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Icke muss vor Jericht: Mord auf dem Recyclinghof

Ein junger Mann wächst ungeliebt auf, Schelte und Prügel begleiten seine Kindheit. Wut und Hass brennen in ihm, er betäubt sie mit Computerspielen. Bis er eines Tages aus nichtigem Anlass einen Mord begeht.

Von Uta Eisenhardt

Nachdem er sie vergewaltigt hat, erstach der Angeklagte das Opfer

Nachdem er sie vergewaltigt hat, erstach der Angeklagte das Opfer

Wie immer spielte er vor der Arbeit Computer, diesmal machte er Jagd auf Terroristen. Dann fuhr er zur Nachtschicht auf den Recyclinghof. Er sollte Abfall zum Schredder transportieren. Doch gleich zu Schichtbeginn verhedderte sich ein Draht in seinem Gabelstapler. Er schnitt ihn mit seinem Messer frei. Dabei ritzte er sich in den Finger. Er habe sich sowieso schon "Scheiße gefühlt" an diesem Januartag. Jetzt aber, wo er auf sein Blut sah, stieg die Wut in ihm hoch. "Da war ich plötzlich auf 180", sagte der 24-Jährige später einem Psychiater. Er dachte an seine Kindheit, an Lieblosigkeit, Demütigungen und Prügel. "Ich habe gedacht, es müsste doch ein geiles Gefühl sein, jemanden zu töten."

Schmal und blass ist Sven Hermann*, weich sein Gesicht, ohne sichtbare Bartstoppeln. Ernst blickt er im Verhandlungssaal diejenigen an, die ihn fragen, die ihm Vorhaltungen machen und sogar diejenigen, die ihm Schlechtes wünschen.

"Es hätte jeden treffen können"

"Ich soll das gemacht haben", schrie Sven Hermann während seiner Vernehmung, als man ihn beschuldigte, Nicole Jansen* ermordet zu haben. Bis heute habe sein Mandant nicht verstanden, warum er die Tat beging, sagt sein Anwalt. Darum ließ sich der Mann, der seine Gefühle nur schwer artikulieren kann, von einem Psychiater untersuchen. Ihm schilderte der Angeklagte auch die Ereignisse jener Mordnacht.

Das Ergebnis trägt der Gutachter nun dem Gericht vor: Mit dem Messer in der Hand habe Sven Hermann damals nach einem Opfer gesucht. "Es hätte jeden treffen können", habe der Mörder gesagt - auch einen Mann. Die kleine Blondine arbeitete in einer Schicht mit seiner Mutter, er kannte die 26-Jährige nur vom Sehen. Sie schloss gerade ihren Spind und wollte nach Hause gehen, als er sich an sie heranschlich. Er riss sie zu Boden, hielt der Schreienden den Mund zu, schlug der Beißenden mit der Faust ins Gesicht und gegen den Oberkörper.

Mit seinem Schal würgte er sie bis zur Bewusstlosigkeit, fesselte ihre Arme und Beine und knebelte sie. Als er Stimmen von Kollegen hörte, die ihn suchten, ging er zum Schredder und warf ein paar Ballen hinein. Noch immer habe er sich wütend gefühlt. Darum ging er wieder zu seinem Opfer, das mit letzter Kraft einige Millimeter weg gekrochen war.

Geschlagen, vergewaltigt und ermordet

Ihm fiel ihm ein, dass sie ein Handy bei sich haben könnte. Er durchsuchte sie, schaute unter ihren Pullover und wühlte in ihren Hosentaschen. Sein Blick fiel auf ihre Brüste und ihren Slip, den er herunterzog. Ihr Anblick erregte ihn. Er vergewaltigte sie von vorn, dann von hinten. Zum Schluss stach er ihr mit dem Messer in den Rücken - durch Lunge und Herz. Nicole Jansen verblutete. Er habe Triumph gespürt, sagt ihr Mörder, gleichzeitig sei er auch enttäuscht gewesen, dass er sie getötet habe. Ihre Strümpfe, ihren Schuh und Rucksack warf er aus dem Fenster. Oberflächlich entfernte er die Blutlache. Ihre Leiche steckte er in eine Mülltüte, lud sie auf einen Radlader und versenkte sie in einem Container, der in wenigen Tagen das Gelände verlassen sollte.

In der Pause entdeckten die Kolleginnen das Blut in der Toilette. Sie dachten an eine Fehlgeburt, an einen handgreiflichen Streit, nicht aber an einen Mord. Erst als Nicole Jansen bei der nächsten Schicht fehlte, informierten die Mitarbeiter die Polizei. Die Beamten gingen nach der Besichtigung des Tatortes von einem Verbrechen aus. Sie vermuteten das Opfer auf dem Gelände und ließen auch jenen Container ausschütten. Unter Bergen von Draht und Plastik entdeckten sie die tiefgefrorene Leiche. Sie befragten die Mitarbeiter - auch Sven Hermann, der sich in Widersprüche verstrickte und schließlich gestand.

Die Justiz kannte ihn bereits, aber nicht als Gewalttäter. Er hatte gestohlen und dafür eine Bewährungsstrafe bekommen. Weil er sich nicht bei seinem Bewährungshelfer gemeldet hatte, verbüßte er neun Monate im offenen Vollzug. Tagsüber arbeitete er auf dem Recyclinghof, nachts massierte er stundenlang seine Zellengenossen. Die hätten ihn sonst verprügelt, erklärt der Angeklagte. Der schmächtige Mann ist das klassische Opfer.

Er wuchs bei seinen Eltern auf. Als er drei Jahre alt war, trennte sich die Mutter von dem schlagenden Alkoholiker. Sie lernte einen anderen Mann kennen, den habe er gemocht. Irgendwann aber habe auch der ihn wegen Nichtigkeiten geprügelt - mit Gürtel und Hundeleine, sagt Sven Hermann. Er sei das schwarze Schaf gewesen, mit seinen Stiefbrüdern kämen die Eltern besser klar. Seine Mutter habe ihn nicht beschützt, die hätte selbst Angst gehabt. "Warum haben Sie Ihre Wut nicht an Ihrem Stiefvater ausgelassen", fragt sein Anwalt. "Der war kräftiger als ich", antwortet der Angeklagte.

Als Jugendlicher brach er den Kontakt zu seiner Familie ab und zog in eine betreute Wohngemeinschaft. Dort lernte er die Mutter seiner Tochter kennen. Sie überredete ihn, seine Eltern zu besuchen und fand das Familien-Klima "normal", sagt sie dem Gericht. "Da war ja auch Besuch da", erklärt Sven Hermann anschließend. Zwei Jahre später trennte sich die junge Frau, er hätte ihr und ihrer Schwester Geld gestohlen. So verlor er seine einzige Vertraute.

"Da haste dir ´n dolles Ding erlaubt!"

Er zog bei ihr aus und flog aus der nächsten Wohnung, weil er die Miete nicht bezahlte: "Ich habe es nicht auf die Reihe gekriegt, ich konnte nicht mit Geld umgehen", begründet Sven Hermann den Wiedereinzug bei seinen Eltern, wo er im Erdgeschoss hauste. Als die Beamten seine dürftig möblierte Wohnung durchsuchten, war der Boden mit Kleidung, Speiseresten und Hundekot bedeckt. Hier saß er bis zu acht Stunden täglich am Computer, spielte so genannte Ego-Shooter-Spiele, weil er bemerkt hatte, dass diese ihn beruhigen. Manchmal klopfte es von oben an die Heizung, dann musste er hoch zu den Eltern: Ob ihn dort Essen oder Schläge erwarten, wusste er vorher nicht.

Computer spielen, Arbeiten, ein paar Stunden Schlaf - so sah sein Leben aus. Seine Zukunftspläne waren diffus. Er wollte System-Administrator werden, erinnert sich ein Kollege vor Gericht. Ob der schulisch wenig Gebildete das geschafft hätte? Wahrscheinlich glaubte er selbst nicht daran, er wusste nur, dass er der emotionalen Kälte seines Elternhauses nicht entfliehen konnte. Ihm blieb nur der Hass auf seinen Stiefvater, die Wut auf sein sinnloses Leben. Der psychiatrische Gutachter bescheinigt ihm eine schizoide Persönlichkeitsstörung. Die habe seine Hemmschwelle herabgesetzt, krankhaft sei sie aber nicht.

Nach der Tat brachen die Eltern den Kontakt ab. Als seine Mutter den Verhandlungssaal betritt, steuert die kleine, verhärmte Frau mit energischen Schritten am Angeklagten vorbei und zischt ihn an: "Da haste dir ´n dolles Ding erlaubt!" Genervt blickt ihr Sohn zur Seite. Lange muss er ihren Anblick nicht ertragen, sie verweigert die Aussage. Danach, so beobachtet es der Verteidiger, begibt sie sich mit ihrem Mann und einem von Svens Stiefbrüdern ins nächste Cafe. Kichernd habe das Trio Sahnekuchen in sich hinein geschaufelt.

Höchststrafe für den Angeklagten

Abscheulich, abartig, grausam - all diese Worte fallen, wenn das Gericht diesen Mord beurteilt. Sein Mandant denke genauso über seine Tat, sagt der Verteidiger. Er wisse, dass er lebenslang ins Gefängnis muss. Lebenslang, das heißt in Deutschland 15 Jahre Haft. Doch es soll auch über die besondere Schwere der Schuld entschieden werden: Dann wird der Täter erst entlassen, wenn ein Gutachter dessen Ungefährlichkeit bescheinigt. Das ist meist erst nach über 20 Jahren der Fall.

Die besonders schwere Schuld kann etwa festgestellt werden, wenn das Gericht mehrere Mordmerkmale erkennt: Sven Hermann beging seine Tat erstens heimtückisch und zweitens aus Mordlust oder aus Wut und Hass, was der Jurist als niedrige Beweggründe bezeichnet. Diese Umstände kennt das Gericht aber nur aufgrund seines Geständnisses. Es hätte sonst annehmen müssen, dass Nicole Jansen starb, weil der Täter nicht wollte, dass die an ihr begangene Vergewaltigung entdeckt wird. Das entspräche einem Mordmerkmal, niemand hätte über die besonders schwere Schuld diskutiert. Dennoch wird diese im Fall von Sven Hermann bestätigt. Während sonst ein Geständnis die Strafe mildert, hier ist es anders.

Der Richter spricht von einer Chance, die dem Angeklagten in ferner Zukunft möglicherweise einmal gegeben werde. "Es liegt an Ihnen", sagt der Vorsitzende. Sven Hermann nickt ernst.

* Namen von der Redaktion geändert

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