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Icke muss vor Jericht: Im Namen des Bruders

Ein Krimineller wird nach seiner Haftstrafe immer wieder unsanft an seine Vergangenheit erinnert und beschließt deshalb, seine Identität zu wechseln. Diese Idee bringt ihn wieder zurück ins Gefängnis.

Zum sechsten Mal in seinem Leben sitzt Joachim Besser* auf der Anklagebank: Beim ersten Mal war er 27 Jahre alt und hatte eine Bank überfallen. Acht Jahre Haft waren die Quittung dafür. Es folgten zwei kleinere Verkehrssünden, fünf Jahre später eine Untreue und weitere fünf Jahre später ein Betrug, der ihn für zehn Monate ins Gefängnis brachte. Zwei Jahre nach seiner letzten Verurteilung geht es nun um gewerbsmäßigen Betrug und Urkundenfälschung: Joachim Besser war in die Rolle seines jüngeren Bruders geschlüpft, um seiner kriminellen Vergangenheit zu entfliehen. Am Ende beschert ihm diese Idee einen Haftzuschlag von rund zwei Jahren.

Nicht leicht, einen Job zu finden

Nach seiner ersten Haftentlassung im Jahre 1997 war der Heizungsinstallateur und Elektroniker bei verschiedenen Zeitarbeitsfirmen angestellt. Es sei schwer für Vorbestrafte, einen Job zu finden, weil man dem zukünftigen Arbeitgeber von der kriminellen Vergangenheit berichten müsse, sagt der unscheinbare, dunkelblonde Mann. Sein Gesicht ist blass im Vergleich zu den vielen Urlaubsrückkehrern, die das Gerichtsgebäude bevölkern. Das zitronengelbe T-Shirt, das der 47-jährige Häftling an diesem heißen Spätsommertag trägt, lässt es noch blasser wirken.

Zwei Mal wurde in den Firmen, an die er ausgeliehen worden war, etwas gestohlen. Beide Male habe ihn sein Arbeitgeber mit dem Hinweis auf seine Vorstrafen fristlos entlassen. Nachdem die Diebstähle aufgeklärt waren, hätte man dem gut vermittelbaren Fachmann stets die Wiedereinstellung angeboten. Beim zweiten Mal habe er dies abgelehnt: "Das ist so unangenehm, da zu sitzen. Das wollte ich nicht noch einmal", sagt Joachim Besser vor Gericht.

Eine Affäre mit Folgen

Er meinte damals, einen besseren Weg gefunden zu haben. Ein Kumpel hatte ihm geraten: Arbeite doch einfach unter einem anderen Namen! Mit der Identität seines alkoholkranken Bruders eröffnete Joachim Besser eine Versicherungsagentur. "War ein schwerer Fehler", sagt er heute zu dieser Idee.

Im November 2003 bewarb er sich erfolgreich für den Außendienst bei der Berliner Regionaldirektion einer Versicherung. Dazu musste er ein Führungszeugnis vorlegen, zwei Lebensläufe, eine Passkopie sowie die Auskünfte des Gewerbezentralregisters und der Schufa. Die 145 "H. Besser"-Unterschriften, die er unter seine Bewerbungs- und Kündigungsschreiben sowie diverse Verträge über Renten-, KFZ-, Reise- und Unfallversicherungen setzte, gelten als gewerbsmäßige Urkundenfälschungen und Betrug. Den Versicherungen entstand dabei kein Schaden: Alle Verträge hatte er ordnungsgemäß weiter geleitet.

Sein Bruder profitierte ebenfalls von dieser Lösung. "Dem habe ich Geld gegeben", sagt der Angeklagte. Letztlich stolperte er über ein 30.000-Euro-Darlehen, das ihm eine Frau gewährt hatte, die ihn unter dem Vornamen "Hans-Jürgen" kannte. Von dem Geld hatte der überschuldete Mann seine Versicherungsagentur eingerichtet. Als die Affäre mit seiner Darlehensgeberin ohne nennenswerte Rückzahlungen endete, zeigte sie ihn an. Der echte Hans-Jürgen wurde zur Polizei zitiert, wo er die Schuld wahrheitsgemäß auf seinen älteren Bruder schob. Der wurde deswegen im April 2007 zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Seit Juni sitzt er diese ab.

Zwei Stunden dauert der bislang letzte Prozess gegen den Betrüger. Das ist kurz für eine Verhandlung vor dem Landgericht. Die meiste Zeit nimmt das Verlesen der Anklage ein, die Joachim Besser mit einem knappen Satz bestätigt. Dann widmet sich das Gericht der Frage, woher einer kommt, der so etwas tut. Stichpunktartig wird ein wenig geglückter Lebenslauf umrissen. Lediglich eine höhere Intelligenz unterscheidet den Angeklagten von anderen Schicksalsgenossen. Als Fünfjähriger wird er von seinem Stiefvater missbraucht und kommt in eine Pflegefamilie. Sein jüngerer Bruder Hans-Jürgen wird schon als Kleinkind in einem Heim untergebracht, "weil er schwierig war", wie sich Joachim Besser erinnert.

Drei Ausbildungen, dreimal Vater, dreimal Haft

In der Pflegefamilie lebten vier Kinder, zwei leibliche und ein weiteres Pflegekind. Doch mit 16 Jahren ging Joachim Besser freiwillig in ein Kinderheim, weil es in der Pflegefamilie "nicht so schön" war, wie er die Situation freundlich umschreibt. Als er 17 Jahre alt war, traf er seinen Bruder Hans-Jürgen wieder. Drei Ausbildungen absolvierte der Angeklagte, eine als Koch, eine als Heizungsmonteur und eine als Elektroniker. Alle drei beendete er vorzeitig. Vor zwei Jahren heiratete er zum dritten Mal, vor einem Jahr wurde er zum dritten Mal Vater. Vor Gericht geht es nun um seine dritte Haftstrafe.

Wenn er die abgesessen hat, will Joachim Besser, der seit seiner letzten Hochzeit den Namen seiner Frau trägt, endlich in seinem neuen Leben ankommen. Der Anfang sei gemacht, erläutert er dem Gericht: Er sei mit seiner Familie von Berlin nach Brandenburg in ein kleines Häuschen gezogen. Von Oktober 2008 bis zu seinem Haftantritt habe er als Angestellter Dächer und Fassaden verkauft. "Mein Chef weiß von allem", sagt der Angeklagte. Er sei froh, alles hinter sich lassen und legal arbeiten zu können: "Das war ein unheimlicher Druck. Es ist ja auch nicht normal, dass man unter einem fremden Namen arbeitet."

"Eine doofe Idee"

Für die neue Haftstrafe sollen der bereits mit zehn Monaten bestrafte Darlehensbetrug und der Identitätsbetrug zusammengefasst werden. Die Staatsanwältin fordert insgesamt drei Jahre Haft. Die Verteidigerin spricht von "einer doofen Idee", die ihr inzwischen "radikal gewandelter" Mandant umgesetzt habe. "Er hat das angezettelt, um eine Arbeit zu haben", sagt sie und schlägt eine Strafe von zwei Jahren und sechs Monaten vor.

Das Gericht entscheidet sich für die Mitte: Zwei Jahre und neun Monate sollen es sein. Noch während der Richter erläutert, dass Joachim Besser gegen das Urteil in Revision gehen könne, ruft der erfahrene Angeklagte laut und vernehmlich "Rechtsmittelverzicht" in den Saal. Er freue sich zwar darüber, sagt der Richter. Doch habe sich die Rechtsprechung vor wenigen Tagen geändert. Die Angeklagten können nicht mehr im Sitzungssaal zu Protokoll geben, dass sie mit dem Urteil einverstanden seien. Es habe wohl Fälle gegeben, in denen sich die Verurteilten zum Rechtsmittelverzicht genötigt fühlten.

Hoffentlich wird Joachim Besser nicht auf dieses neue juristische Fachwissen zurück greifen müssen.

* Name von der Redaktion geändert

Uta Eisenhardt
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