Islamistische Piraten Gotteskrieger zur See

Die Piraten vor Somalias Küste zeigen, wie leicht verwundbar der Welthandel ist. Und sie lassen ahnen, was folgen könnte, wenn Terroristen ihren Heiligen Krieg aufs Wasser verlegen. Die Nato hat das beängstigende Szenario bereits in einem Planspiel durchgespielt.
Von Matthias Oden und Andrzej Rybak

Als der Notruf des Öltankers die Nato erreicht, ahnt niemand, was der Welt bevorsteht. Dann verlässt das Schiff im Mittelmeer seinen Kurs und steuert direkt auf die französische Küste zu. Sämtliche Versuche, Kontakt mit der Brücke aufzunehmen, scheitern. Schnell macht sich die Gewissheit breit: Es sind Terroristen an Bord. Wenn sie die schwimmende Bombe im Hafen von Marseille hochgehen lassen, ist eine Katastrophe programmiert. Im Mittelmeer bahnt sich ein neuer 11. September an.

Vom Planspiel zur Realität?

Das Planspiel, das auf dem Bündnisgipfel der Nato im Frühling noch wie ein überzogenes Horrorszenario wirkte, scheint ein halbes Jahr später gar nicht mehr so unrealistisch. Vor einer Woche haben Seeräuber vor der Küste Somalias den Supertanker "Sirius Star" mit rund zwei Millionen Barrel Öl an Bord gekapert. Wert der Ladung: 100 Mio. Dollar. Sie fordern 15 Mio. Dollar Lösegeld. Wenn nicht gezahlt wird, drohen sie, werde das Schiff gesprengt.

Seit Jahresbeginn haben somalische Piraten bereits 92 Schiffe angegriffen und 39 Frachter, Tanker und Fischtrawler entführt. 14 Schiffe samt 340 Mann Besatzung ankern zurzeit vor der wilden Küste in Erwartung von Lösegeldzahlungen, darunter der ukrainische Frachter "Faina" mit 33 T-72-Panzern an Bord. Von den weltweit 199 Übergriffen, die bis September an das International Maritime Bureau (IMB) gemeldet wurden, fand fast jeder zweite vor der ostafrikanischen Küste statt. Die Welt schaut machtlos zu - obwohl Dutzende Kriegsschiffe der Nato und der EU, aus Indien und Russland im Golf von Aden kreuzen.

Welthandel ist verwundbar

Für Sicherheitsexperten ist die Renaissance der Seeräuberei ein Warnzeichen. "Die Häufung der Übergriffe zeigt, wie verwundbar die Handelsrouten sind", sagt Rolf Tophoven, Direktor des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik. Die Piraten führen vor, welch leichte Beute die Schiffe sind. Noch schauen islamische Gotteskrieger dem Treiben tatenlos zu. Doch die Gefahr, dass sich das ändert, wächst. "Wenn in nächster Zukunft auf die Handelsrouten ein massiver Anschlag verübt werden würde, wäre das nicht überraschend", warnt Tophoven.

Piratenangriffe gibt es vor den Küsten Somalias und Indonesiens seit Langem. Doch noch nie griffen die Seeräuber so große Schiffe an wie heute. "Die Piraten werden immer frecher", sagt der Kenianer Andrew Mwangura, Leiter des Seafarer's Assistance Programme, der zwischen Piraten und Reedern vermittelt. "Die Anwesenheit von Marineschiffen stachelt sie eher noch an." Die Situation sei längst außer Kontrolle, sagt IMB-Direktor Noel Choong. Den Seeräubern militärisch beizukommen sei kaum noch möglich - viel zu groß sei die Region. Der Kenianer Mwangura teilt diese Einschätzung: Der Patrouilleneinsatz könne das Problem eindämmen, aber nicht lösen.

"Sie leben wie die Könige"

Das Aufblühen der Freibeuterei am Horn von Afrika wurde durch den Zerfall jeglicher Ordnungsmacht in der Region bedingt. Seit 17 Jahren wird Somalia von Clankämpfen und Bürgerkriegen erschüttert, es gibt keine staatlichen Institutionen und keine Strafverfolgung. Hungersnöte und Armut treiben den Piraten den Nachwuchs zu. "Vor fünf Jahren gab es 250 Piraten, heute sind es 1500", sagt Mwangura. Die Piraten haben Geld, leisten sich mehrere Frauen und leben - anders als das Gros der Somalis - in großen, gemauerten Häusern.

"Sie leben wie Könige. Alles in der Öffentlichkeit, ohne dass sie die Quelle ihres Reichtums verschleiern müssten", sagt der ägyptische Banker Hany Aby-El-Fotouh. In der Bevölkerung wird die Freibeuterei akzeptiert. "Die Jungs in den Schnellbooten sind aber nur das Fußvolk", sagt Mwangura. "Die Masterminds sitzen in klimatisierten Büros in Dubai und Nairobi, in London oder Hamburg. Es ist eine weltumspannende Struktur, wie die Mafia." Mittelsmänner in den großen Häfen der Region informieren die Piraten über Schiffsrouten und deren Ladung. Sie versorgen sie mit modernen Waffen, kräftigen Außenbordmotoren, Navigations- und Kommunikationssystemen. Es ist ein Megageschäft: Seit 1996 kassierten die Piraten etwa 150 Mio. Dollar Lösegeld, schätzt Kenias Außenminister Moses Wetangula.

Noch überwiegen kommerzielle Gründe

Noch, so der Konsens der Sicherheitsexperten, ist der Großteil aller Überfälle auf See vor allem kommerziell motiviert. Weniger als ein Prozent aller Terroranschläge weltweit wird auf Schiffe oder Häfen verübt. Aber der militante Islamismus findet im Bürgerkriegschaos Somalias einen idealen Nährboden für seinen Krieg gegen den Westen. Und der Einfluss der Gotteskrieger vorm Horn von Afrika wächst. "Es gibt Piraten mit ganz klar terroristischen Bindungen, und das ist neu", sagt Donna Nincic, Professorin für Internationale Beziehungen und maritime Politik an der State University in Kalifornien.

Somalia hat in den vergangenen Jahren eine fortschreitende Islamisierung erlebt. Die fundamentalistische Gruppe al-Shabaab, die Kontakte zu al-Kaida unterhält, kontrolliert weite Gebiete des Landes. Deren Anführer, die oft in Saudi-Arabien und dem Jemen ausgebildet wurden, versuchen längst, manche Piratengruppe für sich zu gewinnen. "Es gibt auch Fälle von Kooperation", sagt Abdisaid Ali, ein früherer somalischer Regierungsbeamter.

Jüngste Entführung belastet das gute Einvernehmen

Die Piraten schmuggeln Waffen für die Islamisten und werden mit einem Teil der Ladung belohnt. Islamisten trainieren die Piraten in Waffengebrauch und Kampftaktik und werden an Lösegeldern beteiligt. Die Entführung der "Sirius Star" hat das Einvernehmen zwischen den Gruppen vorübergehend getrübt. Der Tanker gehört Saudi-Arabien, das die Gotteskrieger immer unterstützt hat.

Erste Auswirkungen der eskalierenden Seeräuberei sind bereits weltweit zu spüren. Immer mehr Reedereien lenken ihre Schiffe statt durch den Suezkanal um das Kap der Guten Hoffnung herum. Der Umweg von beinahe drei Wochen schlägt bei einem Supertanker mit rund einer Mio. Dollar zu Buche, das sind etwa 50 Cent pro Ölfass. Selbst Reeder, die die kürzeren Risikostrecken befahren, müssen mit steigenden Kosten rechnen: Die Versicherungsprämien explodieren.

Die meisten Güter werden verschifft

Die Welt ist vom maritimen Güterverkehr abhängig wie noch nie zuvor. Rund 92 Prozent der global gehandelten Waren werden heute auf dem Wasserweg transportiert. Ein US-Strategiepapier bezeichnet den Seehandel als "absolut lebenswichtig für Amerikas Wirtschaft". Und in einem Bericht des deutschen Flottenkommandos heißt es: "Eine Unterbrechung der Rohstoff- und Warentransporte über See hätte (...) dramatische Folgen für die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft, die Beschäftigungslage und die Stabilität Deutschlands."

Die Bedeutung des Seehandels ist den Terroristen wohl bewusst. Schon vor Jahren gab Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden die Devise aus, die "ökonomischen Lebenslinien" des Westens anzugreifen. Im April tauchte im Internet ein Manifest auf mit dem Titel "Maritimer Terrorismus ist strategische Notwendigkeit". "Es sieht so aus, als ob al-Kaida und ihre Verbündeten ihren Fokus auf See verlegen würden - in ihrem Bemühen, die wirtschaftlichen Interessen des Westens zu unterminieren", sagt Peter Chalk, Sicherheitsanalyst bei der Rand Corporation, die in den USA Militär und Wirtschaft berät.

Die Terrororganisation Nummer eins hat bereits bewiesen, dass sie zu Anschlägen auf See fähig ist: 2000 griffen Selbstmordattentäter mit Sprengbooten die US-Zerstörer "The Sullivans" und "Cole" an. Zwei Jahre später beschädigte al-Kaida den französischen Öltanker "Limbourg" vor der jemenitischen Küste, 90.000 Barrel Öl liefen aus.

In Sri Lanka sind Selbstmordattentate auf Schiffe bereits Alltag. Im Kampf für einen eigenen Staat ist den Rebellen der Tamil Tigers, die von mehreren Ländern als Terroristen eingestuft werden, jedes Mittel recht. Noch geht von diesen lokalen Attacken keine Gefahr für den internationalen Seehandel aus. Das könnte sich ändern. "Die Selbstmordattentate der Tamil Tigers haben Vorbildfunktion für andere Terrorgruppen", sagt Sicherheitsexperte Tophoven.

Einen regen Erfahrungsaustausch soll es bereits zwischen der philippinischen Terrorgruppe Abu Sayyaf und der indonesischen Jemaah Islamiyah geben, sagt die US-Professorin Nincic. Die eine Gruppe jagte 2004 die Fähre "Superferry 14" in die Luft, 116 Menschen starben. Die andere ist für die Bombenattentate auf Bali 2002 verantwortlich. "Von Jemaah Islamiyah weiß man, dass sie an ihrem maritimen Angriffspotenzial arbeiten", sagt Nincic. Die Straße von Malakka, der meistfrequentierte Flaschenhals des Welthandels, ist nicht weit. Sie wird täglich von 2000 Schiffen passiert.

Um der Doppelbedrohung aus Piraterie und maritimem Terrorismus Herr zu werden, rüsten Politik und Wirtschaft auf. Auf Drängen der USA sind die weltweit rund 600 Seehäfen in Sperrgebiete mit Kameras, Ausweiskontrollen und Stacheldraht verwandelt worden, in denen Container nach Bomben durchsucht werden. Supertanker erhalten von der US-Marine Sensorsysteme, die Taucher aufspüren sollen, bevor sie Minen an die Bordwände kleben können. Auch private Sicherheitsfirmen drängen in den Markt.

Für Terrorforscher Tophoven steht der Gewinner in diesem ungleichen Kräftemessen bereits fest: "Jeder Dollar, der für mehr Sicherheit ausgegeben wird, ist ein Punktsieg für die andere Seite."

FTD

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