Inzest-Prozess Oh, wie schön ist Österreich!


Österreich versucht alles, damit das "Monster" Josef Fritzl die heimische Idylle und das positive Image des Landes nicht zerstört. Die schöne Landschaft und die Jugendstilbauten in St. Pölten können aber nicht verdecken, dass die Österreicher ein grundlegendes Problem haben: Sie verdrängen. Ein Erklärungsversuch.
Von Christian Parth, St. Pölten

Es ist Dienstag, zweiter Prozesstag im Fall Fritzl, doch was soll man denn eigentlich tun? Die Öffentlichkeit ist bis zur Urteilsverkündung vom Prozess weitgehend ausgeschlossen. Die Stadt St. Pölten, gerade 850 Jahre alt geworden, hat sich für die vom Lagerkoller bedrohten rund 300 Journalisten einiges ausgedacht. Man lädt zu einem "Get together" ins Rathaus. Es gibt Führungen durch die historische Altstadt und zu den Attraktionen des Jugendstils. In den Hotels werden Gutscheine für die Erstliga-Partie zwischen St. Pölten und Austria Lustenau verteilt, Anstoß 19 Uhr.

Das zweite Gesicht

"Wir wollen zeigen, dass St. Pölten nicht Fritzl ist", sagt Stadtsprecher Peter Bylica. "St. Pölten hat auch noch ein anderes Gesicht." Aber das zweite Gesicht empfinden kritische Österreicher als das vielleicht grundlegende Problem der gesamten Nation. Es ist die Fratze, die sich immer wieder kurz zeigt, aber schnell wieder verschwindet. Bei Kampusch und ihrem Peiniger Priklopil, beim Bischof von Sankt Pölten und seinen Knaben. Kaum gesehen und gleich wieder unter den Tisch gekehrt.

Jetzt ist sie wieder da, in Person von Josef Fritzl, dem "Monster", wie sie hier sagen. Jener Inzest-Vater von Amstetten, der die Stadt, das romantische Mostviertel, ja das ganze Land weltweit in Verruf bringt. Draußen, vor dem Gerichtsgebäude hatten sich rechte Gruppierungen ein Forum verschafft und auch die "Opferinitiative", die sich um missbrauchte Kinder kümmert. Österreich sei geradezu überlaufen von Pädophilen, die höchsten Ebenen der Politik seien durchseucht davon, brüllt Anführer Herbert durch ein Megaphon.

So viele Väter wünschten sich doch insgeheim eine Tochter als Bett-Gschpusi, ganz gleich ob im Keller oder Ehebett. Doch den Österreichern mangele es an Bereitschaft, das endlich zu begreifen. Und deshalb ändere sich auch nichts. Den Bürgern hier graust es vor solchen Äußerungen. "Sie machen unser Land schlecht. Was soll die Welt nun wieder über uns denken?" Der Prozess legt eine alte österreichische Wunde offen, nämlich den tief verwurzelten Komplex, eine Nation von Verdrängern zu sein.

Panoramablick aufs rechte Milieu

Österreich will etwas anderes sein. Das Land herrlicher Alpen-Panoramen, der Ski-Pisten, des Pulverschnees und der Hütten-Gaudi. Es will sein das Land von Sigmund Freud, des Wiener Burgtheaters, des Opernballs, des schillernden Baulöwen Richard "Mörtel" Lugner und des Praters. Aber es ist auch das Land eines rechtspopulistischen Haiders, der noch aus dem Grab heraus ein triumphalen Sieg seiner BZÖ-Partei in Kärnten einfährt.

Was der Vater sagt, ist Gesetz

Es sei überdies ein Vaterland der herrschenden Väter, die innerhalb der Familie den Takt vorgeben, wie Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in einem essayistischen Aufsatz mit dem Titel "Im Verlassenen" über den Fall Fritzl schreibt: "Wir werden mit dem Wort des Vaters beschallt, wenn der Heilige Vater einmal kommt, dann mit seinen heiligen Worten, womöglich rund um die Uhr, und dann mit dem Wort zum Sonntag und mit anderen Worten für andre Tage." Wenn der Vater etwas sagt, ist das gleichermaßen Gesetz, meint Jelinek. Der Vater verfügt darüber, was gesagt werden darf und worüber zu schweigen ist. Auch Fritzls Frau hatte nichts zu sagen, wagte sich nicht hinab in den Keller, um zu schauen, was ihr Mann da macht. Einfach nur verdrängen.

Sie ließ sich 24 Jahre an der Nase herum führen, war demütig und gefügig. Verdrängte immer noch, als schon das dritte Kind aus dem Keller vor ihrer Tür lag. Ließ sich sogar narren, als ihr eigener Mann mit verstellter Stimme bei ihr anrief und sich als die eigene Tochter E. ausgab. Ein Ermittler sagte einmal mit vorgehaltener Hand, dass in diesem Teil Österreichs die Frau noch immer nicht sehr viel zähle, wie man es andernorts längst gewohnt sei.

Deshalb fürchten viele Menschen hier, dass nach der Verurteilung des Täters zur Tagesordnung übergegangen werde und man das Geschehene nicht aufarbeitet und von Einzeltätern spricht, wie bei Natascha Kampbusch. Vielleicht hat sich Österreich in seiner Geschichte manchmal aber auch ungeschickt verhalten und muss nun auch deshalb mit dem Verdrängungsvorwurf leben. Jelinek schreibt in ihrem Aufsatz über Fritzl auch über die Nazis in Österreich, die beliebter gewesen seien, als jeder Aufstand.

Vergessen als Volkssport

Und in der Tat, wenn es um die Aufarbeitung des Dritten Reichs geht, hört man auch in Amstetten immer wieder: "Lasst doch die Vergangenheit endlich ruhen!" Im Ort hat man Hitler am 14. März 1938 mit großem Jubel empfangen. Es gab zwei Arbeitslager, Bahnbau I und Bahnbau II. Ein Denkmal für die Grausamkeiten gebe es aber nicht, sagt der Stadtarchivar. Im örtlichen Schulpark gibt es eine kleine Gedenkstätte für die deportierten und vertriebenen Juden des Ortes. Es sind zwölf Plexiglaskegel, in denen die Namen stehen, eingelassen in den Rasen, wo die Hunde rennen und ihre Notdurft verrichten.

Gerhard Zeillinger, Historiker und Amstettener Sohn, hat sich die Mühe gemacht, die Nazi-Vergangenheit einmal aufzuarbeiten. Er gab ein Buch heraus und schreibt im Vorwort: "Das Vergessen als der bequemste, gleichzeitig gefährlichste Weg, mit Geschichte fertig zu werden, scheint ureigenste österreichische Mentalität zu sein." In einem Kapitel wird über die Ausstellung "Amstetten vor 50 Jahren" auf dem Hauptplatz, unweit des Fritzl-Hauses, berichtet. Stellwände mit Bildern und Dokumenten aus der düsteren Vergangenheit wurden während einer Sportveranstaltung kurzerhand zu Tribünen und Umkleidekabinen umfunktioniert. Pervers oder auch nur Verdrängung?

"Kein allgemeingültiges Monster"

Der Fritzl-Prozess bringt Österreich wieder einmal in eine Rechtfertigungsposition. Und wer sich lautstark verteidigt, der hat ja vielleicht auch Unrecht. Das Land steckt in der Zwickmühle. Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse reagiert inzwischen genervt auf die völkerpsychologischen Deutungsversuche. Er hatte zahlreiche Anfragen mit der Bitte, sich doch zum Prozess zu äußern.

Das hat er bislang abgelehnt. Doch nun platze ihm allmählich der Kragen, weshalb er nun doch etwas dazu sagen wolle. Fritzl sei kein österreichisches Phänomen, sei kein "allgemeingültiges Monster", sondern Einzeltäter. Nach der Aufdeckung des Skandals habe es ähnliche Fälle in Italien und den USA gegeben. Aber alles redet nun über Österreich, weil man Fritzl zu einem globalen Ereignis aufgeblasen habe. Was aber Deutschland und Österreich tatsächlich voneinander unterscheide, sei die Mentalität des Verbrechens.

"In Deutschland passiert das Verbrechen in der Öffentlichkeit und am helligten Tage, in Österreich im Keller und hinter verschlossenen Polstertüren." Aber diese Unterscheidung verändere sicherlich nicht die Qualität des Verbrechens selbst, erklärt Menasse. Fritzl-Anwalt Rudolf Mayer sieht das ähnlich. "Inzest gibt es überall", sagte der Star-Jurist vor Gericht. Doch aus seinem Munde hörte sich das dann wieder nach Bagatellisierung an. Was es überall gibt, kann ja so schlimm nicht sein. Was bei Fritzl, dem Vater und Großvater, außergewöhnlich sei, erklärte Mayer, sei die Kreation einer eigenen Familie gewesen, die er im Keller verwahrte wie eine Parallelwelt. Nun geht es um Schuld und Sühne, für Fritzl und die ganze Nation, auf die gerade alle schauen. Österreich wird sicher noch lange damit zu kämpfen haben. Aber nun gehe zu allererst um eine Gesellschaft, die in Zukunft besser hinhört, die wieder den eigenen Nachbarn kennt und sich kümmert, wie der Bürgermeister von St. Pölten sagt. Aber das gilt sicher diesseits wie auch jenseits der Alpen. Im Fall Fritzl hätte es bestimmt geholfen.


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