HOME

Inzestprozess: Josef Fritzl - für immer weggesperrt

"Haben Sie das Urteil verstanden", fragt die Richterin. "Ja", antwortet Josef Fritzl. Mit diesen Sätzen endet der Jahrhundertprozess gegen das "Monster von Amstetten". Fritzl kommt in eine Haftanstalt für abnorme Straftäter und wird dort bis an sein Lebensende über seine Gräueltaten grübeln können.

Von Christian Parth, St. Pölten

Josef Fritzl verlangt die Gerechtigkeit sofort. Duldet gegen das Urteil keinen Einspruch, für den er laut Gesetz drei Tage Zeit hätte. Will keine weiteren Worte mit seinem Anwalt Rudolf Mayer wechseln, der ihm sowieso nicht mehr helfen kann. Josef Fritzl, 73, muss lebenslang hinter Gitter für seine unglaublichen Verbrechen an seiner Tochter E. und den sieben Kindern, die er mit ihr in einem dunklen Kellerverlies zeugte. Im Namen des Volkes. Die Vorsitzende Richterin Andrea Humer fragt ihn: "Haben Sie das Urteil verstanden?" Fritzl flüstert: "Ja".

Die Hände im Schoß gefaltet, hellgraues Sakko über blauem Hemd zu dunkelgrauer Hose. So kleidet sich ein Jahrhundertverbrecher und so taucht er auch am vierten und letzten Verhandlungstag auf. Als die Geschworenen nach einer mehr als vierstündigen Beratung in den Schwurgerichtssaal zu St. Pölten zurückkehren, merkt man die Last, die sie auf ihren Schultern tragen. Sie stehen in ihrer kleinen Parzelle aus dunkelbraunem Holz, blicken einander an, blasen die Backen auf und seufzen. Sicher haben sie in den letzten Tagen intensiv die Bürde verspürt, für das Schicksal eines Menschen verantwortlich zu sein. Ausgesucht hatten sie es sich nicht, sondern wurden per Zufallsverfahren ausgewählt. Bürgerpflicht.

Frauen waren Fritzls Schicksal

Jetzt stehen sie hier, für alle Außenstehenden anonym, und müssen urteilen. Ihre Antworten auf die acht Fragen des Gerichts nach Schuld und Unschuld trägt eine Frau vor. So wie überhaupt Frauen das Schicksal des Josef Fritzl waren. Früher seine Mutter, seine Frau, seine Tochter E. Und jetzt Richterin Humer, Staatsanwältin Andrea Burkheiser und Opferanwältin Eva Plaz. Nun verkündet eben diese Geschworene mit einer beinahe liturgischen Monotonie, dass Fritzl in allen Anklagepunkten schuldig ist. Schuldig auch des Mordes durch Unterlassung an dem Zwillingsbaby Michael. Und schuldig auch der Sklaverei.

Zuvor hatte Staatsanwältin Burkheiser in ihrem Abschlussplädoyer die Geschworenen noch einmal auf die Schwere der Schuld aufmerksam gemacht. Sie verdeutlichte, dass Fritzls Geständnis vom Vortag nur eine Finte gewesen sei, weil er selbst aus seiner aussichtlosen Lage heraus noch immer zu herrschen und zu manipulieren versuche. "Das Geständnis ist der Versuch, aus einer vorgetäuschten Schwäche eine Stärke zu machen", sagte Burkheiser. Heute äußerte sich auch erstmals Opferanwältin Plaz öffentlich. Sie betonte im Namen von E., dass Josef Fritzl nach der Geburt des Zwillingsbabys sehr wohl von dessen lebensgefährlicher Erkrankung gewusst habe. "Michael ist durch Qualen gestorben, und meine Mandantin musste ihm dabei tagelang zusehen", erläuterte sie den Schöffen. "Der Angeklagte hat sich zum Herrn über Leben und Tod gemacht. Dafür muss er bestraft werden."

"Ich bereue, was ich meiner Familie angetan habe."

Josef Fritzl ist ein einsamer Mann. Einsam war er während des Prozesses allerdings auch aus juristischer Sicht. Denn auf das, was sein Strafverteidiger Rudolf Mayer ablieferte, hätte er gut und gerne verzichten können. Schon am ersten Tag sprach Mayer am liebsten über Mayer. Darüber, dass er wegen seines Mandats bedroht werde, und um Leib und Leben fürchten müsse und er deshalb den Rechtsstaat in Gefahr sehe. Denselben Sermon gab er am Abschlusstag erneut zum Besten und verschärfte das noch durch den Vortrag einer Email, die ebenfalls Bedrohliches enthielt. Mit einer Verteidigung seines Mandanten hatte das nur noch stellenweise zu tun. Hier sprach ein Top-Jurist, der sich auf der Suche nach einer Strategie in die Inszenierung der eigenen Angst rettete. Rudolf Mayer, angeblich einst Schüler an einem berühmten Wiener Schauspielseminar, war sicher auch eine Kuriosität der vergangenen vier Tage.

Nun aber ist er vorbei, dieser Jahrhundertprozess. Die rund 300 Journalisten packen ihre Sachen, der Bäcker mit seinem mobilen Laden vor dem Pressezelt wird sie vermissen, die Stadt wird sich freuen, sie kommt wieder zur Ruhe. Das war alles ein bisschen viel für das kleine St. Pölten. Fritzls letzte Worte im Gerichtssaal übrigens waren: "Ich bereue aus ganzem Herzen, was ich meiner Familie angetan habe. Ich kann es leider nicht mehr gut machen. Ich kann nur schauen, den Schaden nach Möglichkeit zu begrenzen."

Dazu wird er kaum Gelegenheit haben. Fritzl kommt jetzt in eine Haftanstalt für psychisch abnorme Straftäter. Dort wird er bis zu seinem Tod über seine Taten grübeln können. Für die Welt aber ist Josef Fritzl nun eine Geschichte, die man sich noch lange erzählen wird. Eine Geschichte über das "Monster von Amstetten". Eine Geschichte, die eine unglaubliche Tragödie, aber gerade während des Prozesses auch Theater und Spektakel war. Doch der Vorhang ist gefallen. Das "Monster" ist im Loch.

Themen in diesem Artikel