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Icke muss vor Jericht: Vom Spanner zum brutalen Schläger

Ein Spanner ergötzt sich an einer hübschen, duschenden Frau. Er steigt in das Haus ein, in dem das Objekt seiner Begierde schläft und schlägt sie halbtot. Wieso wird ein Spanner zum brutalen Schläger?

Von Uta Eisenhardt

Tangas als Objekt der Begierde

Tangas als Objekt der Begierde

Bis in den Garten drang der Duft nach Duschgel, er haftete lange an der trägen Sommernachtsluft. Durch einen kleinen Jalousie-Schlitz linste der Spanner ins Bad und war entzückt: Eine hübsche, junge Frau, schlank und dunkelhaarig, genau sein Typ! Drei Stunden später schlug Michael Möricke* mit einem schweren, gusseisernen Kerzenständer auf das Haupt der Frau, die er zuvor betrachtet hatte.

Der 38-Jährige ist keine Schönheit: Die Nase des großen Rotblonden ist spitz, seine Augen klein, Kinn und Hals fließen ohne Übergang ineinander. Er habe niemanden verletzen, schon gar nicht töten wollen, beteuert der Angeklagte. Er könne sich nicht erklären, warum er das getan habe. "Ich bin Voyeur", erklärt er vor dem Potsdamer Landgericht. Regelmäßig zog er nachts um die Häuser seines brandenburgischen Wohnorts Beelitz, süchtig nach dem Anblick nackter Frauen.

Eine Szene, wie erträumt

So auch im August vergangenen Jahres. Der arbeitslose Schäfer und Landschaftsgärtner habe nicht schlafen können. Er habe an die junge Frau gedacht, die er Wochen zuvor halbnackt im erleuchteten Fenster ihres Einfamilienhauses gesehen hatte: "Ich wusste, dass sie noch spät wach ist." Tatsächlich brannte Licht im Wohnzimmer. Geduldig wartete der Spanner auf seinen Moment, der sich mit dem Seifenduft ankündigte. "Ich sah die Frau unter der Dusche - eine Szene, wie ich sie erträumt habe", sagt Möricke.

Als Susanne Sonntag* die Dusche verließ, begab sich der Voyeur zur Wäschespindel im Garten. Dort fand er zwei Tangas, die er in seine Arbeitshose steckte. Das Licht im Haus erlosch. Der Spanner entdeckte ein angekipptes Fenster und beschloss, einzusteigen. Er zog sich Gartenhandschuhe an, die er stets in seiner Hose trug. Er fasste durch den offenen Spalt, wirbelte den Griff des Nachbarfensters auf und stieg ein. Im Flur entdeckte er eine Handtasche. Plötzlich hustete die junge Frau. Erschrocken verließ er das Haus - mit der Tasche in der Hand. Auf der Straße durchwühlte er seinen Fund: Nur Bonbons und Visitenkarten der selbstständigen Tagesmutter, kein Foto wie erhofft.

Angst und Panik

Wieder drang Möricke in das Haus ein, in dem Susanne Sonntag und ihre drei kleinen Kinder schliefen. Im Wohnzimmer bewaffnete er sich mit einem gusseisernen Kerzenständer - fast zwei Kilogramm schwer. Er ging ins Schlafzimmer und hieb der bäuchlings Schlafenden damit über den Schädel. Dabei entglitt ihm die Waffe. Sein Opfer erwachte von dem Schlag und rief immer lauter um Hilfe, erklärt der Angeklagte. Angst und Panik befielen ihn. Er tastete nach dem Kerzenständer, fand aber nur eine Müsli-Schale. Damit schlug er weiter auf den Kopf, bis die Schale zerbrach. Dann flüchtete er. Als die Schwerverletzte aus ihrer Bewusstlosigkeit erwachte, spürte sie das Blut in ihrem Nacken, das sich auch nicht unter der Dusche abwaschen ließ. Sie telefonierte mit ihrem Mann, der nachts als Fernfahrer arbeitete. Der rief die Rettung. Im Krankenhaus diagnostizierte man unter anderem einen offenen Schädel-Basis-Bruch. Ein Chirurg nähte die Verletzungen an Kopf, Hals und Fingerkuppe. Die äußerlichen Wunden sind inzwischen verheilt. Doch die Schläge zerstörten das Gehör der 29-Jährigen nahezu vollständig.

Das ganze Leben änderte sich

Tapfer schildert die Tagesmutter dem Gericht, was das für sie bedeutet: "Ich kann nicht telefonieren und wenn mich die Kinder von hinten ansprechen, höre ich es nicht. Ich brauche meine Ohren für meine Arbeit." Sie sei die Hauptverdienerin ihrer fünfköpfigen Familie gewesen. Als das Jugendamt von ihrem Schicksal erfuhr, kündigte man ihr und ihrer Kollegin die Betreuungsverträge - wegen der Gefahr für die Kinder, die man ihnen anvertraut hatte.

Während sich für sein Opfer das ganze Leben änderte, fürchtete Möricke die Entdeckung. Fünf Monate nach seiner Tat wurde er verhaftet: Kriminalbeamte hatten sich über den Tanga-Slip gewundert, der auf dem Boden der aufgeräumten Küche lag. Er musste dem Täter bei seiner Flucht aus der Hose gerutscht sein. Tatsächlich fand man daran die DNA des Mannes, der schon einmal als Stalker verdächtigt wurde.

Warum aber schlägt einer, der nur beobachten will, plötzlich zu? Der psychiatrische Gutachter beschreibt Möricke als selbstunsicher, egozentrisch und leicht reizbar, nicht aber als psychisch krank. In seinem Leben führte er nur eine Beziehung, da war er 20 Jahre alt. Seine Freundin verließ ihn nach einem halben Jahr. Beharrlich, aber erfolglos suchte er eine Nachfolgerin - über Annoncen, Disco-Besuche und eine Partnervermittlung.

Bekennender Fetischist

Seine Sexualität bestand fortan aus Ersatzhandlungen: Er lebte sie mit Prostituierten aus, mit dem Betrachten pornografischer Filme und Fotos. Letztere bewahrte er in 15 Ordnern auf. Regelmäßig stahl der bekennende Fetischist Tangas von diversen Wäscheleinen. "Der Gedanke, die Frau hat ihn getragen", so der Angeklagte, beflügele seine Phantasie.

Susanne Sonntag hatte er nackt gesehen und ihre Slips erbeutet, ihm fehlte nur noch ein Foto von der jungen Frau - für seine Sammlung. Als er diese Trophäe nicht fand, schlug die Enttäuschung in Wut um, wie schon so oft in Mörickes Leben: 1994 schmiss er einen Brandsatz an die Hauswand eines Bordells, weil ihn eine Prostituierte ausgenommen hatte. Drei Jahre später demolierte er das Auto einer Sozialpädagogin: Die hatte er während ihrer Krankheit beschenkt und deren Blumen gepflegt, ohne genug Dank zu ernten. Und 2007 stalkte er eine Kollegin, die ihn seiner Meinung nach zu wenig beachtete.

Grenze überschritten

Dieses Mal habe Möricke eine Grenze überschritten, sagt der Vorsitzende Richter. Er ließ seinen Hass nicht an Gegenständen, sondern an einer ahnungslosen Frau aus. Das ist ein versuchter Mord, heimtückisch und aus niederen Beweggründen begangen. Dafür gibt es 12 Jahre Haft, außerdem soll Möricke seinem Opfer 60.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Schicksalsergeben nimmt der diese Entscheidung zur Kenntnis. * Namen von der Redaktion geändert

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