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Streit um Jerusalemer Tempelberg: Gewalteskalation in Israel erinnert an Intifada

Nach der Erschießung eines palästinensischen Attentäters in Jerusalem ruft Palästina zu einem "Tag des Zorns" auf. Die Gewalt schürt die Furcht vor einem neuen Palästinenser-Aufstand.

Im Mittelpunkt des jahrzehntelangen Konflikts zwischen Juden und  Muslimen steht Jerusalem und dort der beiden Religionen heilige  Tempelberg

Im Mittelpunkt des jahrzehntelangen Konflikts zwischen Juden und
Muslimen steht Jerusalem und dort der beiden Religionen heilige
Tempelberg

Der Streit um den Tempelberg hat Jerusalem am Donnerstag an den Rand einer bislang beispiellosen Gewalteskalation gebracht. Die Gewalteskalation am Jerusalemer Tempelberg weckt Erinnerungen an den Beginn der zweiten Intifada, den palästinensischen Volksaufstand im Jahr 2000. Nach dem Attentat auf einen jüdischen Ultranationalisten, der lebensgefährlich verletzt wurde, erschoss die israelische Polizei am frühen Morgen einen tatverdächtigen Palästinenser. Das Juden und Muslimen heilige Felsplateau wurde erstmals seit dem Sechstagekrieg von 1967 vollständig abgeriegelt. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas sprach von einer "Kriegserklärung".

Das Attentatsopfer Jehuda Glick schwebte am Donnerstag weiter in Lebensgefahr. Der religiöse Ultranationalist wurde am Mittwochabend vor dem Begin-Center niedergeschossen. Er hatte dort zuvor einen Vortrag über jüdische Ansprüche auf das Plateau gehalten, auf dem sich die Al-Aksa-Moschee und der Felsendom, ein islamischer Schrein, befinden.

Eine Spezialeinheit der Polizei umstellte am Morgen in der Nähe des Anschlagsortes ein Wohnhaus im Ost-Jerusalemer Stadtteil Abu Tor. Dort war laut Polizei das Motorrad entdeckt worden, mit dem der Attentäter wenige Stunden zuvor geflüchtet war. Das Armee-Radio berichtete zudem, er habe als Küchenhilfe in dem Konferenzzentrum gearbeitet. "Als die Polizisten ihn festnehmen wollten, schoss der Verdächtige auf sie und wurde im Gegenfeuer getötet", sagte eine Polizeisprecherin.

Rechtsradikale Gruppen mobilisieren

Nachbarn des erschossenen Palästinensers berichteten, es handele sich um den 32-jährigen Muatas Hidschasi. Die radikale Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad teilte mit, Hidschasi sei Mitglied ihrer Organisation gewesen.

In der gesamten Jerusalemer Innenstadt wurden Sicherheitskräfte mobilisiert, um Unruhen zu unterbinden. Dennoch kam es immer wieder zu Zusammenstößen. Rechtsradikale jüdische Gruppen mobilisierten zu einem Protestmarsch in Richtung Klagemauer, die den Tempelberg westlich abschließt. Daraufhin wurde das Felsplateau komplett von der Polizei abgeriegelt.

Die völlige Schließung des Al-Aksa-Geländes auch für muslimische Gläubige ist nach Angaben der jordanischen Stiftung, die das Plateau verwaltet, bisher noch nie vorgekommen. Der für arabische Medien zuständige israelische Regierungssprecher Ofir Gendelman sagte, die Schließung sei "vorübergehend", sie solle "eine Gewaltzunahme verhindern".

Am Nachmittag belagerten etwa 50 rechtsradikale Aktivisten das sonst von nichtmuslimischen Besuchern genutzt Marokkaner-Tor. Sie schwenkten israelische Fahnen und skandierten "Befreit den Tempelberg". Vier von ihnen wurden festgenommen, als sie versuchten, über das Tor zu klettern.

Prominentes Ziel

Palästinenserpräsident Abbas machte die israelische Regierung für die jüngste Gewalt in Ost-Jerusalem verantwortlich. "Die Fortsetzung dieser Angriffe und der gefährlichen israelischen Eskalation bedeuten eine Kriegserklärung an das palästinensische Volk, an seine heiligen Stätten sowie an die arabische und muslimische Nation", erklärte er.

Bestrebungen ultranationalistischer Juden, am Tempelberg zu beten und Vorbereitungen für den Bau eines neuen jüdischen Tempels hatten in den vergangenen Wochen zu Krawallen geführt.

Die israelische Regierung hat allerdings wiederholt betont, dass eine Statusänderung auf dem Plateau nicht beabsichtigt sei. Das Oberrabbinat der Juden untersagt seinen Glaubensanhängern aus religiösen Gründen sogar, den Tempelberg zu betreten. Auch große Schilder am einzigen Touristeneingang neben der Klagemauer weisen darauf hin.

Der 48-jährige Glick, der von vier Kugeln getroffen und mehrfach operiert wurde, stammt aus New York und lebt seit neun Jahren in einer jüdischen Siedlung bei Hebron. Mehrere Jahre war er Direktor des "Tempel-Instituts", einer Sekte, die den Bau des Dritten Jüdischen Tempels anstelle des Felsendoms aktiv vorbereiten will.

Nach der Abriegelung des Tempelbergs in Jerusalem infolge von Schüssen auf einen jüdischen Ultranationalisten hat Israel aber das Felsplateau am Donnerstagabend wieder geöffnet.

Schweden erkennt Palästina an

Die US-Regierung forderte Israel auf, die Al-Aksa-Moschee "allen muslimischen Gläubigen" zugänglich zu machen. US-Außenamtssprecherin Jen Paksi äußerte sich "äußerst besorgt" über die wachsenden Spannungen und rief alle Seiten dazu auf, Ruhe zu bewahren. Zugleich verurteilte sie den Anschlag auf Glick, der die israelische und die US-Staatsbürgerschaft besitzt.

Israel rief seinen Botschafter in Schweden zu "Konsultationen" zurück, nachdem Schweden am Donnerstag als erstes westliches EU-Land Palästina als eigenständigen Staat anerkannte.

ivi/AFP / AFP