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Inzest-Fall Amstetten: Ein perfektes Doppelleben

Warum ist keinem etwas aufgefallen? Das fragen sich viele - die Nachbarn, die Feuerwehr, aber auch der Bezirkshauptmann von Amstetten, der Josef F. mehrmals besucht hatte. Der Inzest-Vater hat inzwischen ein umfassendes Geständnis abgelegt.

Von Malte Arnsperger und Katharina Schönwitz, Amstetten

Amstetten ist ein ruhiges Städtchen in der österreichischen Provinz, 120 Kilometer westlich von Wien. Die Ybbsstraße in Amstetten ist inzwischen für den Verkehr gesperrt. Fernsehteams aus ganz Europa und den USA blockieren die schmale Straße. Drei Polizisten bewachen die Einfahrt des Hauses, vor dem sich Fotografen, Kameraleuten und Journalisten drängeln. Immer wieder bleiben Passanten vor der Garageneinfahrt stehen. "Unglaublich, dass keiner was gemerkt hat", sagt ein älterer Mann kopfschüttelnd.

Die Ybbsstraße ist eine nette Wohngegend mit schmucken Einfamilienhäusern hinter gepflegten Vorgärten. Nur das Haus von der Familie F. passt nicht hier her. Ein grauer Betonklotz, der abweisend wie ein Bunker wirkt, mit ungepflegter Fassade. Lediglich die Holzlaube im Garten sieht einladend aus. Genau dort drunter muss das Verlies gewesen sein: zwei Schlafräume, eine Kochecke, Dusche, WC und Fernseher. Von einer Art Gummizelle ist die Rede. Ein Erwachsener kann in diesen Räumen kaum aufrecht stehen. Die Deckenhöhe beträgt nur 1,70 Meter. Der Zugang zu dem Verlies war in einem Arbeitszimmer hinter einem Regal versteckt.

24 Jahre lang soll Josef F., 73, seine Tochter Elisabeth, 42, hier eingesperrt und missbraucht haben. Seine Ehefrau Rosemarie will davon nichts mitbekommen haben. Sieben Kinder hat die Tochter in dieser Zeit bekommen. Ein DNA-Test soll Klarheit schaffen, ob der Opa auch der Vater ist. Die drei ältesten Enkelkinder, Kerstin, 19, Stefan, 18, und Felix, 5, dürften in ihrem Leben nie etwas anderes gesehen haben, als das fensterlose Verlies, in dem sie geboren wurden. Die drei mittleren Kinder führten rein äußerlich ein normales Leben. Der Junge geht auf die Hauptschule, die Mädchen auf eine Klosterschule, alle drei spielen Eisstockschießen im Verein.

Der zwölfjährige Alexander ist seit einem Jahr Mitglied bei der freiwilligen Jugendfeuerwehr. "Ich habe ihn ein paarmal getroffen, er ist ein ganz normales Kind", sagt Armin Blutsch, der Kommandant der freiwilligen Feuerwehr von Amstetten. Jeden Freitag übte Alexander hier Feuerlöschen und Erste Hilfe oder ging mit den zwanzig anderen Feuerwehr-Kindern Eislaufen.

Nichts Auffälliges mitbekommen

Auch Adi Schmid, der seinen Hund Gassi führt, bleibt kurz stehen. "Ich wohne nur vier Häuser weiter, aber wir haben nie etwas Auffälliges mitbekommen." Josef F. hat er nur selten gesehen. "Höchstens mal, wenn er seinen Wagen in die Garage gefahren hat." Dass die Tochter vor über zwanzig Jahren verschwunden ist, hat er erst vor einer Woche erfahren. "Ich fand die Erklärung, dass sie in einer Sekte ist, ganz plausibel", sagt Schmid. Umso geschockter ist er jetzt. "Es ist ein furchtbares Gefühl, dass hier so etwas geschehen ist."

Das Ehepaar F. lebte zurückgezogen. Nur selten kamen sie in der Backstube von Günter Pramreiter vorbei, die direkt nebenan ist. "Meistens schickten sie die Kinder zum Semmeln kaufen", sagt der Bäcker. Auch ihm ist in all den Jahren nie etwas aufgefallen. "So kann man sich täuschen", sagt er achselzuckend.

"Sehr gepflegte Verhältnisse"

Völlig schockiert ist der Bezirkshauptmann Hans-Heinz Lenze. Vor 24 Jahren, kurz nach dem Verschwinden der Tochter Elisabeth, hatte seine Behörde das erste Mal Kontakt mit der Familie. Die Stelle ist in der Gemeinde für soziale Belange zuständig. Als die drei Säuglinge bei dem Ehepaar angeblich "abgelegt" worden waren, besuchten Mitarbeiter der Behörde die Familie mehrfach in ihrem Haus.

"Alles schien völlig in Ordnung. Sehr gepflegte Verhältnisse. Ich hatte keinen Verdacht, dass irgendwas nicht stimmen könnte." Rosemarie, die Frau von Josef F., wurde deshalb von der Verwaltung jedes Jahr zur offiziellen "Pflegeelternehrung" eingeladen, bei der ihr für ihr Engagement und ihren Einsatz gedankt wurde. Auch in der Schule lief alles geräuschlos. "Die drei Kinder hatten keine Probleme. Die waren immer sehr brav", sagt Lenz. "Josef F. hat ein perfektes Doppelleben geführt. So ein Verbrechen hat die Welt noch nicht gesehen."

Laut Landespolizei soll Josef F. inzwischen grundsätzlich geständig sein, er habe seine Taten lediglich "in Details abgeschwächt".

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Von:

Katharina Schönwitz und Malte Arnsperger