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Icke vor Jericht: Tierisch verrückt

Im Keller einer Berliner Wohnung findet die Polizei 24 verwahrloste Hunde und zwei Katzen. Die Besitzerin ist eine notorische Sammlerin - ein Tier-Messie. Zum wiederholten Mal muss sie deshalb ins Gefängnis.

Viele Hunde zu besitzen ist legal, doch ihre Haltung muss tiergerecht sein

Viele Hunde zu besitzen ist legal, doch ihre Haltung muss tiergerecht sein

Ihre langen, struppigen Haare sind am Ansatz grau und an den Enden blond, ihr Gesicht ist spitz und eingefallen, ihr Blick wirkt misstrauisch. Im Mittelalter hätte man eine Frau wie Gabriele Schumann* als Hexe gebrandmarkt: Eine, die zurückgezogen und isoliert lebt, sich statt mit Menschen mit einer Vielzahl von Tieren umgibt. Das allein wäre kein Grund, die 48-Jährige auf die Anklagebank zu setzen, doch die Tierhalterin kümmert sich herzlich wenig um Ernährung und Pflege ihrer Schützlinge. Seit 13 Jahren verstößt sie permanent gegen das Tierschutzgesetz und verbrachte deswegen bereits mehrere Jahre im Gefängnis. Nach ihrer letzten Entlassung im Juli 2006 verhängten die Richter ein fünfjähriges Tierhaltungsverbot.

Eingepfercht im eigenen Kot

Im Mai 2008 wurde die Polizei zu einem Keller in Berlin-Kreuzberg gerufen, in dem sich 24 Hunde und zwei Katzen befanden. Unterernährt, verwurmt und verdreckt waren die Mischlings-Welpen, so der tierärztliche Befund. Den Katzen ging es im Vergleich deutlich besser, nur eine von ihnen litt unter abklingendem Schnupfen. Die Tiere wurden ins Heim geschafft, gegen deren Besitzerin ermittelte die Staatsanwaltschaft.

Diese stieß auf eine weitere Wohnung, in der Gabriele Schumann zuvor zur Untermiete gewohnt hatte: Zerkratzte Tapeten sowie Kot auf dem Boden zeugten von den Vierbeinern, die hier gehaust hatten. Unterdessen suchte die Staatsanwaltschaft nach der spurlos abgetauchten Frau. Sie wurde im Februar 2009 in Berlin-Steglitz verhaftet, wo sie sich auf ausdrücklichen Wunsch ihres Vermieters angemeldet hatte. Bei ihrer Festnahme hausten bereits wieder vier junge Hunde und drei Katzen in ihrer Wohnung.

Gassi gehen mit zwei Dutzend Hunden

"Ich bin Messie, Tier-Messie", sagt die Angeklagte mit überraschend sanfter Stimme. Emotionalen Stress kompensiere sie mit der Anwesenheit von Tieren. Den Druck, den sie in der Haft spüre, hätte sie in Freiheit mit 20, 30 Katzen ausgleichen müssen. Die seien ihr lieber als Hunde, die sie nur genommen habe, wenn Katzen nicht verfügbar waren. Um sich und ihre Tiere zu finanzieren, habe sie mit ihnen gehandelt: "Aber wenn ich eines verkauft hatte, dann tat es mir auch schon wieder leid."

Sie habe sich durchaus um Auslauf für ihre Tiere bemüht. Im Keller unter ihrer Kreuzberger Parterre-Wohnung hätte sie vier große Räume für diese abgeteilt. Leider war dort der Zugang zum Garten versperrt und Gassi-Gehen sei nicht möglich gewesen: "Ich wollte nicht auffallen mit 24 kleinen Hunden", sagt Gabriele Schumann. Zum Tierarzt wäre sie auch gegangen, "wenn es nötig gewesen wäre". Flöhe hätten die Tiere jedenfalls nicht gehabt.

"Ich bin ein Ausbeuter-Typ"

Das man sein Zärtlichkeitsbedürfnis mit Tieren befriedigt, kann die Richterin verstehen. Aber reichen dafür nicht zwei? "Bei mir macht es die Masse", sagt die Angeklagte. "Ich kann das schwer erklären." Diese Aufgabe übernimmt ein psychiatrischer Gutachter. Er beschreibt die seltene Gattung der Tier-Messies im Allgemeinen und im Besonderen. Es gäbe unter ihnen den Typ des Pflegers, des Retters, des Züchters und den Ausbeuter. Gabriele Schumann sei ein Mischtyp, meint der Gutachter. "Ich bin ein Ausbeuter-Typ", sagt die Angeklagte über sich selbst - "weil ich zu Tieren keine emotionale Bindung aufbaue." Nur bei einer äußerst anhänglichen Spitz-Mischlingshündin sei dies anders gewesen - sie war der einzige Hund, dem der Tierarzt einen "guten Zustand" bescheinigte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Frau zu einer krankhaften Tier-Sammlerin wurde.

Die Angeklagte hat ihre Hunde zu Dutzenden in Kellern und Wohnungen gehalten

Die Angeklagte hat ihre Hunde zu Dutzenden in Kellern und Wohnungen gehalten

Eine lieblose Kindheit

Der Psychiater beschreibt dem Gericht auch, wie aus der Angeklagten ein Tier-Messie wurde. Diese sei ungewollt als Kind einer 16-Jährigen zur Welt gekommen und bei ihrer Großmutter aufgewachsen, die ebenfalls ein Messie war: Oma sammelte Bettwäsche, die sie unausgepackt im Schrank hortete. Mit acht Jahren kam das schüchterne, introvertierte Mädchen wegen ihrer Kontaktstörungen zu anderen Kindern in die Psychiatrie. Seit dieser Zeit umgab sie sich mit Tieren. Zunächst, weil diese ihr leid taten, so der Gutachter. Allmählich sei dies aber in eine uferlose Sammelwut ausgeartet. Gabriele Schumann, die nie Wärme, Geborgenheit und Zuneigung erfahren hat, empfinde diese Gefühle weder gegenüber ihren Tieren noch gegenüber ihren Kindern: "Die waren ihr mehr oder weniger gleichgültig", sagt der Gutachter. Er vergleicht die Angeklagte mit Don Juan: "Sie sehnt sich nach immer mehr Tieren, weil diese ihr Bestätigung geben."

Die überdurchschnittlich intelligente Frau sei nicht persönlichkeitsgestört, habe aber sehr viele Persönlichkeits-Akzentuierungen, wie die Psychiater die nicht krankhaften Störungen nennen. So sei Gabriele Schumann paranoid, zwanghaft, schizoid, narzistisch und perfektionistisch. Aufgrund der Vielzahl seien die Akzentuierungen so bedeutsam wie eine einzige Persönlichkeitsstörung. Darum sei die Angeklagte vermindert steuerungsfähig, so der Gutachter.

Auf der Suche nach einem Messie-Therapeuten

Gabriele Schumann möchte gern eine Therapie machen. Diese Aufgabe sei für seine Kollegen nicht einfach, meint der Psychiater. Obendrein sei die Angeklagte seit zwei Jahren nicht krankenversichert. Er gibt ihr eine Liste mit Adressen. Gabriele Schumann erzählt dem Gericht von ihrem ersten gescheiterten Therapie-Versuch. Bei der dritten Sitzung hätte die auf Essstörungen spezialisierte Therapeutin kapituliert. "Ich brauche einen Therapeuten für Messie, das ist das Grundproblem", sagt die Angeklagte. Neben Tieren sammle sie auch noch Zeitungen, Zeitschriften und Anziehsachen. "Dadurch kommt die Verwahrlosung und durch die Verwahrlosung, die nicht artgerechte Haltung. Und wenn man dann auch noch viele Tiere hat..." Der junge Referendar, den die Staatsanwaltschaft in diesen Prozess schickte, hatte zuvor mit seinem Ausbilder verabredet, eine Strafe von 14 Monaten Haft vorzuschlagen. Er persönlich hätte mehr gefordert, verriet der Jurist vor Verhandlungsbeginn der Richterin. Die Verteidigerin plädiert, die Haftstrafe auf nicht mehr als ein Jahr zu bemessen und diese zur Bewährung auszusetzen. Außerhalb des Gefängnisses könne ihre Mandantin sich besser um eine Therapie kümmern.

Freiwillig in den Knast

Doch Gabriele Schumann widerspricht ihrer Anwältin: "Ich möchte keine Bewährung haben." Sie wolle nur einige Wochen von der Haft verschont werden. In dieser Zeit möchte sie sich um die Mietzahlungen für ihre Wohnung kümmern und ihre Mutter sehen, die derzeit in Europa weilt.

Diesem Wunsch entspricht die Richterin, die ansonsten die Forderung der Staatsanwaltschaft in ein Urteil wandelt. "Sie sind ein schwarzer Tierhändler", gibt sie der Verurteilten in ihrer kurzen Rede auf den Weg. Möglicherweise sind es die Emotionen, die weitere Richter-Worte ersticken. Sie versuche, diese im Griff zu behalten, sagt die erfahrene Juristin: "Aber auch Richter sind nur Menschen."

* Name von der Redaktion geändert

Uta Eisenhardt