Insel Pitcairn "Bounty"-Nachfahren verurteilt


Die Nachfahren der legendären Meuterer auf der "Bounty" sind in einem spektakulären Prozess der Vergewaltigung und des Kindesmissbrauchs schuldig gesprochen worden.

Bei einem beispiellosen Prozess auf der winzigen Pazifik-Insel Pitcairn ist die Hälfte der männlichen Bevölkerung wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung von Mädchen und Frauen schuldig gesprochen worden. Ende der Woche soll das Strafmaß für die sechs Verurteilten gesprochen werden, wie die britischen Behörden am Montag mitteilten.

Auf Pitcairn hatten sich im 18. Jahrhundert die Meuterer der "Bounty" niedergelassen. Die Insel steht unter britischer Verwaltung, darum fand der Prozess nach britischem Recht statt. Sollten die Verurteilten im Gefängnis landen, wäre die Existenz des Inselvolkes bedroht. Ohne sie könnte der Betrieb der Langboote zu Schiffen, die an der Insel nicht anlegen können, nicht aufrechterhalten werden. Die Lebenslinie der 47 Insulaner wäre gekappt.

"Junge Mädchen waren für die Männer verfügbar, wann immer sie es wollten"

Insgesamt sieben Männern waren mehr als 50 sexuelle Übergriffe vorgeworfen worden, von denen manche 40 Jahre zurückliegen. Bürgermeister Steve Christian, nach eigenen Angaben ein direkter Nachfahre von Chefmeuterer Fletcher Christian, wurde der Vergewaltigung in fünf Fällen für schuldig befunden. Auch sein Sohn Randy und ein heute 78-Jähriger sollen mehrfach Frauen vergewaltigt haben. Drei weitere Angeklagte wurden bei dem Prozess am Sonntag minderschwerer sexueller Vergehen für schuldig befunden, einer wurde freigesprochen.

Die britische Staatsanwaltschaft hatte während des Verfahrens von einem Missbrauch über Jahrzehnte hinweg gesprochen. Sex mit Minderjährigen sei in der von Männern dominierten Gesellschaft üblich gewesen. Anklägerin Christine Gordon sagte, ein Täter habe ein Kind in der Kirche missbraucht und ein weiteres beim Fischen an der Küste. "Junge Mädchen waren für die Männer verfügbar, wann immer sie es wollten", sagte sie dem neuseeländischen Sender TVNZ.

Die auf Pitcairn lebenden Frauen hatten ihre Männer verteidigt und insbesondere den Vorwurf des Missbrauchs von Minderjährigen zurückgewiesen. Einige erklärten, sie hätten zwar sehr früh Sex gehabt, dies sei aber freiwillig geschehen.

Britische Rechtshoheit in Frage gestellt

Keines der Missbrauchsopfer lebt noch auf Pitcairn. Sie machten ihre Zeugenaussagen per Videoschaltung aus der neuseeländischen Stadt Auckland. Ein Polizist, der die acht Frauen am Montag über die Urteile informierte, berichtete im Anschluss von ihrer Erleichterung. "Es war, als sei eine lebenslange emotionale Last von ihnen genommen worden", zitierte ihn TVNZ.

Noch ist unklar, ob die Verurteilten eine Haftstrafe im neu gebauten Gefängnis der Insel auf halbem Weg zwischen Peru und Neuseeland antreten müssen. Ihre Verteidiger haben Rechtsmittel gegen das Verfahren eingelegt; sie stellen die britische Rechtshoheit über Pitcairn in Frage. Über ihren Einspruch soll erst im kommenden Jahr in einem weiteren Prozess in Neuseeland entschieden werden.

Der Südpazifik-Experte John Connel von der Universität Sydney erklärte, die Männer müssten auch bei einer Inhaftierung zeitweise freigelassen werden, um die Langboote zu steuern. "Ansonsten wird die ganze Inselbevölkerung durch die Urteile bestraft."

Mike Corder, AP


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