Inzest-Täter Josef Fritzl "Tür zu im Keller, Tür zu im Kopf"


27 Stunden saß die Linzer Psychiaterin Dr. Adelheid Kastner dem Inzest-Täter Josef Fritzl als Gutachterin gegenüber. Sie ist dem "Monster von Amstetten" so nahe gekommen, wie kaum jemand sonst. Im stern spricht die Ärztin über Fritzls Machtgelüste, die Qualen seiner Kinder und seine Schuld.
Von Christian Parth und Michael Streck

Am Tag nach dem Urteil "Lebenslänglich" gegen Josef Fritzl sitzt die Psychiaterin Adelheid Kastner in ihrem Büro in der Nervenklinik Linz. Mit leiser Stimme schildert die 46-jährige Ärztin den spektakulärsten Fall ihrer Karriere: Josef Fritzl. Jener Mann, der seine Tochter 24 Jahre einkerkerte, vergewaltigte und sieben Kinder mit ihr zeugte. Im April vergangenen Jahres flog er nur deshalb auf, weil eines der Inzestkinder lebensbedrohlich erkrankte und er sich gezwungen sah, das 19-jährige Mädchen ins Krankenhaus zu bringen. Bis zum Prozess war sich Fritzl offenbar der Schwere seiner Tat nicht bewusst. Erst die elfstündige, auf Video aufgezeichnete Aussage der Tochter E. und ihre Anwesenheit im Gerichtssaal brachten seine verquere Gedankenwelt zum Einsturz.

Frau Kastner, Sie haben Hunderten von Mördern gegenübergesessen …

Aber das war etwas anderes. Der Fall des Herrn Fritzl ist einzigartig. Ungewöhnlich ist die Sorgfalt seiner Planung, die Effizienz seiner Durchführung und seine absolut ausgeprägte Fähigkeit, eines vom anderen in sich selbst abzuspalten. Tür zu im Keller, Tür zu im Kopf. Anders hätte er das nicht 24 Jahre durchgehalten. Sie müssen sich vorstellen: Die Tochter, die unten saß, war ja auch oben immer wieder Thema. Nicht zuletzt durch die vor der Tür abgelegten Kinder. Und die Kinder, die unten blieben, waren gleichfalls präsent. Die waren ja da. Zwei Stockwerke tiefer. Aber er konnte das absolut wegblenden. Der Mann hat sich in den 24 Jahren nicht ein einziges Mal verraten. Nie. Nicht einmal. Das geht nur, wenn man oben und unten strikt voneinander trennen kann. Und dieser Wechsel fand bis zu dreimal am Tag statt.

Sie haben mit Fritzl insgesamt 27 Stunden gesprochen. Welchen Eindruck hat der Mann auf Sie gemacht?

Das war für mich immer wieder eine paradoxe Situation. Meine Aufgabe besteht ja darin, sein ganzes Leben aufzuarbeiten. Sie müssen auch 73 an der Oberfläche sehr unspektakuläre Jahre durchgehen. Zum Beispiel, wie lange er welche Gussmaschinen verkauft hat. Das kann, wenn es sich über Tage zieht, öde sein. Manchmal dachte ich: Man führt ein Gespräch mit einem Mann, für das andere einen Haufen Geld bezahlen würden, und ich empfinde zuweilen Langeweile. Aber das war natürlich nur die eine Seite.

Und die andere?

Unter der biederen, glatten Oberfläche brodelt es in seinem Innersten. Er ist wie ein Vulkan. Und wenn das Innere durchbricht, kommt eine ungeheure Masse an destruktiver Lava heraus, die alles verbrennt, was im Weg steht. Herr Fritzl hat mir gesagt, er sei ein Mensch mit Trieben und Emotionen, die er schlecht kontrollieren kann und die ihn zum Bösen drängen.

In Ihrem Gutachten kommen Sie zu dem Ergebnis, dass der Schlüssel für seine dunkle Seite in der Kindheit liegt. Fritzl, schreiben Sie, sei mit einer Hypothek geboren worden.

Das stimmt. Herr Fritzl hatte schon mit der Geburt seine Funktion erfüllt. Seine Mutter war von ihrem Mann verlassen worden, weil der sie für unfruchtbar hielt. Sie suchte sich einen anderen - allein zum Zweck der Zeugung. Sie wollte ihre Gebärfähigkeit unter Beweis stellen. Er sah sich als "Alibi-Kind". Ich würde eher von "Beweis- Kind" reden. Später betrachtete die Mutter ihn als Plage. In ihren Augen war er kein Wesen, das Zuwendung, Achtung, Fürsorge oder sogar Liebe verdiente.

Woher kam die Abneigung gegen den Sohn?

Sie war selbst außerehelich gezeugt worden und ging aus einer Affäre ihres Vaters mit einer Magd hervor. Dessen Frau war unfruchtbar. Er hatte insgesamt drei Kinder außerhalb der Ehe gezeugt - immer mit Untergebenen. Er hatte seine Frau gezwungen, diese außerehelichen Kinder zu adoptieren. Schnell wurde klar, dass Fritzls Taten Versatzstücke aus der eigenen Familienbiografie aufweisen. Das Zeugen außerehelicher Kinder, die dann in eine bestehende Familienstruktur integriert werden, kannte er von seinen Großeltern. Das hat für mich diese diabolische Fantasie, die ihm viele bis heute bescheinigen, relativiert. Er hat in Wahrheit etwas gemacht, das er kannte.

Die ganze Idee für seine Taten kommt also aus der Vergangenheit?

Das kann man so vereinfacht nicht behaupten. Der Mensch ist zu komplex, um ihn so eindimensional zu betrachten. Die Planung und Vorbereitung hat bei Fritzl auf mehreren Ebenen stattgefunden. Er hat sicher Vorbereitungen getätigt, mit dem Zweck, die Tat auch irgendwann umzusetzen. Und diese Vorbereitungen hat er zugleich mit völlig anderen Begründungen vor sich gerechtfertigt.

Wie meinen Sie das?

Es ist möglich, in sich zwei Argumentationsschienen laufen zu lassen und den Blick zunächst nur auf eine zu richten. So sagte er zu sich etwa: "Ich baue im Keller ein zusätzliches Lager." Hatte aber im Hinterkopf: "Das wäre auch geeignet, um jemanden einzusperren." Fritzl hat sich seinem Vorhaben schrittweise angenähert. Diese beiden Ebenen spiegeln sich auch im Keller wider.

Inwiefern tun sie das?

Er stellte ein paar Regale rein, in die er Ersatzteile für Maschinen legen wollte. Damit stärkte er für sich selbst den Aspekt eines Lagers. Gleichzeitig baute er eine dicke Tür ein. Solche Zwiespältigkeit ist ja durchaus menschlich. Jeder von uns kennt das. Viele reden sich ihre eigenen Motive schön. Und so ging es bei ihm vermutlich immer weiter. Eine Matratze kam dazu, dann ein Bett. Das alles war aus seiner Sicht nicht so schlimm, es war ja noch nichts passiert. Dem inneren Brodeln hatte er damit aber vorerst Erleichterung verschafft. Er konnte es noch kontrollieren.

Am 29. August 1984 hat er die Zügel seiner Selbstkontrolle gelockert und die Tochter E. eingesperrt. Gab es an diesem Tag einen speziellen Impuls für sein Handeln?

Was an diesem Tag geschehen ist, schildert er für sich wiederum als Rechtfertigung. Er hatte am Nachmittag ein Gespräch über ihren Drogenkonsum geführt.

Seine Tochter hat Drogen konsumiert?

Fritzl ging davon aus, dass sie Klebstoff schnüffelt. Und damit konfrontierte er sie in der Werkstatt des Kellers, dem Vorraum zum Verlies. Sie habe sich, sagt Fritzl, dabei starrköpfig verhalten. Woraufhin er eine unglaubliche Wut entwickelte. Damit rechtfertigt er für sich die Tat. In ihm tobte der innere Widerstreit. Auf der einen Seite wird er sich gedacht haben: "Jetzt habe ich Fakten geschaffen, aus denen ich nicht mehr herauskomme." Auf der anderen Seite spürte er vermutlich eine wahnsinnige Erleichterung: "Ich habe jetzt endlich getan, was ich immer tun wollte." Er hat später auch betont, dass er seiner Tochter qua Haft das Leben retten wollte.

Josef Fritzl hatte fünf Töchter. Warum wählte er ausgerechnet E.?

Er sagte immer: "Sie war mir am ähnlichsten. Sie war so stark wie ich, sie war so stur wie ich." Wenn es darum geht, Macht auszuüben, ist ein schwacher Gegner sicher kein gewinnbringendes Objekt.

Hat er sich danach sofort an ihr vergangen?

Er selbst behauptet, dass es dazu erst später kam. Fritzl scheut sich davor, bestimmte Dinge anzuerkennen. Aber er gab zu, nur wegen einer Sache nach unten zu gehen. Und das täglich. Als seine Potenz mit dem Alter nachließ, benutzte er sogar Viagra.

Warum ist sein Machtbedürfnis so sehr an Sexualität gekoppelt? Macht kann man ja auch anders ausleben.

Da gibt es ein einschneidendes Erlebnis aus seiner Jugend. Er hat oft die Schule geschwänzt, aber nicht, um herumzustreunen, sondern um zu lesen. Er saß im Garten seines Hauses an der Ybbsstraße. Dort wurde er eines Tages von seinem Lehrer erwischt. Der hat dann aber nicht, wie Fritzl es von seiner Mutter gewohnt war, massive Sanktionen ausgesprochen, sondern nur gesagt: "Josef, was tust du denn? Renn doch nicht davon und komm." Das hat mir Herr Fritzl gleich in der ersten Sitzung erzählt und fing an zu weinen. Und das 60 Jahre später. Das ist schon ungewöhnlich.

Und weshalb war das ein Wendepunkt?

Am nächsten Tag hat er sich bei diesem Lehrer entschuldigt und nie wieder geschwänzt. Es hat ihm Selbstbewusstsein verschafft. Kurz danach begann er, sich seiner Mutter zu widersetzen. Er sagte ihr: "Du schlägst mich nimmer. Sonst schlag ich zurück." Danach hat sie es nie wieder getan. Diesen Schritt zu vollziehen muss ihm sehr schwer gefallen sein. Aber das Ergebnis hat ihn bestätigt. Da war er 12, 13 Jahre alt. Und das unerwartete Erleben eigener Macht fiel zeitlich mit dem Erwachen seiner Sexualität zusammen. Es liegt nahe, dass er fortan diese beiden Triebe miteinander verknüpft hat. Zugleich entwickelte er das Bedürfnis, einen Menschen ganz für sich allein zu haben. Jemand, den er kontrollieren kann. Jemand, der nicht vor ihm flieht. Wie seine Mutter es tat, die ihn oft tagelang allein ließ.

Was wäre Ihrer Meinung nach passiert, wenn er die Tochter E. nicht gehabt hätte?

Er hätte fremde Frauen vergewaltigt. Er sagte ja auch: "Ich bin zum Vergewaltigen geboren." Einmal hat er das ja auch getan, aber schnell gemerkt: Das ist der falsche Weg. Denn die Tat wurde durch seine Verurteilung zu 18 Monaten Haft öffentlich. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren. Es hätte der Aufrechterhaltung seines biederen Äußeren widersprochen. Er musste sich also andere Wege suchen.

Und mit seiner Frau wollte er sich seine Fantasien nicht erfüllen?

Nein. Er wusste, dass er hier sozial stark eingegrenzt ist. All diese Wünsche, die er hatte, waren oben, im normalen familiären Kreis, nicht auslebbar.

E. soll in der ersten Zeit im Verlies bis zur Heiserkeit geschrien und gegen die Wände getrommelt haben. Das muss in ihm doch auch so etwas wie Schuldgefühle ausgelöst haben.

Die hat er sicher irgendwie gehabt. Das sind die Phasen kurz vor dem Einschlafen und kurz nach dem Aufwachen. Auch das kennen wir alle. Diese Momente, in denen das rationale Denken stark reduziert ist und man Dinge im Kopf hat, die man vielleicht nicht präsent haben will. Das hat er sicherlich auch erlebt. Aber grundsätzlich besitzt Herr Fritzl die Fähigkeit, Dinge, die er nicht sehen will, nicht zu sehen. Eine Eigenschaft, die er kultiviert hat. Er sagte mir mal: "Glauben Sie wirklich, ich feiere im Garten Grillpartys und denke an das darunter? Das kann ich doch nicht. Ich kann nur feiern, wenn ich gar nicht daran denke. Wenn unten die Tür zu ist, ist sie zu. Unten und bei mir im Kopf." Er hat mit seiner Frau oben gesessen und mit ihr gemeinsam geweint, dass seine Tochter weg ist.

Er hat wirklich geweint?

Seine Frau hat angefangen, und dann war er auch ganz betrübt, wollte sie trösten und hat dann mitgeweint. Bei vollem Wissen, dass seine Tochter zwei Stockwerke unter ihm gefangen ist …

Sie nennen das Dreifachleben.

Es gab die außen sichtbare Person, es gab die familiäre Person, und es gab das Leben unten. Das ist sehr symbolisch. Das ganze Haus spiegelt seine gestörte Persönlichkeit, die innerfamiliären Verflechtungen und die gestörten Beziehungen wider. Das Haus ist ein Kaninchenbau, es fehlt ihm jede Geradlinigkeit, Durchsichtigkeit und Überschaubarkeit. Der Keller seiner Seele entsprach dem Keller des Hauses.

Obschon Fritzl stets behauptet hat, dass er seine Tochter liebte …

Das hat er gesagt. Aber er fragt sich langsam, ob er überhaupt weiß, was das ist - Liebe. Und das fragt er sich wahrscheinlich zu Recht. Weil ihm die emotionale Dimension verschlossen bleibt. Für vieles. Er kann sich zwar bemühen, steigt aber nicht dahinter, weil dahinter nichts ist. Die Emotionen, die er kennt, sind das Gefühl des Triumphs, wenn er jemanden dominiert. Und Angst. Alle feineren, positiv besetzten Emotionen kann er nicht richtig nachvollziehen. Ich bezeichne ihn im Gutachten als emotionalen Analphabeten.

Das beweisen auch die Bilder, die er den Kindern im Verlies von ihren Geschwistern oben gezeigt hat.

Das hat er sogar als Pluspunkt betrachtet. Weil er seiner Tochter die Entwicklung ihrer Kinder nachvollziehbar machte. Für mich hatte die Auswahl der Bilder, glückliche Kinder in der Sonne oder planschend im Pool, etwas ziemlich Sadistisches.

Bewusst sadistisch. Oder falsche Fürsorge?

Beides vielleicht.

Sadistisch war aber eindeutig, seine Zweitfamilie in dem Verlies durch Lebensmittelrationierung oder mit Stromausfällen zu disziplinieren …

Das hat er immer bestritten. Und auch ich kann nicht sagen, ob das stimmt. Es ist aber sinnvoll für ihn, diese Vorwürfe zu bestreiten. Denn natürlich ist es ganz besonders verwerflich, jemanden in diese Lage zu bringen und ihn dann in dieser abhängigen Situation noch zusätzlich zu quälen über so perfide Dinge wie Licht- oder Nahrungsmittelentzug. Das ist ihm schon klar. Das musste er vehement leugnen. Die Scham, sich das einzugestehen, wäre selbst für ihn zu groß.

Geleugnet hat er anfangs auch, für den Tod des Säuglings Michael verantwortlich zu sein.

Das ist für ihn ein weiteres Tabu: jemanden umzubringen. Zu töten, aktiv zu töten ist für ihn tabu. Den Tod in Kauf zu nehmen ist eine andere Sache.

Wie hat er Ihnen denn den Tod des Kleinen geschildert?

Fast wie ein logistisches Problem. Herr Fritzl sagte mir, er sei überraschend mit dem toten Säugling konfrontiert worden. Die Leiche galt es dann zu entsorgen. Und es ging darum, das möglichst effizient zu tun. Dann hat er die Leiche eben im Heizofen verbrannt. Vor Gericht hat er ja gesagt, er sei immer ein Anhänger der Feuerbestattung gewesen.

Das hat er gesagt?

Ja.

Das ist zynisch.

Nein, das war seine Überzeugung.

Für ihn war das nicht mehr als eine Feuerbestattung?

Das war zumindest eine Version, mit der er ganz gut leben konnte.

Es scheint fast so, als sei das Verlies ein gesetzloser Raum gewesen.

Nein. Es gab klare Gesetze: seine.

Dann liefen doch sicher auch die Kinder, die er mit seiner Tochter gezeugt hat, Gefahr, Opfer seines Sexualtriebs zu werden?

Dazu sage ich nichts.

Hatte er selbst keine Angst davor, eines Tages vielleicht überwältigt zu werden?

Ich kann mir vorstellen, dass er gewisse Angst vor Entdeckung gehabt hat. Ja. Er hatte Bedenken, dass ihn da unten jemand mal attackieren könnte. Am Schluss haben dort immerhin drei Erwachsene gelebt. Also drei gegen einen.

Hatte Fritzl dafür einen Notfallplan?

Nein. Er hat ihnen ja immer wieder vermittelt, dass es keinen Sinn machen würde ihn auszuschalten, weil sie dann umso gefangener wären. Einem Kind ist es übrigens mal gelungen, den Schleusenbereich zu betreten, als er versehentlich die Tür nicht richtig verriegelt hatte.

Wie hat er darauf reagiert?

Das hat er erst nach seiner Festnahme erfahren. Aber selbst wenn dem Kind die Flucht aus dem Verlies geglückt wäre, heißt das noch lange nicht, dass es auch den Weg nach oben gefunden hätte. Sie müssen sich vorstellen, dass die Kinder in ihrem Leben noch nie eine Treppe benutzt hatten.

Können Sie uns erklären, wie es die Familie 24 Jahre lang dort unten aushalten konnte?

Ich weiß nicht, was in dem speziellen Fall funktioniert hat. Ich kenne die Betroffenen ja nicht. Aber der Mensch ist auf Überleben programmiert. Jeder. Schauen Sie doch auf die Gefangenen, die im Konzentrationslager unter unvorstellbaren Bedingungen überlebt haben. Menschen sind sehr anpassungsfähig, weil der Überlebenswunsch so stark ist.

Der besessene Planer Fritzl hatte doch sicher ein Ausstiegsszenario entwickelt. Er wollte irgendwann seine beiden Welten vereinen …

Ja. Das Problem war, dass er immer älter wurde, auch geistig. Und damit auch unflexibler. Eine umfassende Planung wurde zusehends mühsamer. Es gab ganz diskrete, leichte Zeichen für eine beginnende Demenz. Die hat ihn daran gehindert, das Ganze für sich zufriedenstellend zu Ende zu planen.

Wäre das aus seiner Sicht ein vollendetes Lebenswerk gewesen? Die unterirdische Familie taucht wieder auf und lebt oben weiter, als hätte es die 24 Jahre Kerker nie gegeben.

Das wäre aus seiner Sicht wohl eine runde Sache gewesen. Ein Triumph. Alles wäre ihm gelungen. Einfach zu sagen: "Seht her, sie ist mit den Kindern zurückgekehrt von der Sekte und will jetzt bei uns wohnen."

Fritzl glaubte wirklich, seine Zweitfamilie würde bei dieser Legende mitspielen?

Er hat es geglaubt. Herr Fritzl zimmert sich die Welt so zurecht, wie es für ihn passt. Er nimmt seine Wahrheit als die Wahrheit schlechthin. Das ist kein psychopathisches Manipulieren. Er präsentiert seine Wahrheit als Fakt. Und die Tatsache, dass er eines Besseren belehrt wurde, hat er für sich ja auch schlüssig begründet. Seine Überzeugung war allen Ernstes: "Sie hätte nie was gesagt, wenn die Polizei nicht mit der Wegnahme der Kinder gedroht hätte."

Und was hat ihm die Augen geöffnet?

Seine Tochter. Mit ihrer Aussage auf Video im Gericht ist seine Welt endgültig zusammengebrochen. Bis zu diesem Prozesstag war ihm nicht klar, dass sie ihn tatsächlich derart schwer belastet hatte. Sie hat ihn mit ihrer Realität geradezu geschockt. Er war zum ersten Mal in seinem Leben mit der Sicht einer anderen Person konfrontiert, ohne dass er sich dem entziehen konnte. Er musste sich das anhören und ansehen.

Haben Sie den Eindruck, dass Fritzl sich jetzt das Leben nehmen könnte?

Er hat mir damals gesagt, dass er sich dem Verfahren stellen und es durchstehen will. Das sei er allen Beteiligten schuldig. Er hat auch gesagt, dass er sich dem Prozess gewiss nicht durch Suizid entziehen wird. Er hat ihn durchgestanden, und nun haben sich die Voraussetzungen verändert. Untersuchungen zufolge gibt es zwei Punkte, an denen die Suizidgefahr bei Straftätern höher ist. Der eine ist kurz nach der Inhaftierung. Der zweite nach dem Urteil. Rein statistisch gesehen, ist seine Gefährdung zurzeit erhöht.

Frau Kastner, für Sie ist der Fall Fritzl nun abgeschlossen. Wie verarbeiten Sie all die Grausamkeiten, die Sie sich anhören mussten?

Das weiß ich noch nicht. Nietzsche hat mal gesagt: Man könne nicht immer in den Abgrund schauen, denn irgendwann schaue einmal der Abgrund aus einem heraus. Ich bin mit dem Fall monatelang ins Bett gegangen und damit aufgewacht. Nach Abgabe des Gutachtens ist es mir nicht mehr nachgegangen. Es gab danach noch einen Vorfall im November, wo alles mit Macht in mir hochkam. Doch ich habe Mittel und Wege, so etwas zu überstehen. Welche das sind, möchte ich gern für mich behalten.

Sie sagten, der Fall Fritzl sei einzigartig. Aber war er für Sie als Gutachterin auch der schlimmste?

Nein. Es gibt Situationen, da erfüllt die Schuld eines Täters den gesamten Raum. Das sind Situationen, in denen Sie nach Luft ringen müssen. Das kann man kaum ertragen. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der hatte drei Menschen erstochen. Er fragte mich: "Was tue ich denn jetzt damit?" Und ich sagte ihm: "Da können Sie nichts tun. Das müssen Sie jetzt aushalten." Das zu sehen war auch für mich grauslig.

War auch bei Josef Fritzl der Raum voller Schuld?

Nein. Aber das kann man ihm nicht einmal anlasten. Er ist einfach zu flach.

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