HOME

Prozess um Mord an Studentin: Hussein K.: Ein Geständnis und viele Löcher im Gedächtnis

Bewusstlos gewürgt, missbraucht, im Wasser abgelegt: Nach zehn Monaten des Schweigens gesteht der Angeklagte Hussein K. vor Gericht und entschuldigt sich bei der Familie der Studentin Maria L. An entscheidende Details der Tat will er sich aber nicht erinnern können.

Von Isabel Stettin

Der Angeklagte Hussein K. legte am zweiten Prozesstag ein Geständnis ab

Hussein K. legte am zweiten Prozesstag vor dem Landgericht in Freiburg ein Geständnis ab

Es sieht aus, als wolle Hussein K. in seiner hochgeschlossenen Trainingsjacke verschwinden. Er hat einen Brief vorbereitet. Langsam und mit leiser Stimme liest er ihn vor. Sein Dolmetscher übersetzt von Dari ins Deutsche. Aus "tiefstem Herzen" tue es ihm leid, was er in der Nacht zum 16. Oktober getan habe, "diesen Vorfall" bedauere er über alle Maßen. Er bitte die Familie von Maria L. um Verzeihung. Er könne verstehen, behauptet er, wie sich ihre Angehörigen fühlen, denen das Liebste genommen wurde. Er habe ebenso nach dem seines Vaters getrauert. "Wenn es Sie glücklich macht, wenn ich tot wäre", dann würde er gern sterben. Wenn er Maria L. wieder zum Leben erwecken könne, er würde alles dafür tun. Er bleibt reglos, während er seine Worte vorliest. Nur zwei Mal wischt er sich kurz über seine Augen und reibt sein Gesicht.

Hussein K., das betont sein Pflichtverteidiger Sebastian Glathe, habe diese Erklärung aus eigenen Stücken und ohne seine Beratung verfasst. Zehn Monate lang hat Hussein K. geschwiegen. Seit er im Dezember in Haft sitzt, hat sich der junge Asylbewerber aus Afghanistan nicht dazu geäußert, was sieben Wochen vor seiner Festnahme, in der Nacht zum 16. Oktober, am Fluss Dreisam geschehen ist. Oberstaatsanwalt Eckart Berger wirft Hussein K. besonders schwere Vergewaltigung und an der 19-jährigen Medizinstudentin Maria L. vor, heimtückisch und zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs.

Fast eine Woche ist vergangen, seitdem Hussein K., nach seinen Angaben 19 Jahre alt, zum Prozessauftakt überraschend viel von sich erzählt hat, von seiner Flucht nach Deutschland, seiner Familie. Mehr als drei Stunden hat er ausgesagt, mit leiser Stimme, ein wenig schläfrig wirkend. Eigentlich hätte er sich schon am ersten Verhandlungstag zu den Tatvorwürfen äußern sollen. Doch der Zeitplan verschob sich: Zuerst wurde die Verhandlung unterbrochen, weil der Pflichtverteidiger beantragte, die Öffentlichkeit auszuschließen, wenn es um intime Details und die Sexualbiographie des Angeklagten geht. Die Richterin stimmte zu. Am Nachmittag war der Angeklagte, wie er sagte, "zu müde" – vermutlich auch, weil er vor der Verhandlung ein starkes, angstlösendes Beruhigungsmittel bekommen hatte.

Wodka, Bier und Joints

Das Interesse in war darum am zweiten Tag ungebrochen, der Gerichtssaal wieder fast voll. Zentrale Frage: Gesteht er? Und falls ja: Was sagt er zum Tathergang? Was hat Hussein K. erneut zum Täter gemacht  – nachdem er bereits in Griechenland wegen versuchter Tötung verurteilt wurde?

Laut den Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Polizei soll sich Hussein K. in der Tatnacht drei Frauen genähert haben, in einer Bar, an einer Haltestelle in der Straßenbahn. Das zeigen Aufnahmen von Überwachungskameras und das belegen Zeugenaussagen. Eine Flasche Wodka habe er an diesem Abend getrunken, dazu mehrere Flaschen , mit Freunden habe er mehrere Joints geraucht. Die Kumpels hätten ihn "dazu gedrängt", mit ihnen zu trinken, behauptet er. Später landete Hussein K. allein in einer Bar, bekam dort schließlich keinen Alkohol mehr, der Barkeeper sagte: "Du bist zu besoffen." Er habe eine junge Frau so bedrängt, dass diese die Bar verließ. In der Straßenbahn, wenig später, nachdem er aus der Bahn geworfen wurde und vom Türsteher eines Clubs abgewiesen wurde, habe er in der Bahn eine junge Frau angemacht. Sie setzte sich weg von ihm.

Ihm war übel, erzählt Hussein K., er wollte heim, war schon auf dem Weg nach Hause. "Doch dann wollte ich wieder nach Freiburg." Warum? Das könne er nicht mehr sagen. Was ging in ihm vor, als er nachts gegen drei Uhr morgens an der Dreisam wartete? Zehn Minuten sei er dort gestanden, habe versucht, sich zu übergeben. Dann kam in der Dunkelheit ein Fahrrad angerollt. Er habe dagegen getreten, das Rad fiel um, die Fahrerin stürzte.

Die Idee "mit ihr Sex zu machen" kam Hussein K. angeblich spontan

Hussein K. behauptet, er habe nicht wahrgenommen, dass es eine junge Frau war, die er angriff. Das habe er erst später festgestellt. Weil "das Mädchen so laut geschrien hat" und er es verletzt hatte, habe er befürchtet, ins Gefängnis zu müssen. Darum habe er sie mit der einen Hand gewürgt, mit der anderen hielt er ihr den Mund zu. Als er sie losließ, habe sie weitergeschrien. Darauf, so Hussein K. habe er seinen Schal genommen und um ihren Hals gezogen.

Erst als sie sich nicht mehr bewegt habe, nicht mehr atmete, sei er auf die Idee gekommen, "mit ihr Sex zu machen". Er habe erkannt, "dass es ein schönes Mädchen war". Ob sie tot war oder nicht, das sei in diesem Moment für ihn egal gewesen. Er zog sie in die Dreisam, um seine Blutspuren von ihrem nackten Körper zu waschen. "Ich habe mich an Dornen verletzt." Dass er sie mehrfach biss - daran hat Hussein K. angeblich keine Erinnerung. Auch nicht daran, wie er sie im Fluss zurückgelassen hatte, den Kopf nach unten.

Ein blondes Haar brachte Ermittler auf seine Spur

Hussein K.'s Gedächtnis hat viele Löcher, vor allem dann, wenn es um sein Verhalten in den entscheidenden Momenten geht. Einem Mitinsassen im Gefängnis soll er erzählt haben, er sei "wie ein Tier" über die junge Frau hergefallen. Vor Gericht bestreitet er die Aussage. Er schwöre "bei Gott", dass er dies nicht gesagt habe.

Nachdem er Maria L. getötet hatte, so schildert es Hussein K., rauchte er auf dem Heimweg Gras, ging nach Hause, duschte und schlief bis zum Nachmittag. Von seinen Freunden habe keiner etwas geahnt. Dass er die Tat begangen hat, das sei ihm erst so richtig bewusst geworden, als er am nächsten Tag im Fernsehen vom Mord an der Studentin erfuhr. Sein Verhängnis: Kurz vor dem Mord ließ er sich die Haare blondieren. Am Ende war es ein blondes Haar im Brombeerbusch, das die Ermittler auf seine Spur brachte.

Die Jugendkammer und die Vorsitzende Richterin Kathrin Schenk haben 14 weitere Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil könnte frühestens am 8. Dezember gefällt werden.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren