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Icke muss vor Jericht: Sündhaft teure Zähne

Die Damen waren gewitzt, das Amt merkte nichts und nach kurzer Zeit hatte sich der Betrug so eingespielt, dass er zur lukrativen Routine wurde. Mit fingierten Arztrechnungen ergaunerten die beiden in Berlin mindestens 600.000 Euro. Jetzt mussten sie vor Gericht.

Von Uta Eisenhardt

Mit fingierten Arztrechnungen erbeutete die Zahnarzthelferin knapp eine Million Euro

Mit fingierten Arztrechnungen erbeutete die Zahnarzthelferin knapp eine Million Euro

Auf einer Familienfeier wurde die kriminelle Idee geboren. "Es war zunächst nichts Reelles", sagt Michaela Baalcke*. "Es war so dahin gesponnen." Das muss zwischen 2000 und 2002 gewesen sein, genauer will oder kann keine der Angeklagten das erinnern. Aus dieser unverbindlichen Überlegung entstand dem Berliner Landesverwaltungsamt mindestens 600.000 Euro Schaden - tatsächlich ist er wohl größer, nur waren etliche Taten bei ihrer Entdeckung bereits verjährt.

Geknickt sitzen die beiden Frauen vor ihren Richtern und hoffen, mit einer Bewährungsstrafe davon zu kommen: Michaela Baalcke, die 40-jährige, burschikose, lispelnde Blondine muss sich wegen Betruges inklusive Urkundenfälschung, Beihilfe zur Untreue sowie Bestechung verantworten. Bei Astrid Schneider, der 57-Jährigen mit der spitzen Nase, aus deren Gesicht das Vorwurfsvoll-Leidende nicht weichen will, ist es Untreue, Bestechlichkeit und Vereitelung der Zwangsvollstreckung. Der Dritte auf der Anklagebank ist Bernd Schneider, Astrids Mann: Er war von seiner Frau dazu bestimmt worden, ihren Anteil am Familienbesitz zu sichern.

"Ich glaube, wir wollten beide darüber schweigen"

Wie aber gelang der Coup? Die Zahnarzthelferin Michaela Baalcke ist mit einem Justizhauptwachtmeister verheiratet. Der Beamte bekommt 70 Prozent seiner Arztkosten von seinem Dienstherrn ersetzt. Die Anträge dafür reicht er bei der sogenannten Beihilfestelle des Landesverwaltungsamtes ein. Dort arbeitete Astrid Schneider*, seine Tante, zuständig für die Buchstaben A bis G. Seine Frau Michaela Baalcke wiederum besaß von ihrer ehemaligen Chefin noch das Abrechnungsprogramm.

Damit erstellte sie einige Wochen nach der Familienfeier eine Rechnung, die eine Behandlung ihres Mannes behauptete und fälschte dessen Unterschrift. Auf den Umschlag pappte sie einen Klebezettel mit rotem Ausrufezeichen. Das Ganze steckte sie in den Briefkasten von Astrid Schneider. Ein paar Tage später traf das Geld bei der Rechnungsfälscherin ein, die überwies die Hälfte ihrer Komplizin. "Es erstaunte mich, wie leicht es ging", sagt Michaela Baalcke.

Über ihr Tun kommunizierten die beiden Frauen per SMS. "Rechnung ist raus", schrieb die Jüngere. Die Ältere bat zuweilen: "Rechnung?" oder antwortete "Überweisung ist raus." Nach der Feier habe man nie wieder persönlich über die Angelegenheit gesprochen: "Das hat sich keiner getraut", sagt Michaela Baalcke. "Ich glaube, wir wollten beide darüber schweigen."

Eine Million Euro Zahn-Behandlungskosten

Jahre vergingen. Astrid Schneider wähnte sich so sicher, dass sie die falschen Rechnungen sogar von Kollegen bearbeiten ließ. Sie bat die Frau ihres Neffen lediglich, nicht mehr als 5000 Euro und eher konservierende Leistungen anzugeben, keinesfalls aber Implantate, weil diese registriert werden. Sie wusste, dass in der chronisch unterbesetzten Beihilfestelle unter Druck gearbeitet wird und lediglich fünf Prozent der Anträge geprüft werden -durchschnittlich drei bis vier Minuten. Die Rechnungen ihrer Komplizin aber "waren maschinell erstellt und mit Sicherheit plausibel", sagt die ehemalige Verwaltungsangestellte.

Im August 2008 stutzte dann doch eine Kollegin wegen eines winzigen Details - es war die Praxisgebühr, die auf der gefälschten Rechnung unüblicherweise abgezogen war. Da bemerkte man endlich, dass für den Beamten Thorsten Baalcke etwa eine Million Euro Zahn-Behandlungskosten angefallen sein sollten. Kurz darauf registrierte Astrid Schneider, dass die Bearbeitung mehrerer fingierter Anträge gesperrt worden war: "Da wusste ich, dass jemandem etwas aufgefallen ist." Trotzdem der Flurfunk gefälschte Rechnungen vermeldete, besaß sie noch den Mut, sich bei ihrer Chefin zu erkundigen, ob sie bei der Bearbeitung der Anträge etwa einen Fehler gemacht hätte. Ihrer Komplizin schickte sie eine SMS: "Da stimmt was nicht." Michaela Baalcke zerstörte die Festplatte mit dem Abrechnungsprogramm, dann gingen beide Frauen zum Anwalt. "Ich wollte mich sofort stellen", sagt die Ältere. "Die nervliche Anspannung war enorm."

Betrug belastet auch das Ehe-Klima

Der Anwalt riet zum Abwarten, doch die Verwaltungsangestellte wollte handeln: "Man hat mich auf die Idee gebracht...wie das die Schauspieler so machen...dann kann ich das Haus ja meinem Mann überschreiben...", stottert sie. "War blöd." War ziemlich blöd, denn nun geriet auch Bernd Schneider ins Visier der Ermittler. Der 60-jährige, introvertiert wirkende Rentner will den wahren Grund für den Notar-Besuch nicht gekannt haben: Finanzielle Dinge erledige seine Frau. Die habe ihm gesagt, ihre ungeliebte Halbschwester solle nichts erben. Auch Bausparverträge und Kontoguthaben wechselten offiziell von Astrid zu Bernd Schneider.

Nach ihrer Entdeckung kamen beide Frauen für einige Zeit in Untersuchungshaft, für ihre Familien brach die Welt zusammen. "Es war ja nicht nur ein Betrug", sagt Michaela Baalcke in Bezug auf ihren Mann und Vater ihrer Kinder. "Es war ja auch ein Vertrauensbruch." Damals wurde der Arbeitsplatz des Justizhauptwachtmeisters durchsucht. Er musste sich zunächst ebenfalls einem Ermittlungsverfahren stellen, schließlich trugen die fingierten Rechnungen seine Unterschrift. Zuerst habe er sich völlig von seiner Frau zurück gezogen, die eine Trennung befürchtete. Noch immer kämpft er mit Depressionen. "Es war schwierig, aber es wird", sagt die Zahnarzthelferin über das aktuelle Ehe-Klima.

Bernd Schneider sagt, seine Frau habe ihm zunächst berichtet, "es sei auf Arbeit etwas komisch gelaufen." Von dem veruntreuten Geld habe er erst bei der Hausdurchsuchung erfahren. "Mein Mann würde gar nicht auf die Idee kommen, dass ich so etwas machen könnte", sagt Astrid Schneider. Sie beteuert, er habe weder von dem Betrug noch von den wahren Gründen der Hausüberschreibung gewusst. "Mein Mann ist nie misstrauisch", sagt sie. "Er ist anders als viele Männer. Er ist froh, wenn man ihn in Ruhe lässt."

Das Geld ist weg

"Ich kann mir nicht erklären, warum ich das getan habe", sagt die ehemalige Verwaltungsangestellte. Sie schildert ihre frühere Tätigkeit als stressig, stupide und langweilig, die Kollegen als tratschend und gehässig. Sie habe damals viel geweint und gern wechseln wollen, aber keine andere Stelle im öffentlichen Dienst gefunden. Verschafften ihr die Taten und das Geld jene Genugtuung, die ihr der Job nicht bieten konnte? Inzwischen arbeitet sie als Altenpflegehelferin, diese Arbeit mache ihr sehr viel Spaß.

Das Geld jedoch ist weg. Michaela Baalcke führte damals zwei unrentable Babyausstatter: "Da ist viel rein geflossen." Aber mehr als 300.000 Euro? Auch Astrid Schneider ist ratlos. Zusammen mit ihrem Mann verdiente sie 2800 Euro, es fehlte nicht an Geld. "Aber so war es eben mehr, man konnte ein bisschen anders damit umgehen", sagt die Angeklagte. Sie habe "unkontrolliert einkaufen gehen" und hemmungslos Lotto spielen können: Bis zu 2000 Euro kann so ein Systemschein kosten, gewonnen hat sie selten und wenig.

200 Jahre, um die Schulden abzutragen

Keine der beiden Frauen verwendete das Geld, um die Kredite ihrer Wohnhäuser abzulösen. Entsprechend gering ist der Betrag, der durch den geplanten Verkauf beider Häuser zurück gezahlt werden kann. Bislang kratzte Michaela Baalcke etwa 30.000 Euro zusammen, ihre Mittäterin brachte gerade mal 20.000 Euro zurück. Von ihren schmalen Gehältern zahlt jede der beiden Frauen monatlich 100 Euro an das Landesverwaltungsamt. Sie würden etwa 200 Jahre brauchen, um ihre Schulden abzutragen, rechnet die Staatsanwältin aus.

Die Richter schicken Michaela Baalcke für zwei Jahre und acht Monate ins Gefängnis, Astrid Schneider muss sechs Monate länger dort bleiben. Ihr Mann wird freigesprochen, man konnte ihm nicht nachweisen, dass er die volle Wahrheit kannte. Den beiden Frauen rechnen die Richter Geständnis und Reue an, sie halten ihnen auch zugute, wie "erschreckend leicht der Betrug gemacht wurde." Bis zum heutigen Zeitpunkt gibt es im Landesverwaltungsamt "keinerlei Vorkehrungen, um Missbrauch zu verhindern", fasst der Vorsitzende die Aussagen der Zeugen zusammen. Er sagt, die Strafe könne keine zur Bewährung sein: Nicht weil die Frauen so etwas noch einmal tun könnten, sondern weil sie abschrecken müsse: "Schwere Taten müssen auch gesühnt werden."

* Namen von der Redaktion geändert

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