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Inzestfall im Westerwald: Die Ohnmacht der Beschützer

Die Nachbarn sagen, sie hätten es geahnt. Das Jugendamt ging aus und ein bei der Familie. Warum hat jahrelang niemand etwas unternommen im Inzestfall von Fluterschen?

Von Manuela Pfohl

Erst ein Brief beendete den Sex-Horror im beschaulichen Westerwald: Acht Kinder soll der 48-jährige Detlef S. aus dem Dorf Fluterschen mit seiner Adoptivtochter gezeugt haben. Dabei gingen die Behörden bei der Familie aus und ein. Wie konnte es also zu den Missbrauchsfällen kommen?

Das Jugendamt weist alle Vorwürfe zurück, die unterstellen, dass die Mitarbeiter des Amtes nicht eingegriffen hätten. So habe es bis zum Bekanntwerden der Fälle im August 2010 keinen konkreten Beleg dafür gegeben, dass Detlef S. mit seiner Stieftochter Kinder gezeugt hat. Das Jugendamt betreute die heute 28-Jährige mit ihren sieben Kindern - mindestens einmal wöchentlich schaute eine Mitarbeiterin vorbei. "Die junge Frau war teilweise überfordert", sagt Hermann-Josef Greb, der Leiter des zuständigen Jugendamtes. Immer wieder habe die Mitarbeiterin nachgefragt, ob der Stiefvater der Vater der Kinder sei. "Das Opfer hat das jeweils abgestritten und erklärt, da sei nichts dran, das seien Unterstellungen." Später präsentierte die Familie sogar einen Mann, der die Vaterschaft anerkannt hatte. Mittlerweile fechte er diese jedoch wieder an.

"Das Opfer hat alles abgestritten"

Erst der Abschiedsbrief von S. leiblicher Tochter war es, der alles ans Licht brachte. Der Brief war an den Vater gerichtet. Das Mädchen war inzwischen 18 Jahre alt und konnte endlich aus dem Haus ausziehen. "Doch vorher wollte sie noch klar Schiff machen", sagt ihre Anwältin Sandra Buhr. Der Brief kam nicht beim Vater an, vorher fand ihn die gepeinigte Stiefschwester beim Aufräumen.

Selbst vom Terror der vergangenen Jahrzehnte gezeichnet, leitete sie den Brief ans Jugendamt weiter und brachte damit den Stein ins Rollen.

Den Behörden waren "die Hande gebunden"

Auch die Polizei war zuvor nicht weitergekommen. Einmal bekamen die Beamten dem Jugendamtsleiter zufolge sogar einen Tipp aus dem direkten Umfeld der Familie. Doch die Blockadehaltung der Eltern und der Kinder sowie die entlastenden Aussagen der mutmaßlichen Opfer ließen alle Ermittlungen im Sande verlaufen. Laut "Rhein-Zeitung" erreichten die Behörde Hinweise. Diese hätten sich laut Jugendamt aber nach jeweils kurzer Zeit als nicht belastbar herausgestellt. So sei in früheren Jahren der Verdacht geäußert worden, die leibliche Tochter werde von ihrem Vater missbraucht.

Laut Kreisverwaltung schwieg die Tochter dann bei einer Befragung, und ein Arzt konnte keine Spuren eines Missbrauchs feststellen. Verdachtsmomente allein reichen laut Jugendamt jedoch nicht aus, "wenn die Person, die nach dem Verdacht das Opfer ist, auf mehrfaches Befragen verschiedener Stellen, so auch durch die Polizei, wiederholt erklärt, dass die Vermutungen nicht zutreffend seien". In solchen Fällen seien sowohl dem Jugendamt als auch anderen staatlichen Stellen die Hände gebunden. So auch beim Vorwurf, der Vater habe im Jahr 2002 seinen Sohn mit einem Gürtel geschlagen. Der Vater habe daraufhin alle Kinder einem Arzt vorgestellt, der habe keine Misshandlungsspuren entdecken können.

350 Taten sind aufgelistet

Der Vater habe die gesamte Familie terrorisiert, begründet die Anwältin der Adoptivtochter, warum sich niemand aus der Familie gewehrt hat. "Er hatte enormen Druck auf die Familie ausgeübt. Er hatte die ganze Familie so im Griff, dass sie letztendlich das getan haben, was er wollte", sagt Katharina Hellwig. "Wehren half nichts, sie haben sich ihm gebeugt."

Nun muss sich der Mann, der bislang alle Vorwürfe abstreitet, der Justiz beugen. Vom kommenden Dienstag an sitzt er wegen insgesamt 350 Sexualtaten am Landgericht Koblenz auf der Anklagebank. Das bestätigte ein Gerichtssprecher. Ihm werden unter anderem schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und die Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger vorgeworfen. Laut Gericht soll er zwischen 1987 und 2010 in zahlreichen Fällen sexuelle Handlungen an der Stieftochter, seiner leiblicher Tochter und auch dem Stiefsohn vorgenommen haben. Außerdem soll er die beiden Mädchen mehrfach zu Männern gebracht haben, die dann sexuelle Handlungen an ihnen vornahmen.

Detlef S. sitzt seit dem vergangenen August in Untersuchungshaft. Ein Gutachter kam bei DNA-Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass die Vaterschaft des 48-Jährigen bei sieben Kindern praktisch erwiesen ist. Das achte Kind ist gestorben. Die Staatsanwaltschaft fordert Sicherungsverwahrung, die Anwälte der missbrauchten Kinder schließen sich an. Anwältin Buhr: "Mein Wunsch für alle Opfer wäre, dass der sich hinstellt und gesteht. Und damit den Opfern die Aussage erspart"

mit DPA