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Inzest-Fall Amstetten: "Die Kinder haben kaum eine Chance"

Die Inzest-Tat von Amstetten ist ein schweres und ein schwer fassbares Verbrechen. Kann man die Handlungen des Täters überhaupt psychologisch erklären? Und was für Folgen erwarten die Opfer? Im stern.de-Interview nähert sich Familientherapeut Andreas Böhmelt dem Ungeheuerlichen.

Welche Persönlichkeitsstruktur hat der Täter?

Bei diesem Mann müssen mehrere Persönlichkeitsstörungen zusammenkommen. In der Psychiatrie wird für solche Charaktere der Fachbegriff "schwere andere seelische Abartigkeit" verwendet. In solchen Fällen beruht die seelische Fehlentwicklung auf einem schwachen Selbstwertgefühl und tief greifenden Persönlichkeitskonflikten, die durch Machtphantasien- und Größenwahnvorstellungen kompensiert werden sollen. Zu diesem ausgeprägten narzisstischen Verhalten kommt eine Triebstörung, eventuell gepaart mit sadistischen Zügen.

Der Vater hat seine perversen Phantasien ausgelebt. Da er anfing seine Tochter zu missbrauchen, als sie elf Jahre alt war, hat er sich dafür als Opfer das Familienmitglied ausgesucht, das am leichtesten verfügbar war. Als das Mädchen 18 Jahre wurde, sperrte er sie in den Keller ein, weil er befürchten musste, dass sie ihn verlässt.

Müssten solche Menschen nicht irgendwann auffallen?

Nein, ganz im Gegenteil. Narzissten sind oft charmant und einnehmend und deshalb auch in der Regel sehr gut gesellschaftlich integriert. Weil sie Macht über andere Menschen ausüben wollen, haben sie sehr gute Fähigkeiten, andere Menschen zu manipulieren und sie dazu zu bringen, sich für die Befriedigung ihrer Triebe und Bedürfnisse zu engagieren. In diesem Fall ist es dem Täter offenbar hervorragend gelungen, Nachbarn, Jugendamt und Polizei bezüglich dem Verschwinden seiner Tochter perfekt zu täuschen.

Wird ein solcher Täter jemals begreifen, was er getan hat?

Narzissmus ist eine Verhaltensform, die von den Betroffenen nicht reflektierbar und deshalb auch im Rahmen einer Psychotherapie kaum behandelbar ist. Narzissten suchen die Fehler immer im Gegenüber beziehungsweise in der Außenwelt. Es würde mich nicht wundern, wenn der beschuldigte Vater bei der Polizei aussagt, dass die Tochter selber Schuld an der Situation hatte, oder dass sie ihn provoziert hätte.

Wie ist das Verhalten der Ehefrau des Täters zu erklären, die die Mutter der eingekerkerten Tochter und die Großmutter der Kinder ist?

Narzissten wählen gerne Partnerinnen, die sehr abhängig sind und meinen, ohne den Mann nicht leben zu können. Der Narzisst fühlt sich dadurch in seinem Machtbestreben bestätigt. Die Ehefrau des Täters wird nach diesem Muster gelebt haben. Es ist nicht vorstellbar, dass sie nichts von dem Martyrium gewusst hat. Sie hat die grausame Situation vielmehr verdrängt. Sie wird sich eingeredet haben, dass der Ehemann seine Gründe dafür hat, so zu handeln und die Tochter eine Möglichkeit gefunden hat, damit umzugehen. Zugleich wird sie sehr starke Schuldgefühle gehabt haben.

Aber wie konnte diese Situation über so viele Jahre möglich sein?

Je länger solche Schuldgefühle anhalten, desto schlimmer wird es für die betreffende Person, sie überhaupt noch zuzulassen. Sie hat Angst, von der Situation überwältigt zu werden. Es gibt eine Reihe von Inzest-Fällen, wo die Ehefrau und Mutter dann doch nach einer gewissen Zeit eingreift, auch wenn sie es vielleicht am Anfang nicht getan hat. Aber das ist hier nicht passiert. Das ist schon ein sehr krasser Fall.

Nach vielen Jahren ist es der Tochter gelungen raus zu kommen, weil ihre Tochter ins Krankenhaus musste. Offenbar hat sie den Täter dazu überreden können.

Das ist sehr erstaunlich, zumal die Tochter körperlich und psychisch in einem sehr schlechten Zustand ist. Ich denke auch, dass es nicht die erste medizinische Krisensituation für die Tochter in all den Jahren war, schließlich hat sie alle ihre Kinder in dem Keller geboren. Es kann aber sein, dass es die erste Situation war, in der Todesgefahr für ein Familienmitglied bestanden hat. Ich halte es trotzdem für ein Wunder, dass der Täter es nach so langer Zeit zugelassen hat, dass seine Tochter ihr Mädchen in ein Krankenhaus bringen konnte.

Interview: Inga Niermann