Inzest-Prozess Fritzl gesteht alle seine Taten


Überraschender Sinneswandel: Josef Fritzl hat sich im Prozess um die Inzest-Taten von Amstetten in allen Punkten der Anklage schuldig bekannt - also auch des Mordes und der Sklaverei. Der Sinneswandel dürfte dadurch ausgelöst worden sein, dass die von ihm gepeinigte Tochter im Gerichtssaal auftauchte.

Im Inzest-Prozess von St. Pölten hat sich der Angeklagte Josef Fritzl am Mittwoch überraschend auch des Mordes und der Sklaverei schuldig bekannt. Bislang hatte der 73-Jährige die schwersten Delikte der Anklage zurückgewiesen und seine Schuld nur bei den Vorwürfen Inzest und Freiheitsentzug eingestanden. Bei den Anklagepunkten Vergewaltigung und schwere Nötigung hatte er sich nur für teilweise schuldig erklärt. Nach dem Eingeständnis wurde der Prozess vertagt. Am Donnerstag werden nun die Plädoyers gehalten. Voraussichtlich wird auch schon das Urteil gefällt.

"Ich bekenne mich schuldig der angelasteten Straftaten im Sinne der Anklage", sagte Fritzl am dritten Prozesstag vor Gericht. Prozessbeobachtern zufolge begründete Fritzl seinen Sinneswandel damit, dass er in der stundenlangen Video-Aussage seiner Tochter E. erkannt habe, wie sehr die heute 42-Jährige gelitten habe. E. war zudem ungeplant im Gerichtssaal erschienen. Auch diese Begegnung dürfte bei Fritzl ein Umdenken ausgelöst haben. Er verbarg seinen Kopf nicht mehr hinter einer Aktenmappe, sondern zeigte - anders als an den anderen Tagen - beim Betreten des Verhandlungssaals sein Gesicht.

Fritzl: Baby nicht absichtlich sterben lassen

Ausführlicher äußerte er sich zum Tod eines der Babys, das er mit seiner Tochter im Kellerverlies des Hauses in Amstetten gezeugt hatte. Dafür sei er verantwortlich, sagte Fritzl nun. "Ich weiß nicht, warum ich nicht geholfen habe", sagte Fritzl. "Ich hätte etwas tun müssen. Ich hab’s einfach übersehen. Ich war der Meinung, der Kleine wird überleben." Der kleine Michael war 1996 krank auf die Welt gekommen und 66 Stunden nach Geburt gestorben. Den Mordvorwurf hatte er bisher zurückgewiesen.

Im Laufe des Tages wurde bekannt, dass Fritzls Tochter E. selber am Dienstag anders als vorgesehen selber im Gerichtssaal erschienen war. Beobachter gehen davon aus, dass sie dadurch wesentlich den Sinneswandel ihres Vaters ausgelöst habe. Weder Gerichtssprecher Franz Cutka noch Fritzls Anwalt Rudolf Mayer hatten zuvor E.s Auftauchen bestätigen wollen. Mayer sagte nach der Verhandlung lediglich: "Wenn sie im Gerichtssaal war, dann könnte das seinen Sinneswandel erklären." Auf die Frage, ob Fritzl ihn zuvor von seinem Sinneswandel informiert habe, sagte Mayer: "Nein, das hat er nicht!"

Gutachterin: Fritzl bleibt eine Gefahr

Im Laufe der Verhandlung hat die Psychiaterin Adelheid Kastner ihre Einschätzung Fritzls abgegeben. Sie bezeichnete den Angeklagten in ihrem Gutachten als zurechnungsfähig, bescheinigte ihm aber eine sehr schwere Persönlichkeitsstörung. Trotz seines hohen Alters stelle er im Fall einer Freilassung immer noch eine Gefahr dar. Die Sachverständige empfahl daher die Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt.

Josef Fritzl hatte seine Tochter 24 Jahre lang im Keller seines Hauses in Amstetten eingesperrt und mit ihr sieben Kinder gezeugt. Des Mordes ist er angeklagt, weil ein Baby kurz nach der Geburt starb. Außerdem werden dem Angeklagten fortlaufende Freiheitsberaubung, mehrfache Vergewaltigung, Inzest und Sklaverei vorgeworfen. Nach dem jüngsten Schuldeingeständnis droht Fritzl eine lebenslange Haftstrafe.

Reuters/AP/DPA AP DPA Reuters

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