 300-Seelen-Gemeinde außer einer Kirche und einem Gasthaus nichts. Der nächste Fußballverein ist im nahen Waldmünchen. "Es wäre schade, wenn die Schule geschlossen werden würde", sagt die 58-jährige Hausfrau Maria Weiß*, sonst ist das hier ja ein ganz totes Dorf."

Doch die Schließung der Außenstelle ist genau das, was Landtags-Vize Gantzer nun fordert. "Man muss sie auflösen und neu organisieren." Außerdem müsse eine Ombudsstelle für interne Beschwerden bei der Polizei eingerichtet werden. Die SPD wirft dem bayerischen Innenministerium außerdem Untätigkeit vor. Kurz nach dem Erhalt des Schreibens habe sie es an das Innenressort weiter gegeben, doch dort habe man nicht reagiert.

Drei Beamte versetzt

In Herzogau läuft der Betrieb in der Zwischenzeit fast normal weiter, sagt Johann Feichtner, Leiter der Außenstelle. Mehr darf er zu den Vorwürfen nicht sagen. Allerdings gab es bereits erste Konsequenzen: Das Bereitschaftspolizeipräsidium hat drei Beamte an andere Dienststellen versetzt. Zumindest solange, bis die Vorwürfe wegen Tätlichkeiten und sexueller Belästigung aufgeklärt sind.

Das besorgt die Staatsanwaltschaft Regensburg, die die Vorfälle untersucht. Die Vorermittlungen würden einige Tage dauern, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Günther Ruckdäschel. "Ich rechne damit, dass wir spätestens Anfang nächster Woche ein Ergebnis haben."

* alle Namen geändert, Red.


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