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Icke muss vor Jericht Der Schein des Anstoßes

500 Euro und ein dubioser Doppelgänger: seit drei Jahren sitzt der ehemalige Polizist immer wieder auf der Anklagebank
500 Euro und ein dubioser Doppelgänger: seit drei Jahren sitzt der ehemalige Polizist immer wieder auf der Anklagebank
© Colourbox
Ein 500-Euro-Schein wartet im Fundbüro auf seinen Verlierer. Es meldet sich jemand – vermutlich ein Polizist, der durch seine Tätigkeit von dem Geldfund erfuhr. Versuchte der Beamte, das Geld zu ergaunern oder missbrauchte jemand seinen Ausweis?
Von Uta Eisenhardt

Ein 500-Euro-Schein veränderte das Leben von Martin Weiss*. Vor der Sache mit dem Geld war der ehrgeizige Polizeibeamte auf eine Karriere abonniert. Danach aber wurde er vom Dienst suspendiert und sucht sich des Verdachts zu erwehren, er sei ein Betrüger, einer, der dienstliches Wissen nutzt, um 500 Euro zu ergaunern.

Bereits das dritte Mal steht der 34-Jährige deswegen vor Gericht. Das erste Mal sprach ihn eine Amtsrichterin aus Mangel an Beweisen frei, den zweiten Prozess verdankte er der Berufung der Staatsanwaltschaft, die beim Landgericht eine Verurteilung von 30 Tagessätzen Geldstrafe erwirkte. Das Oberlandesgericht verwarf dieses Ergebnis, nun kommt es zu Prozess Nummer drei. Zuvor bietet das Gericht die Einstellung des Verfahrens an. Die Tat läge lange zurück, es sei ja auch kein Schaden entstanden. Doch der mittelblonde Sportliche mit dem Allerweltsgesicht, in dem nur die leuchtend blauen Augen auffallen, will rehabilitiert werden, er will einen Freispruch.

Weiss gegen Weiss

Berlin, Galerie Lafayette im Juni 2007. Eine Kundin findet einen 500-Euro-Schein. Sie gibt ihn auf einer Potsdamer Polizeiwache ab. Hier arbeitet Martin Weiss als Wachdienstführer. Als solcher verwahrt er auch die Fundsachen. Dazu gehört auch jener Geldschein, der nach fünf Tagen von den Beamten zum Fundbüro geschafft wird. Das befindet sich beim Potsdamer Bürgeramt.

Dort meldet sich zwei Wochen später der angebliche Verlierer. Zum Beweis nennt er die Nummer des Scheins, den habe ihm seine Oma geschickt. Er überreicht der Mitarbeiterin des Fundbüros, Renate Leidel*, einen Ausweis auf den Namen "Martin Weiss". Doch sie kann das Geld nicht herausgeben - dafür braucht es erst eine unterschriebene Auszahlungsanordnung der Leiterin des Fundbüros. Die ist aber gerade nicht im Haus. Der angebliche Verlierer will in ein paar Tagen wieder kommen.

"Nicht jedem hat sein Auftreten gefallen"

´Eine Viertelstunde später erzählt Renate Leidel ihrer Chefin vom Ansinnen des Besuchers. Als sie dessen Namen nennt, stutzt die Leiterin von Fundbüro und Bürgeramt: Martin Weiss? Der war doch erst gestern in einer anderen Angelegenheit bei ihr. Der arbeitet bei der Polizeiwache, von der auch der 500-Euro-Schein kam! Die Leiterin wittert den Betrug und informiert die Polizei. Unterdessen klingelt das Telefon: Es ist Martin Weiss, der fragt, ob er seinen Ausweis am Vortag im Bürgeramt liegen gelassen habe.

Ist es ein Zufall, dass er den Verlust seines Ausweises bemerkt haben will, kurz nachdem mit diesem Dokument eine Straftat begangen werden sollte? Für den Verdächtigten ist der Anruf beim Bürgeramt nur logisch, nachdem er seinen Ausweis vermisste und ihn weder auf der Wache noch zu Hause fand.

Er glaubt, ein Kollege könnte seinen Ausweis missbraucht haben. Jedem der 50 Beamten, die auf der Wache arbeiteten, war das Fundbuch zugänglich. Der 500-Euro-Schein "war Wachengespräch, das wussten alle", erzählt sein ehemaliger Vorgesetzter, ein schwitzender Dicker, der kaum verhehlt, wie wenig er seinen früheren Mitarbeiter mochte. Martin Weiss bekleidete eine Sonderstellung, er sollte sich in der Wache Praxiswissen für den höheren Dienst aneignen. "Nicht jedem hat sein Auftreten gefallen. Er hat aus seinem Wissensstand kein Geheimnis gemacht", sagt der Ex-Chef über den Angeklagten, den er sich diplomatischer und kompromissbereiter gewünscht hätte.

Der stechende Blick

Sah einer der Kollegen dem Angeklagten so ähnlich, dass er den Coup mit dem Ausweis wagen konnte? "Ähnlich ja", sagt Martin Weiss, "aber kein Doppelgänger." Ein Wachdienstführer aber glich ihm in Aussehen und Statur: "So wie man auch mich beschreiben würde." Doch das Gericht lädt weder den Benannten noch die Männer, die im fraglichen Zeitraum an den Ausweis ihres Kollegen hätten gelangen können.

Es vertraut auf die Aussage der Mitarbeiterin des Fundbüros, die nicht einmal mitbekam, dass der Ausweis, den sie so gründlich betrachtet haben will, schon seit Monaten ungültig war.

Kurz nach der Tat war Renate Leidel vernommen worden. Der Beamte zeigte ihr eine Galerie mit Fotos junger Männer, das ein zehn Jahre altes Bild von Weiss enthielt. Da schwankte die Zeugin unter zwei Fotos. Am nächsten Tag kam der Kriminalist noch einmal ins Fundbüro. Nun habe er eine neue Galerie mit einer ganz aktuellen Aufnahme von dem Beschuldigten! Und siehe da, Frau Leidel tippte auch tatsächlich auf das Konterfei von Martin Weiss. Vielleicht weil sie ihn inzwischen mehrmals auf Fotos gesehen hatte? Vielleicht, weil sie vorher im ihr zugänglichen Computer des Landeseinwohnermeldeamtes nachgeschaut hatte? Renate Leidel weist das von sich: Sie erkenne den Angeklagten an seinem stechenden Blick!

"Ich war es nicht"

"Ich war es nicht", sagt Martin Weiss zum dritten Mal vor einem Gericht. "Hätte ich einen Fehler gemacht, hätte ich die Größe gehabt, ihn einzugestehen. Oder meinen Sie, es macht mir Spaß, drei Jahre lang immer wieder auf der Anklagebank zu sitzen und hinterher meinen Namen in der Zeitung zu lesen?"

Doch er, der so viel Hoffnung in die Fragen der Richterin gesetzt hatte, wird enttäuscht. Mit starrer Miene nimmt er zur Kenntnis, warum er ein Betrüger sein soll. Es bleibt unklar, wie die Vorsitzende darauf kommt: Folgt man der Aussage von Renate Leidel, vergingen elf Minuten zwischen der Verabschiedung des angeblichen Verlierers im Fundbüro und Weiss' Anruf von seinem Festnetzanschluss. Die reichen nicht aus für den Fußweg vom Bürgeramt zum Auto, die Vier-Kilometer-Fahrt durch eine mit Baustellen verstopfte Innenstadt und das Parken in einer mehrstöckigen Garage. Die Richterin setzt sich über dieses Problem hinweg, nimmt eine überhöhte Fahrgeschwindigkeit des Angeklagten an und korrigiert die Zeitangabe der Kronzeugin zu Lasten von Martin Weiss.

Wieder wird er zu 30 Tagessätzen Geldstrafe (1500 Euro) verurteilt, wieder wird seine Verteidigerin Revision beantragen. Er wird weiterhin vom Dienst suspendiert bleiben und nicht wissen, wie seine berufliche Zukunft aussieht. Womit er seine Zeit verbringe, erkundigte sich die Richterin zu Beginn der Verhandlung. Dazu wollte der Vater von zwei kleinen Töchtern nichts sagen: Er darf keine neue Ausbildung beginnen, er muss er sich seinem Arbeitgeber zur Verfügung halten.

Über den 500-Euro-Schein freute sich nur die Finderin: Nach Ablauf der Lagerungsfrist durfte sie das Geld vom Fundbüro abholen.

* Name von der Redaktion geändert


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