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Icke muss vor Jericht: Ich knack dir ein Schloss

Zwei Freunde wollten die Tür zu einer Bäckerei aufbrechen. Taten sie das, um die Tageseinnahmen zu erbeuten oder testeten sie vielmehr ihre Fähigkeiten im Schlösserknacken, wie sie vor Gericht behaupten?

Von Uta Eisenhardt

Eine Wette oder ein gewöhnliches Verbrechen? Die Angeklagten jedenfalls sind versierte Schlossknacker

Eine Wette oder ein gewöhnliches Verbrechen? Die Angeklagten jedenfalls sind versierte Schlossknacker

Die Tür fiel zu, der Schlüssel steckte im Zündschloss. Als Marc Kern* zu seinem Auto zurück kam, stellte er fest, dass sich die Türen inzwischen selbst verriegelt hatten. Seine Autowerkstatt schickte ihm einen lustigen Mann mit Raucherstimme und wehendem, dunkel gefärbten Haar: Karl Noack*, der Mann für verschlossene Türen.

„Ich mach alles auf“, verriet er dem staunenden Kunden. Dieses Thema war dann Dauerbrenner zwischen dem großen, tätowierten Kern, 47, und dem kleinen, rundbäuchigen Noack, 62. Es soll zwei Jahre später zu einer Wette geführt haben: Schafft es Karl, innerhalb von zehn Minuten eine dicke Stahltür mit zwei Schlössern zu öffnen? Wegen des Kicks, so Marc Kern, sollte der Test unter der Nerven-Belastung eines echten Einbruchs stattfinden: In einer Novembernacht 2009, um ein Uhr, an der alten Feuerschutztür einer Bäckerei-Filiale. Eine halbe Stunde später wurden die beiden festgenommen - einem Nachbarn war der große Sportliche aufgefallen, der ständig um die Hausecke lugte.

Ein Youtube-Video als Ausrede

Auf der Anklagebank versuchen die Freunde nun, das Gericht zu überzeugen, dass es ihnen niemals um die etwa 1200 Euro Tageseinnahmen gegangen sei, die hinter der Tür in einem schweren Tresor lagerten. Ausgangspunkt für den missglückten Einbruch sei ein Beitrag der Sendung „Extra 3“ gewesen, den Marc auf youtube gefunden habe. Darin berichtete man über Geldschrank-Spezialisten, die behaupteten, nur ihre Tresore seien sicher - die der Konkurrenz dagegen bestünden aus „Kuchenblech“ und würden sich leicht öffnen lassen.

Die „Extra 3“-Redakteure wollten sich das beweisen lassen und dokumentierten das klägliche Scheitern der Möchtegern-Panzerknacker, die nach über fünfstündiger Trennschleifer-Arbeit den Tresor der Konkurrenz zwar immer noch nicht geöffnet hatten, aber mit abnehmender Überzeugung verkündeten, sie stünden „im Prinzip kurz davor“. Der lustige Film verfehlt auch im Gerichtssaal seine Wirkung nicht: „Das ist ja großartig!“, amüsiert sich der Richter. Als er das Video damals sah, habe sich Karl Noack, ein mehrfach vorbestrafter und - wie er sagt - „handwerklich versierter“ Einbrecher, an der Ganovenehre gepackt gefühlt. Er würde sich nicht so dumm anstellen. Von einem Bekannten besorgte er sich „das Werkzeug, mit dem ich noch gelernt habe, umzugehen.“ Zwei Monate später rief er Marc an und bestellte ihn zur Hinterhoftür einer Bäckerei. Die werde seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt. Das wisse er, weil dort vor Jahrzehnten eine Schusterei residierte und er mit den Söhnen des Inhabers befreundet war.

Werkzeug deutet auf Einbruch

Marc habe die ganze Aktion nicht ernst genommen, erinnert sich der Ältere. Als sie sich der Tür näherten, sei er „wie ein Trampeltier über eine große Metallplatte gestolpert“ und habe darüber gelacht. Mit Handschuhen und übergezogener Sturmhaube traf der Einbrecher seine Vorbereitungen „für die berühmte Korkenzieher-Methode“, wie er dem Gericht erklärt. „Drei Minuten pro Türschloss“ hätte er wahrscheinlich gebraucht. Marc sollte die Zeit stoppen.

Die Polizei war schneller: Karl Noack hatte gerade die Schlösser mit Fett ausgespitzt und eine selbstschneidende Zugschraube in den Zylinder eingedreht. Neben der Tür stand eine Ledertasche, in der sich unter anderem ein Schlossabzieher, ein Maul- und ein Baustellenschlüssel befanden.

Auch bei Marc wurden die Beamten fündig: In seinen Taschen steckten ein Multitool, Handschuhe und Sturmhaube, in seinem 250 Meter entfernten Auto lagerten drei Taschen mit Werkzeug und ein Elektroschweißer. Mit letzterem habe er seinen Auspuff reparieren wollen, erklärt der gelernte Zimmermann.

Eine Frage des Glaubens

„In dieser Geschichte geht es darum, ob man den Angeklagten glaubt oder nicht“, sagt die Staatsanwältin. Sie jedenfalls könne sich nicht vorstellen, dass der 15-fach vorbestrafte Karl Noack, der wegen Fahren ohne Führerscheins unter Bewährung stand, die ihm angedrohten sechs Monate Haft riskierte, „nur um im Umfeld als der tolle Panzerknacker da zu stehen.“ Ihrer Meinung nach, sei die Wette nachträglich erfunden worden, sonst hätte man das doch bei der Festnahme erwähnt.

Im Gegensatz zur Anklägerin streben die Verteidiger eine Verurteilung wegen Sachbeschädigung an, Karl Noack hofft auf eine erneute Bewährungsstrafe. Es sei lebensfremd, sein Einbruchswerkzeug 250 Meter entfernt im Auto zu lagern, sagt Marc Kerns Anwältin: „Man will die Sache doch schnell hinter sich bringen!“

Karl Noacks Verteidiger hält eine Bäckerei-Filiale für kein besonders lohnendes Einbruchsobjekt. Im Übrigen aber sei für seinen Mandanten „Vernunft nicht der zweite Vorname“. Er riskiere eben den Widerruf einer Bewährung, wie er öfter mal verrückte Sachen mache: So sei der schokoladensüchtige Mann kurz vor Weihnachten 2002 bei der Firma „Rausch“ eingebrochen, um Konfekt-Spezialitäten zu stehlen - für sich und seine Freunde.

Der Richter spricht von "Bullshit"

Der Richter kann sich „beim besten Willen nicht dazu überwinden, den Angeklagten zu glauben. Das ist Bullshit.“ Die Wette sah vor, ein kompliziertes Schloss zu öffnen. „Mir erschließt sich nicht, warum man das zwingend nachts in Einbrecherkleidung erledigen muss und nicht tagsüber auf einem Sportplatz.“ Und warum stand Marc Kern Schmiere und nicht staunend neben Schlossknacker Karl?

Obendrein meint der Vorsitzende, den Einbrecher an seiner Ganovenehre überführt zu haben: Karl Noack habe ihm erklärt, die Schlösser seien alt, die würde keine Versicherung mehr akzeptieren. „Dieses minderwertige Schloss war keine Herausforderung, damit würden Sie doch Ihren Freund behuppen! Das traue ich Ihnen nicht zu“, argumentiert der Richter. Er glaubt vielmehr, die beiden hätten erst nachschauen und später das passende Werkzeug aus dem Auto holen wollen.

Ein Jahr soll Karl Noack in Haft, zusammen mit der widerrufenen Bewährungsstrafe sind das 18 Monate. Für Marc Kern werden zehn Monate Haft zur Bewährung verkündet. Außerdem soll der tätowierte Rocker 300 Stunden gemeinnützig arbeiten.

Karl Noack überrascht diese Entscheidung nicht. Die freundlichsten Richter fällen immer die härtesten Urteile, sagt der erfahrene Angeklagte auf dem Flur: „Diese Gutmenschen müssen ja die Bösen aus ihrer Welt aussortieren.“

* Namen von der Redaktion geändert

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