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Icke muss vor Jericht: Biete Lehrstelle, suche Sex

Ein 17-Jähriger sucht händeringend eine Lehrstelle. Eine Anzeige verspricht Hoffnung, doch sie ist geschaltet von einen skrupellosen Kriminellen, der die Unerfahrenheit und Hoffnung seines Opfers für seine sexuelle Befriedigung nutzt.

Von Uta Eisenhardt

Ein simples Vorstellungsgespräch wurde dem 17-jährigen Enrico zum Verhängnis (Szene nachgestellt)

Ein simples Vorstellungsgespräch wurde dem 17-jährigen Enrico zum Verhängnis (Szene nachgestellt)

Zum Vorstellungsgespräch trug der 17-jährige Enrico Wenig* eine silberne Hose mit einem roten Farbfleck. Der war winzig, doch sein Gegenüber entdeckte ihn sofort: Fürsorglich holte Uwe Kresslick* einen nassen Schwamm und ein Messer, dann betupfte er die verschmutzte Stelle und kratzte sie weg. Es war der Auftakt zu einer widerlichen Vergewaltigung.

Neun Monate später sitzt sein Peiniger, ein untersetzter Mann mit grobem Gesicht, vor dem Richter. Er widersprach einer schriftlichen Verurteilung zu einer Geldstrafe in Höhe von 3000 Euro (100 Tagessätze), die er wegen Beleidigung in Tateinheit mit Verbreiten von pornografischen Schriften zahlen sollte – aus juristischer Sicht eine sehr milde Betrachtung des Vorfalls.

Im September 2009 wollte Enrico Wenig seine Malerlehre antreten. Doch die Fördergelder für seinen Ausbildungsplatz wurden gestrichen. Jetzt gab es kaum Lehrstellen. Einen Ausweg versprach die Anzeige, die Uwe Kresslick in einer Boulevardzeitung geschaltet und Enricos Mutter entdeckt hatte: Lehrlinge gesucht, auch solche, mit abgebrochener Ausbildung.

Ein Porno für den Lehrling

Gemeinsam fuhren Mutter und Sohn aus ihrem brandenburgischen Vorort in die noble Berliner Villengegend, in die Uwe Kresslick sie bestellt hatte. Freundlich begrüßte er seine Besucher. Leider müsse er in seinem Wohnzimmer empfangen, das Büro werde gerade renoviert. Der 57-Jährige zeigte ihnen Mappen von Häusern, die er sanieren würde. Dann schaute er sich Enricos Unterlagen an und erklärte, wichtig sei nur das Können seiner Lehrlinge. Wer die Berufsschule nicht ernst nehme, fliege raus. Gern wolle er den rotblonden Jungen mit dem kindlichen Gesicht ausbilden. Der solle sich das Angebot durch den Kopf gehen lassen.

Was gab es da zu überlegen? Am nächsten Tag vereinbarte der Jugendliche einen Termin zur Vertragsunterzeichnung. Diesmal konnte ihn seine "Mutti", wie er sie nennt, nicht begleiten, aber sein zukünftiger Lehrherr schien sowieso wenig von elterlicher Anwesenheit zu halten. Überpünktlich traf Enrico ein. Kresslick erklärte, sie müssten noch auf den Lehrausbilder warten, der sich wegen eines Unfalls verspäte. Ob sein Besucher derweil einen Film gucken möchte, habe der grauhaarige Mann gefragt und zwei, drei DVDs mit Actionfilmen eingelegt. "Die haben nicht funktioniert", sagt der junge Zeuge, schwitzend vor Aufregung. Es habe erst geklappt, als es der Angeklagte mit einem Porno versuchte.

"Das bleibt unter uns"

Nun lümmelte sich sein Gegenüber telefonierend auf dem Bett. Enrico beschlich ein ungutes Gefühl: "Er hatte einen am Telefon, den hat er mir gegeben." Vom Mann am Hörer erfuhr der Jugendliche: "Er habe gehört, dass ich cool drauf sei, er würde sich auch gern mit mir treffen."

Spätestens jetzt hätte ein Erwachsener das miese Spiel durchschaut, doch Enrico hoffte auf seinen Ausbildungsplatz. Er hoffte noch, als sich sein Gegenüber erhob, das Licht ausmachte und die Jalousie herunter zog. Dann griff Kresslick ihm zwischen die Beine, zog dem Überrumpelten die Hose herunter und nahm dessen Penis in den Mund. Entgeistert sagte der Minderjährige, er sei doch nicht wegen so etwas hier. Das beeindruckte seinen Peiniger nicht.

"Ich war total starr, wie unter Schock", sagt er vor Gericht. Erst als der Täter von ihm abließ, traute er sich zu gehen. "Das bleibt unter uns", hörte er zum Abschied. Beim nächsten Mal könne er sich 50 Euro abholen - für die Wartezeit.

Keine Vergewaltigung, kein Missbrauch - nur eine Beleidigung

Unter Tränen schilderte er seinen Eltern das Vorgefallene. "Die Zeit danach war nicht schön", sagt seine Mutter, eine bodenständige Frau mit Brille und blondiertem Haar. Hatte Enrico vor diesem Septembertag schon sexuelle Erfahrungen gemacht? "Mit Mädchen", meint seine Mutter. Ob er mit denen mehr als nur knutschte, weiß sie nicht.

Ihr Sohn wollte damals am liebsten alle Klamotten verbrennen, die er bei der Vergewaltigung trug. Wochenlang verkroch er sich in seinem Zimmer, heulte nachts und schrie in seinen Alpträumen. Sein Äußeres veränderte er radikal: Er ließ sich die Haare zum Iro stutzen sowie Piercings in Unterlippe und Augenbraue stechen. Seine Mutter weiß, warum: "Er will älter und gefährlicher aussehen."

In welche juristische Schublade gehört das Geschehen? Eine Vergewaltigung mit einer Mindeststrafe von drei Jahren sei es nicht, meinte die Staatsanwaltschaft: Das Opfer wehrte sich zu wenig. Man entschied sich auch gegen eine Anklage wegen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, der mit maximal fünf Jahren Haft bestraft werden kann: Zwischen Enrico Wenig und Uwe Kresslick bestand noch kein Lehrvertrag. Darum klagte man eine Beleidigung an. Weil die Ankläger dem Jugendlichen gern die Aussage als Zeuge ersparen wollte, probierten sie es mit einem schriftlichen Urteil. Doch der vielfach vorbestrafte Betrüger, der knapp vier Wochen vor der Tat aus dem Gefängnis entlassen worden war, legte Einspruch ein.

Die Hoffnung auf eine Lehrstelle ausgenutzt

Seine Verteidigerin versichert, ihr Mandant räume zwar den Oralverkehr ein, habe aber nicht das Alter des Jungen gekannt. Dabei stand Enricos Geburtsdatum auf dem Deckblatt seiner Bewerbungsmappe! Die habe sich der Angeklagte höchstens fünf Minuten angeschaut, erklärt die Verteidigerin in ihrem Plädoyer. Auch die mütterliche Begleitung besage nichts. Die Verteidigerin stellt sich 200 Euro Geldstrafe (40 Tagessätze) vor.

Es ist eine schwache Antwort auf die Argumente der Staatsanwältin: Das Opfer habe "wahrlich nicht wie ein erwachsener Mann gewirkt", sagt sie. "Er hat ihn erniedrigt, gedemütigt und zum Opfer seiner Begierde gemacht – eine Beleidigung, wie man sie sich schlimmer nicht vorstellen kann." Voller Hoffnung sei Enrico zum Angeklagten gegangen und habe viel zu lange Sachen mitgemacht, die er nicht wollte. An dieser Stelle schnieft der 17-Jährige leise in sein Taschentuch. Sechs Monate Haft fordert die Staatsanwältin, selbstverständlich ohne Bewährung.

Dem folgt der Richter ausnahmslos. Besonders übel nimmt er dem Angeklagten, dass er Enrico nach der Tat anbot, sich beim nächsten Besuch 50 Euro abzuholen: "Das hat die Herabwürdigung noch verstärkt."

Mit diesen Worten ist die Angelegenheit nicht beendet. Kresslick geht in Berufung und Enrico muss wieder schlaflose Nächte verbringen, weil er sich an die Dinge erinnern muss, die er so gern vergessen würde. Wenigstens eine neue Lehrstelle hat er inzwischen gefunden, er wird jetzt Tischler.

* Namen von der Redaktion geändert