Inzest-Fall Amstetten Kerstin F. stößt zur Familie


Besondere Familienzusammenführung in Amstetten: Die wochenlang in Lebensgefahr schwebende 19-jährige Tochter des Inzesttäters Josef Fritzl ist aus dem künstlichen Koma erwacht und lebt nun bei ihrer Familie. Ärzte und Therapeuten berichteten über das emotionale erste Treffen, das Leben der Opfer und ihre sehnlichsten Wünsche.
Von Malte Arnsperger

Die Familie des Inzest-Vaters Josef Fritzl lebt nun erstmals komplett zusammen - freilich ohne den Vater. Am Sonntag ist die 19-Jährige Tochter Kerstin, die wochenlang im Koma lag, zu den anderen Familienangehörigen gestoßen. Das berichteten am Mittwochvormittag die Ärzte und Therapeuten von Kerstin F. im österreichischen Amstetten. Die Familie wird seit dem Bekanntwerden des Inzest-Falles in einer psychiatrischen Klinik betreut.

Die Ärzte berichteten auch über den Genesungsprozess der jungen Frau. Kerstin habe Mitte Mai zum ersten Mal die Augen geöffnet und sei am 1. Juni aus dem künstlichen Koma erwacht, sagte der Chefarzt der Intensivstation des Amstettener Krankenhauses, Albert Reiter. Sichtlich bewegt schilderte Reiter den ersten Wortwechsel mit der Patientin, nachdem ihr eine Kanüle aus dem Hals entfernt worden war. "Ich sagte 'Hallo Kerstin', und sie sagte 'Hallo'", berichtete Reiter. "Dieser Augenblick war sehr berührend und das Ende eines langen Leidensweges."

Fall wurde nach Einlieferung Kerstins bekannt

Kerstins Einlieferung ins Krankenhaus hatte Ende April den Inzest-Fall publik gemacht. Sie ist eines der drei Kinder von Josef Fritzl und seiner Tochter Elisabeth, die seit ihrer Geburt in dem Kellerverlies eingesperrt waren. Nachdem sich der Gesundheitszustand von Kerstin Ende April stark verschlechtert hatte, wurde sie von ihrem Vater ins Krankenhaus gebracht. Gegenüber den Ärzten behauptete Fritzl, er habe Kerstin vor seiner Haustür aufgefunden. Da jedoch völlig unklar war, woran Kerstin litt, suchten die Ärzte über einen Medienaufruf nach der Mutter. Elisabeth sah in ihrem Kellerverlies diese Appelle und konnte ihren Vater überreden, sie zu der Klinik zu fahren. Dort erzählte Elisabeth der Polizei dann erstmals von ihrem Martyrium. Sie behauptete, der Vater habe sie 24 Jahre in einem Verlies eingesperrt.

Josef Fritzl wurde daraufhin festgenommen. Der 73-Jährige hat mittlerweile gestanden, Elisabeth eingesperrt und sexuell missbraucht zu haben. Während der Gefangenschaft zeugte er mit der heute 42-Jährigen sieben Kinder, eines starb nach der Geburt. Drei Kinder nahmen er und seine Frau Rosemarie als vermeintliche Pflegekinder auf. Der Öffentlichkeit gaukelte er vor, seine Tochter habe sie bei ihm abgegeben. Die anderen drei Kinder - darunter Kerstin - lebten mit der Mutter im Kellerverlies. Elisabeth wird seit Ende April zusammen mit ihrer Mutter Rosemarie und ihren fünf Kindern im Landesklinikum Amstetten-Mauer betreut. Vor einigen Tagen hat die Gruppe auf dem Klinikgelände eine eigene Wohnung bezogen, sagte der dortige Leiter, Berthold Kepplinger. In diese Wohnung wurde nun auch Kerstin gebracht.

Über den emotionalen Augenblick dieser außergewöhnlichen Familienzusammenführung erzählte Arzt Reiter: "Ich bin mit Kerstin eingehängt über die Schwelle zu der Wohnung geschritten. Es war ein besonderer Augenblick. Es war ein Schritt in ein neues Leben." Auch Kepplinger und der Anwalt der Familie berichteten über "sehr berührende Momente" beim ersten Zusammentreffen von Kerstin mit dem Rest der Familie. "Sie sind sehr glücklich, dass nun erstmals alle zusammen sind. Es gibt ein ungeheuer intensives Aufeinanderzugehen, und es ist sofort ein Gruppengefühl entstanden", sagte der Anwalt, Christoph Herbst. Die einzelnen Mitglieder der Familie, die sich teilweise bis Ende April noch nie gesehen hatten, seien in einem "stabilen Zustand", sagte Kepplinger. Allerdings hätten die Kinder aus dem Verlies ein deutlich langsameres "Lebenstempo". "Für sie ist das Vorbeiziehen einer Wolke ein großes Ereignis, den anderen ist dabei langweilig", berichtete Kepplinger.

Dennoch, so das Ziel der Betreuer, soll die Familie in der eigens eingerichteten Wohnung mit der Hilfe von Therapeuten zu einem normalen Leben zurückfinden. So steht etwa allen Kindern ein dreiköpfiges Lehrerteam zu Verfügung. Auch der 18-Jähige Stefan, einer der drei "Kellerkinder", erhalte Unterricht und entwickele sich "überraschend gut", sagte Kepplinger. Allerdings appellierten die Ärzte und der Anwalt an die Öffentlichkeit, der Familie die Chance auf ein halbwegs ungestörtes Leben zu lassen. Wiederholt waren in den vergangenen Wochen Reporter und Fotografen illegal in die Klinik eingedrungen.

Mutter besuchte Tochter im Krankenhaus

Trotz des großen Interesses der Medien war es in den vergangenen Wochen aber gelungen, dass Kerstins Mutter Elisabeth ihre Tochter unerkannt auf der Intensivstation besuchen konnte. Elisabeth war dabei angeblich als Krankenschwester verkleidet, berichteten österreichische Zeitungen. Die regelmäßigen Besuche ihrer Mutter seien für die schwer kranke Kerstin sehr wichtig gewesen, sagte Reiter. Schon am 15. Mai habe sie zum ersten Mal die Augen geöffnet und die Ärzte angelacht. In den dann folgenden Tagen habe Kerstin beständig gesundheitliche Fortschritte gemacht. Bis spät nachts habe die 19-Jährige Musik von Robbie Williams gehört, berichtete Reiter grinsend. Der Besuch eines Konzerts des britischen Popstars sei auch einer von Kerstins größten Wünschen. Zudem wolle die junge Frau eine Schifffahrt machen, ergänzte Kepplinger. Er gehe davon aus, dass Kerstin vollständig gesund wird. Was jedoch zu dem Multiorganversagen geführt hat, das ihr Leben Ende April gefährdete, ist nach Angaben der Ärzte immer noch unklar.

Die Ärzte berichteten auch über die psychologische Betreuung der Familie. Dabei sprachen sie auch den Umgang mit der Person des Vaters an. Bei der Psychotherapie werde offen über Josef Fritzl gesprochen, sagte Kepplinger. Ihm gegenüber bestehe jedoch bei den Betroffenen eine große "Ambivalenz". Mehr wollte der Arzt nicht preisgeben. Ob Elisabeth, wie von der Staatsanwaltschaft geplant, Mitte Juli zu dem Fall befragt werden kann, sei noch nicht klar. Gerhard Sedlacek, Sprecher der Staatsanwaltschaft, hatte gestern stern.de gesagt, dass Elisabeth F. wohl Mitte Juli vernommen werden könnte. Gleichzeitig sei auch mit den Ergebnissen des psychiatrischen Gutachtens über Josef Fritzl zu rechnen, so Sedlacek.

Prozess wohl noch im Winter

Josef Fritzl sitzt seit seiner Festnahme in Untersuchungshaft. Ein Prozess gegen ihn könnte noch in diesem Jahr stattfinden, sagte Sedlacek. Er rechne mit einer Anklageerhebung im Herbst, im Winter könnte Fritzl dann vor Gericht stehen. Unklar ist noch, ob sich Fritzl wegen Mordes durch Unterlassen verantworten muss. Eines seiner Kinder war im Verlies gestorben, Fritzl hat die Leiche verbrannt. "Es wird sehr schwer zu beweisen sein, dass er mit dem Tod des Babys gerechnet hat und er davon Kenntnis hatte, dass es ohne ärztliche Hilfe sterben wird", sagte Sedlacek. Deshalb sei eine Anklage wegen Mordes "sehr offen". Sicher scheint jedoch eine Anklage wegen Vergewaltigung, Freiheitsentzug und Blutschande. Fritzl droht wegen dieser Straftaten eine 15-jährige Haftstrafe.


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