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Nord-Süd-Gefälle: Wo deutsche Richter die strengsten Urteile sprechen

Wie hart die Strafe für ein Verbrechen in Deutschland ausfällt, hängt auch davon ab, wo ein Angeklagter vor Gericht gestellt und verurteilt wird. Eine Karte zeigt die Unterschiede auf.

Gericht

Ein Hammer auf einer Richterbank. Die Härte verhängter Urteile schwankt in Deutschland je nach Region

DPA

Ein 54-Jähriger Erpresser wurde in dieser Woche zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hatte Babynahrung vergiftet und in Geschäften platziert, um im Anschluss eine Millionensumme zu erpressen. Das Urteil erging wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit versuchter räuberischer Erpressung. Es wurde am Landgericht Ravensburg gesprochen.

Wer weiß: Hätte der Mann im benachbarten Landgerichtsbezirk Kempten im Allgäu vor Gericht gestanden, wäre seine Strafe vielleicht noch härter ausgefallen. Etwas weiter im Westen wiederum, am Landgericht Freiburg, wäre er vielleicht mit weniger davon gekommen. 

Wie hart ein Urteil in einem Strafprozess ausfällt, hängt nämlich auch davon ab, wo ein Angeklagter vor dem Richter steht, wie der Wissenschaftler Volker Grundies in einer Studie zur gerichtlichen Sanktionspraxis in Deutschland herausgefunden hat. Die untenstehende Karte verdeutlicht, wie unterschiedlich hart oder auch milde die Urteile in deutschen Landgerichtsbezirken über alle Deliktarten hinweg im Vergleich zum Bundesdurchschnitt ausfallen. 

Karte: Regionale Unterschiede in der Sanktionshärte

Für alle Deliktarten, in Prozent

Erläuterung: Liegt der Wert eines Bezirks über dem deutschen Mittelwert - zum Beispiel Frankfurt am Main mit 17,3 Prozent -, werden dort durchschnittlich härtere Strafen verhängt als im Rest der Republik. Diese Bezirke sind in Grautönen eingefärbt. Liegt der Wert darunter, sitzen dort im Schnitt milder gestimmte Richter. Dies ist etwa im Bezirk des Landgerichts Kiel der Fall, der rund 18 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Diese Landgerichtsbezirke haben grüne Schattierungen. 

Insgesamt sind auf der Karte recht deutliche geografische Muster zu erkennen. Die Richter in Norddeutschland oder auch Baden-Württemberg urteilen demnach in großen Teilen milder als jene im südlichen Teil Bayerns. Dabei ist die Härte der Urteile unabhängig vom Delikt, heißt es in der Studie. Sprich: Wo etwa Körperverletzung schwerer bestraft wird, fallen auch richterliche Entscheidungen zu anderen Delikten strenger aus.

Warum urteilen die Richter im Land so unterschiedlich? 

Die Ergebnisse stützen laut Grundies die Annahme, dass es in Deutschland je nach Region unterschiedlich gewachsene "Gerichtskulturen" gibt. Sprich: Aus verschiedenen Gründen orientieren sich Richter bei ihren Urteilen an den Entscheiden ihrer unmittelbaren Kollegen und Vorgänger. Und weil das deutsche Strafrecht ihnen große Spielräume bei der Bestimmung von Strafen einräumt, können die Ergebnisse auch bei ähnlichen Delikten je nach Gerichtsbezirk so unterschiedlich ausfallen.

In anderen Ländern, etwa den USA, gibt es beispielsweise sogenannte "Sentencing Guidelines", also Richtlinien für die Strafmaßbestimmung. Auf dem deutschen Juristentag in Leipzig wurde Ende September bereits darüber diskutiert, ob das auch hierzulande als Modell herhalten könne. Damit es sich in Zukunft mit Blick auf die zu erwartende Strafe nicht mehr "lohnt", für ein Verbrechen im Norden statt im Süden vor Gericht gestellt zu werden.  


Zu den verwendeten Daten: 

Die Daten entstammen der Studie "Regionale Unterschiede in der gerichtlichen Sanktionspraxis in der Bundesrepublik Deutschland. Eine empirische Analyse" und wurden dem stern von Volker Grundies, Autor der Studie, auf Anfrage zur Verfügung gestellt. Grundies ist wissenschaftlicher Referent am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht. Mehr Informationen finden Sie hier. Er verwendete für seine Studie Daten des Bundeszentralregisters, in denen rund 1,5 Millionen Urteile aus Strafprozessen aus den Jahren 2004, 2007 und 2010 erfasst waren. Schwere Delikte waren im Datensatz selten, die mittlere Strafdauer lag bei 120 Tagen. In die Untersuchung floss nur die abstrakte Dauer der Strafe ein: Bei Geldstrafen etwa die Anzahl der verhängten Tagessätze und bei Freiheitsstrafen ihre Dauer, ohne aber eine Aussetzung zur Bewährung weiter zu berücksichtigen.

Unter "alle Delikte" sind dabei diverse Deliktarten in unterschiedlicher Gewichtung eingeflossen. Zum Beispiel waren darunter Fälschung, Tötungsdelikte, Diebstähle, Meineid, Beleidigung, Körperverletzung, Leistungserschleichung, Gefährlicher Eingriff in den Verkehr, Vergewaltigung, räuberische Erpressung oder auch Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Die der Karte zugrunde liegenden Geodaten mit den Grenzen der Gerichtsbezirke wurden vom Datenteam des Spiegel ausgearbeitet und im Netz als Vorlage bereitgestellt.