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Inzest-Fall von Fluterschen Viele Fragen, kaum Antworten


Sie hatten so große Angst vor ihrem gewalttätigen Vater, dass keiner in der Familie den Widerstand wagte. Selbst dann nicht, als der Verdacht aufkam, dass er eine Tochter missbraucht und seine Stieftochter geschwängert hat.

Das also ist er, der Despot, der jahrelang seine gesamte Familie terrorisierte. Der seine Kinder missbrauchte, der seine Frau schlug, der es fertig brachte, Jugendamt und Polizei zu täuschen? Ein kleiner grauhaariger Mann, der in einem lächerlichen roten Sakko auf seinem Stuhl im Koblenzer Landgericht sitzt und immer wieder in sein Taschentuch schnieft. Ein Mann, dem man Vergnügen beim Betrachten schmieriger kleiner Pornoheftchen abnimmt, aber nicht die Fähigkeit zu einer so monströsen Bösartigkeit, wie sie jetzt angeklagt ist.

Die Menschen im Saal registrieren jede noch so kleine Regung im schmalen Gesicht des 48-Jährigen, jede Bewegung der Hände, jeden Satz, den er sagt. Sie wollen wissen, wie einer es fertig bringt, seine Familie so konsequent zu zerstören. Doch noch gibt es viele Fragen und nur wenige Antworten.

Die Befragung der beiden 29 und 32 Jahre alten Stiefsöhne von Detlef S. soll helfen, Licht ins Dunkel des offenbar abgeschotteten Familiensystems zu bringen, das vom despotischen Vater mit Prügel, sexueller Gewalt und Psychoterror kontrolliert wurde. Eine lange Liste der Unfassbarkeit:

Splitterfasernackt verdroschen

Beide Stiefsöhne berichten von Gewaltausbrüchen des Vaters, denen die Stiefkinder anders als die leiblichen Kinder ausgesetzt gewesen seien. "Meine Mutter wurde verprügelt. Ich wurde so verprügelt, dass mein ganzes Gesicht angeschwollen ist", erzählt der 32-Jährige. Die Stiefkinder hätten sich splitterfasernackt vor dem Vater aufstellen müssen und seien verdroschen worden.

Warum nimmt jemand das über Jahre hin? Warum hat keines der Kinder sich dagegen gewehrt, warum hat die Mutter den Vater nicht einfach verlassen? Warum haben sich die Unterdrückten nicht gegen den Mann verbündet? Vor allem die Söhne seien dem Angeklagten doch körperlich deutlich überlegen, meint der Vorsitzende Richter. Und bekommt keine Antwort. Ob es innere Zwänge gegeben habe? "Ja", sagt der 32-Jährige leise. Selbst ungestörte Unterhaltungen mit der Mutter seien vom Vater unterbunden worden. "Der war immer da."

Eine Hölle hinter zarten Gardinen.

Fluterschen im Westerwald. Ein unauffälliger kleiner Ort. Hier lebte Detlef S. mit seiner Frau und den Kindern in einem ebenso unauffälligen weiß getünchten Einfamilienhaus. Im Garten steht eine Wippe und an einem Fenster in der oberen Etage hängt ein selbstgemalter bunter Schmetterling. Eins der Kinder wird ihn sorgfältig ausgeschnitten und an die Scheibe geklebt haben, irgendwann, als Detlef S. hier noch herrschte. Als zahlreiche Schränke, Kisten und selbst das Tiefkühlfach mit Vorhängeschlössern gesichert waren und der Vater in einem Schubfach die Sexfotos der Stieftochter und seiner Frau hortete, die die Polizisten später ebenso fanden, wie massenhaft Briefe der Kinder, die Detlef S. offenbar einfach weggeschlossen hatte.

Ein Netz aus Angst und Abhängigkeiten

Offenbar hatte Detlef S. ein so festes Netz aus Abhängigkeiten und Angst um seine Familie gespannt, dass die Kinder, auch dann, als sie längst schon erwachsen waren, nicht wagten sich erfolgreich gegen das zu wehren, was in der seitenlangen Anklageschrift steht.

Der Angeklagte soll seine leibliche Tochter, einen 27-jährigen Stiefsohn und dessen Zwillingsschwester über Jahre hinweg missbraucht haben. Es geht um 350 Taten zwischen 1987 und 2010. Die Mädchen soll er für Sex an fremde Männer verkauft haben. Den Missbrauch der leiblichen Tochter hat Detlef S. inzwischen zugegeben, ebenso die Vaterschaft für sieben Kinder seiner Stieftochter.

Und tatsächlich: nachdem die 18-jährige Tochter am Mittwoch unter Tränen von dem Missbrauch berichtet hatte, zeigt er eine Regung. Die Zeugenaussage seiner leiblichen Tochter habe ihn sehr berührt, sagt sein Verteidiger. Anschließend habe er sich zum ersten Mal geöffnet und wolle nun doch mit einem Gutachter sprechen. "Es haben sich im Laufe des Verfahrens Punkte ergeben, dass eine psychische Krankheit vorliegen könnte", sagt der Verteidiger.

Ist das die Antwort auf die Frage nach dem Warum?

Manuela Pfohl mit DPA

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