Inzest-Fall Amstetten "Jetzt folgt das größere Drama"


Drei Kinder von Inzest-Vater Josef Fritzl sind im Verlies aufgewachsen, kannten nur das Leben unter Tage. Doch das Glück der Befreiung ist zweischneidig, sagt der Verhaltenstherapeut und Trauma-Experte Georg Pieper im stern.de-Interview. Pieper warnt die Kinder auch davor, in die Öffentlichkeit zu gehen.

Herr Pieper, der Fall Amstetten gilt in seiner Perfidie als einzigartig, die Opfer sind möglicherweise auf lange Zeit traumatisiert. Stoßen hier auch Therapeuten an ihre Grenzen?

Natürlich scheint dieser Fall auf den ersten Blick einzigartig. Aber dass Menschen anderen Menschen Unfassliches antun, ist so außergewöhnlich nicht. Denken Sie nur an die Menschenexperimente im KZ. Richtig ist aber, dass ein Therapeut nicht einfach sein Konzept anwenden kann, das für andere Traumatisierte gilt. Diese Kinder müssen nachreifen, sie müssen Werte kennen lernen, da greifen unsere gängigen Konzepte nicht.

Im Fall der Kellerkinder ist das ganze Leben eine Art Trauma. Passt der Begriff hier überhaupt?

Nein, überhaupt nicht. Psychologen sprechen von einem Trauma, wenn ein schreckliches Ereignis die Welt aus den Angeln hebt und nichts mehr so ist wie es war. Genau genommen gibt es zwei Arten von Traumata: Typ eins hat ein einzelnes tief greifendes Ereignis als Ursache - zum Beispiel einen schweren Unfall, einen Raubüberfall, eine Vergewaltigung. Typ zwei entsteht nach längerer Misshandlung, zum Beispiel Geiselhaft, Folter oder sexuellem Missbrauch. Keiner von beiden trifft auf diese Kinder zu, weil es keinen plötzlichen Einbruch des Schrecklichen gab.

Gibt es so etwas wie Normalität im Schrecklichen?

Ja. Bei den Kindern, die im Keller aufgewachsen sind, liegt die Vermutung nahe, dass sie sich an die Situation des Eingeschlossenseins gewöhnten. Sie kannten ja nichts anderes.

Sie mussten aber offensichtlich miterleben, dass der Großvater ihrer Mutter Gewalt antat. Kann man sich an so was auch gewöhnen?

Das kommt ganz stark auf die Rolle der Mutter an. Wenn sie die Kraft aufbrachte, ihren Kindern in dieser Situation Werte beizubringen, dann wussten sie, dass das falsch war, was der Großvater tat. Dann erlebten sie Gewalt als etwas Außergewöhnliches, auch wenn sie nicht jedes Mal aufs Neue so geschockt sein mussten wie jemand, der das zum ersten Mal erlebt. Wenn sie keine Werte vermittelt bekamen, dann ist die Gefahr groß, dass sie völlig deformiert wurden.

Hat die Seele Schutzmechanismen, um extreme Grausamkeiten zu ertragen?

Es gibt das Phänomen der peritraumatischen Dissoziation. Damit ist der innere Ausstieg aus einer unerträglichen Situation gemeint. Folteropfer beispielsweise berichten davon, wie ihr Körper gequält wurde, sie selbst sahen zu. Sie nehmen die Folterungen nicht mehr wahr, sie spalten den eigenen Körper ab. Damit schützt sich die Psyche vor Eindrücken, die sie nicht bewältigen kann. Es ist allerdings fraglich, ob dies bei den Kellerkindern von Amstetten passiert ist, die ja keinen Gegensatz der Welten erlebt haben. Die Abspaltung dürfte eher für die Mutter, Elisabeth, zutreffen, die 18 Jahre in Freiheit verbracht hatte.

Drei ihrer Kinder führten im Obergeschoss bei der Großmutter ein fast normales Leben. Kann im Fall dieser "Tageslichtkinder" allein die Nachricht vom Verbrechen des Großvaters zu Traumata führen?

Diese Nachricht i s t die Traumatisierung. Denn diese Kinder erfahren, dass alles nicht stimmt, was sie bisher geglaubt haben, zum Beispiel, dass sie von der Mutter verlassen wurden. Mit dieser Nachricht wird ihnen das Fundament entzogen. Was jetzt passiert, ist vielleicht für alle Kinder das viel größere Drama.

Wie meinen Sie das?

Kennen Sie den Film mit Roberto Benigni: "Das Leben ist schön"? Ein Vater und sein kleiner Sohn kommen ins Konzentrationslager. Der Vater erzählt dem Sohn während des Transports eine Geschichte, die den Sohn glauben machen soll, das alles nur ein Spiel ist. Er deutet die perverse Situation um. Der kleine Sohn glaubt ihm, und überlebt. Wenn es der Mutter gelungen ist, eine positive menschliche Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen und manche Schrecknisse umzudeuten, dann kann es sein, dass sie diese Zeit besser überstanden haben, als wir annehmen.

Aber es kann doch keiner ernstlich meinen, dass es besser gewesen wäre, sie weitere Jahre im Keller zu lassen?

Natürlich nicht. Aber es darf auch keiner glauben, dass es für sie das Glück ist, dass sie jetzt endlich aus dem Verlies heraus sind. Das ist es nicht!

Was lässt Sie das glauben?

Nach dem Grubenunglück von Borken 1988 waren sechs der Bergleute drei Tage lang in einem Schacht eingeschlossen. Als die raus kamen, wollte alle Welt hören, wie glücklich und dankbar sie sind - aber sie waren nur erschöpft und völlig verunsichert. So was stößt auf Unverständnis.

Was raten Sie den Opfern von Amstetten im Umgang mit den Medien?

Finger weg! Nicht der Versuchung erliegen, jetzt ihre Geschichte zu verkaufen. Sie brauchen jetzt viel Zeit für eine langsame Annäherung an die Normalität. Sie brauchen eine sehr gute therapeutische Begleitung, ganz wenige Vertrauenspersonen, mit denen sie über ihre Erlebnisse sprechen können. In die Öffentlichkeit können sie auch später noch.

Ist das Angebot von Natascha Kampusch, mit Elisabeth zu sprechen, hilfreich?

Eher nicht. Wenn Betroffene anderen Betroffenen helfen wollen, dann bieten sie oft ihre eigenen Lösungswege an. Die müssen aber nicht passen. Völlig ausreichend wäre, wenn Frau Kampusch ihnen zeigt: Ihr seid nicht die einzigen Menschen auf der Welt, die so was erlebt haben. Denn das ist eine der schrecklichsten Erfahrungen der Opfer: allein zu sein mit ihren Gefühlen.

Interview: Ingrid Eißele

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